Die 38-jährige äthiopisch-schwedische Sängerin Sofia Jernberg gibt bei den Wiener Festwochen die Diva der

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Jucheissassa oder jössasnah: Neigen die Menschen in Wien eher zum Jauchzen oder zum Lamentieren? Das hohe Alter klagt gern, die Jugend jubiliert eher, möchte man meinen. Aber das sind wohl altersadäquate Seinszustände, wie sie weltweit zu beobachten sind. "Hymns and Laments" aus aller Welt haben Sofia Jernberg und Christian Karlsen zusammengetragen. Im Lockdown in Stockholm (gab’s das dort also eh auch?) sollen sich die Sängerin und der Dirigent musikalisch ausgetauscht haben.

Nun präsentierten die zwei zusammen mit einer zehnköpfigen Streichergruppe von den Wiener Symphonikern und Cory Smythe am Klavier weltweit erstmals fünf Werke zu diesem Themenfeld; Werke, die inspiriert und durchdrungen waren von volkstümlicher Musik aus Äthiopien, aus China und Norwegen sowie mit Musik von Jean-Philippe Rameau (was man eher weniger gehört hat) und Giacomo Puccini (das deutlich mehr).

Sie kann so ziemlich alles

Jernberg, in Äthiopien geboren und danach in Vietnam und Schweden aufgewachsen, kann mit ihrer Stimme so ziemlich alles, und sie macht es auch: Die 38-Jährige ehemalige Altenpflegerin ist die Diva des Experimentalgesangs. Im Jugendstiltheater auf der Baumgartner Höhe zog sie ganz in Schwarz, gemessenen Schrittes und mit stolzer Haltung in den charmant abgerockten Saal ein, der Ruf ihrer Stimme schallte ihr dabei voraus.

Jernberg sang einstimmig und mehrstimmig (echt jetzt), schnarrend und schön. Peu à peu trudelten auch die Saitenspieler ein, jede und jeder auf seinem Instrument eine Weise anstimmend (choreografische Mitarbeit: Alma Söderberg). Man setzte sich, der von Jernberg arrangierte Puccini-Teil begann (und endete) mit Zitaten aus seiner wundervollen "Tosca", dazwischen wandelte sich die Stimme der Solistin immer wieder vom Ton zum Geräusch, glich sich dem Gekratze der Geigen an, gleich einem Chamäleon des Klangs.

Wilde Soli, stille Andacht

Auch bei den folgenden Teilen öffneten sich akustische Assoziationsfelder, wurden Klangzeichnungen von grafischer Feinheit angefertigt. Die Grundstimmungen: eher filigran, schwebend, hell; aber belebende Steigerungen und Wechsel der akustischen Schauplätze hielten Spannung und Aufmerksamkeit im Publikum aufrecht. Man nahm wilde Cello-Soli wahr, die in entspannte Duos münden; es gab rhythmisierte Sprechstellen, es wurde auf die Instrumente geklopft: Wien modern im Jugendstilambiente.

Mal wurden die Groß- und die Normalgeiger auch zu Sängern, die kraftvoll einen vokalreichen afrikanischen Hymnus anstimmten. Die klingenden Dinge befanden sich in einem langen und ruhigen Fluss, griffen ineinander oder mutierten auf stimmige, sensible Art und Weise. Eine behutsame Rundreise durch die Welt, eine Andacht, eine Hörschule.

Der gelernte Wiener weiß allerdings, dass die feinsten Höreindrücke sofort wieder zerfetzt werden, wenn er in einer ULF-Bim sitzt, die mit ihrem grellen, schrillen Sirren zu den großen Plagen dieser Stadt gehört, über die nicht laut genug lamentiert werden kann. (Stefan Ender,10.6.2022)