Die Sommerferien stehen bevor – und damit auch die Notwendigkeit, Kinder betreuen zu lassen, während die Eltern arbeiten. Nicht immer gibt es Großeltern, die das übernehmen können, weshalb viele ihre Kinder für ein Feriencamp anmelden. Eine ideale Zeit, um Spannendes zu erleben, sich aus der eigenen Komfortzone hinauszuwagen und Segeln zu lernen, am Lagerfeuer zu schmusen und die neue beste Freundin zu treffen.

Die erste Zeit ohne Eltern muss aber nicht ausnahmslos schön und aufregend sein. Sie kann auch gewisse Risiken bergen: Ein Kind wird von anderen ausgeschlossen, verspottet oder es bekommt so starkes Heimweh, dass es richtig wehtut. Auch die Gefahr sexueller Übergriffe besteht. Nach der Berichterstattung über einen verurteilten Sexualstraftäter, der weiterhin Freizeitcamps anbot, machen sich viele Eltern genau darüber Sorgen. Der Mann hat seine Strafe abgebüßt, doch die Verunsicherung ist nun groß. Worauf können Eltern achten, wenn sie ein Sommercamp aussuchen?

Martina Wolf ist Geschäftsführerin der Österreichischen Kinderschutzzentren und nennt mehrere Kriterien, an denen sich Eltern bei der Auswahl orientieren können. "Eine größere, bekanntere Organisation bietet möglicherweise einen höheren Schutzfaktor als eine Einzelperson, die allein die Verantwortung hat", sagt Wolf im Gespräch mit dem STANDARD. Die Expertin betont, dass sie keinesfalls einen Generalverdacht aussprechen wolle und auch Einzelunternehmer gute Arbeit leisten können – der Vorteil einer Organisation sei jedoch, dass es meist eine Kontrolle durch andere, Dienstvorschriften und Schutzkonzepte gibt. "Wenn es einen Verdacht auf Missbrauch gibt, wird die Person sofort abgezogen."

Ausgebildet für die Arbeit?

Ein weiterer Aspekt, auf den Eltern achten sollten: ob der Anbieter und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überhaupt für die Arbeit mit Kindern geschult sind. "Haben sie eine Ausbildung? Wissen sie über Kinderrechte und Kinderschutz Bescheid? Was wird unternommen, wenn etwas passiert?" Nicht nur Missbrauch sei eine potenzielle Gefahr, sondern auch Probleme zwischen den Jugendlichen, etwa Mobbing. Wichtig sei, dass den Kindern und Jugendlichen erklärt wird, wo sie sich hinwenden können, wenn sie sich nicht wohlfühlen oder etwas vorgefallen ist. "Gibt es eine Vertrauensperson vor Ort, die es ansprechen kann, und stehen Informationen zu Hilfsangeboten wie 'Rat auf Draht' bereit? Wie und wo können sie sagen, wenn sie etwas nicht gut finden?" Das seien Fragen, die Eltern bestenfalls vor der Anmeldung klären.

Für die meisten eine unbeschwerte Zeit, für manche eine schlimme Erfahrung. Wie können Eltern erkennen und sicherstellen, dass Anbieter die Kinder und Jugendlichen vor Mobbing, Übergriffen oder Missbrauch schützen?
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Ebenfalls informieren sollten sie sich, ob es Telefonzeiten gibt. In einigen Camps ist es mittlerweile üblich, dass die Kinder tagsüber keine Smartphones nutzen dürfen. "Dann ist es wichtig zu fragen, ob es Zeiten gibt, wo sie zu Hause anrufen und sich besprechen können." Von Vorteil sei zudem, wenn unter den Betreuungspersonen sowohl Männer als auch Frauen sind, sagt Wolf. Viele Mädchen würden eher mit Frauen über Probleme sprechen und viele Buben bereitwilliger mit Männern. Für den Fall, dass es ihnen einmal nicht so gut geht und sie Ruhe brauchen, müsse Kindern zudem ein Rückzugsort zur Verfügung stehen.

Vor der Abfahrt sollten Eltern dem Kind signalisieren, "dass sie immer ein offenes Ohr haben und es sich jederzeit melden kann". Wenn es sich tatsächlich meldet, sollten sie ihr Kind ernst nehmen, empathisch nachfragen und es gegebenenfalls abholen.

Respektvolle Distanz

Auch Hedwig Wölfl, Leiterin der Kinderschutzorganisation Möwe, empfiehlt Eltern zu prüfen, "ob alles an einer Person hängt oder ob es ein Team gibt". Neben Konzepten für den Schutz vor Mobbing, Übergriffen und Missbrauch seien auch klare Regeln für den Umgang miteinander entscheidend. Ebenso achtsame Nähe und eine respektvolle Distanz zu den Kindern, also kein gemeinsames Duschen oder Schlafen.

Aber auch die Bedürfnisse des Kindes sollten bei der Auswahl besonders berücksichtigt werden, sagt Wölfl. Sie empfiehlt Eltern, ganz genau hinzuhören, was ihr Kind braucht, um sich sicher zu fühlen. "Es gibt Kinder, die wollen gerne allein fahren und etwas erleben, und solche, denen es Sicherheit gibt, wenn sie mit dem besten Freund oder der besten Freundin fahren können – oder zumindest irgendjemanden kennen." Auf Interessen und Ängste gelte es ebenfalls Rücksicht zu nehmen. "Ein Kind, das vor Spinnen Angst hat, wird in einem Zeltlager am See möglicherweise weniger gut aufgehoben sein und passt vielleicht besser in ein Englisch-Lerncamp."

Sorgsam ausgewählt seien Feriencamps jedoch eine ausgezeichnete Möglichkeit, um selbstständiger zu werden, sagt Wölfl. Die neuen Eindrücke, die neuen Menschen, der unbekannte Ort: Das alles erweitere den Horizont. "Selbst Heimweh zu erleben oder jemand Unbekannten anzusprechen sind Dinge, die Kinder reifen lassen und ganz wichtige Erfahrungsschätze sind", erklärt Wölfl, sagt aber auch: "Wenn ein Kind sich strikt weigert zu fahren, müssen das Eltern auch respektieren." Für diese Kinder seien Tagesangebote am Wohnort womöglich geeigneter.

Wölfl rät, Kindern und Jugendlichen auf das Sommercamp eine Art "psychologischen Notfallplan" mitzugeben. Damit sie wissen, was sie tun können, falls sie selbst oder andere in eine schwierige Situation geraten. "Sie sollten mit ihnen darüber reden, wohin sie sich wenden können, wenn sie traurig sind oder Angst haben. Aber auch, wie sie reagieren können, wenn sie beobachten, dass ein Mädchen oder ein Bub schlecht gemacht wird."

Forderung nach einem Gesetz

Damit Eltern mehr Sicherheit haben, dass ihr Kind auch in guten Händen ist, fordert Hedwig Wölfl eine Zertifizierung für Anbieter, und eine unabhängige Stelle, die sie überprüft. Außerdem eine Forderung der österreichischen Kinderschutzorganisationen ist ein bundesweites Kinderschutzgesetz. "Wir wünschen uns Qualitätskriterien, die jemand erfüllen muss, um mit Kindern zu arbeiten", sagt Martina Wolf. Wobei die Expertin auch betont, dass die meisten Fälle von Kindesmissbrauch nicht in Feriencamps, sondern in der eigenen Familie stattfinden. (Lisa Breit, 16.6.2022)