Wie Phönix aus der Asche: Die Golden State Warriors, NBA Champion 2022.

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Draymond Green herzt seinen genialen Trainer Steve Kerr.

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Bostons Jayson Tatum (l.) war am Ende kein Faktor mehr, ebenso sein Kollege Marcus Smart.

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Ohne Vergangenheit kann man keine Zukunft haben. Es war im Juni 2019, als sich Klay Thompson nach einem Foul das linke Kreuzband riss, am Weg in die Kabine der Scotiabank Arena in Toronto umdrehte und humpelnd zwei zugesprochenen Freiwürfe verwertete. Die Golden State Warriors verloren nicht nur das Finale gegen die Toronto Raptors, es war das Ende einer Basketballdynastie, hier hatte eine der besten Mannschaften, die die National Basketball Association (NBA) je gesehen hatte, ihren letzten großen Auftritt, da waren sich Kritiker einig.

Nun ja, es kam anders. Drei Jahre später sind die kalifornischen Krieger wieder auf dem Thron nach einem 103:90-Sieg im sechsten Finalspiel gegen die Boston Celtics, Endstand 4:2. Es ist der erste Meistertitel seit 2018, der vierte in den vergangenen acht Jahren, und er kam unerwartet nach einem Abstieg ins Jammertal samt Verletzungen und dem Abgang von Superstar Kevin Durant. "Vor Beginn der Saison hat niemand geglaubt, dass wir das schaffen würden. Außer uns. Das ist surreal", sagte Trainer Steve Kerr. 2020 war Golden State das schlechteste Team der Liga, im Vorjahr verpasste man ebenfalls das Playoff. Das war die Mannschaft aus San Francisco nicht gewohnt, die mit ihrem ganz eigenen Stil eine Sportart revolutionierte.

Kerr, der sich immer wieder emotional zur US-Waffenpolitik äußert, schuf ein passintensives System, das von ständiger Bewegung abseits des Balles lebt und so Abwehrreihen durcheinanderwirbelt. Wurfchancen werden blitzschnell wahrgenommen. Ein Spiel gegen dieses Team fühle sich an, als sitze man in einem Boot mit drei Löchern, aber nur zwei Stöpseln, so beschrieb es der Defensivtrainer eines Kontrahenten. Die Warriors-Offensive findet zuverlässig das dritte Loch.

Die Revolution

Und es ist ein Erfolg, der rund um einen Spieler aufgebaut wurde: Wardell Stephen Curry II, wie er mit vollem Namen gleich seinem Vater, einem Ex-NBA-Profi, heißt. Der 34-jährige Spielmacher kam in den sechs Partien gegen Boston im Schnitt auf 31,2 Punkte, 5,8 Rebounds und fünf Assists, dafür wurde er auch zum wertvollsten Spieler der Finalserie gekürt.

Der Anfang vom Ende. Und doch wieder ein Neuanfang.
House of Highlights

Kaum jemand hätte Curry in seinen Anfängen den Aufstieg zum besten NBA-Werfer aller Zeiten zugetraut. Ein dürrer Bursch, gerade mal 1,91 Meter groß, wiewohl auffallend als Punktelieferant für das kleine Davidson-College im US-Bundesstaat North Carolina.

Elefanten unter den Körben

Früher passte man den Ball zu Elefanten unter den Körben wie dem 145 Kilo schweren Shaquille O‘Neal oder Tim Duncan. Der Distanzwurf war quasi eine Ausweichoption. Stephen Curry kultivierte den Dreier, nahm ihn sich tonnenweise. Seit vergangenen Dezember ist Curry offiziell der beste Scharfschütze aller Zeiten, mittlerweile hält er bei sagenhaften 3117 verwandelten Dreipunktwürfen vor Ray Allen (2973) und James Harden (2593). In Currys erstem NBA-Jahr 2010 gab es in einer Partie im Schnitt 18,1 Dreier-Versuche – in der abgelaufenen Saison lag dieser Wert je Team bei 35,4. "Er hat die Art, wie das Spiel gespielt wird, revolutioniert", sagt NBA-Boss Adam Silver.

Geld spielt keine Rolex

Für den Besitzer der Warriors, Joe Lacob, war Curry jedenfalls ein Goldgriff. Im Verein setzt man seit Jahren im Kader auf Kontinuität, die aktuelle Mannschaft passte perfekt zum alten Warriors-Kern. Nicht immer sah alles rund aus, das Playoff ging sich ohne Zittern aus. Und Mitte März, kurz vor Ende der regulären Saison, standen Curry, Draymond Green und Thompson, der zwei Jahre mit einem Achillessehnenriss und besagtem Kreuzbandriss weg vom Fenster war, erstmals nach mehr als tausend Tagen wieder gemeinsam auf dem Parkett.

Golden State ist einer der reichsten Klubs der NBA, das Silicon Valley ums Eck. Der 66-jährige Lacob hat sein Milliardenvermögen als Finanzinvestor gemacht, 2010 kaufte der US-Amerikaner Mehrheitsanteile an den Warriors. Gutes Timing, könnte man sagen. Weil das Geld auf der Straße liegt, können die Warriors auch die Salary-Cap-Auflagen der NBA massiv überschreiten und zusätzlich zu den Spielergehältern von 171 Millionen Dollar 56 Millionen als sogenannte Luxussteuer in einen Topf der Liga einzahlen, aus dem wirtschaftlich schwächere Teams alimentiert werden. Aber Geld allein ist bekanntlich keine Sieggarantie. "Sind sie das talentierteste Team?", fragte der amerikanische TV-Experte Mark Jackson, leicht verbitterter Vorgänger von Kerr als Warriors-Coach, nach dem Triumph und gab sich selbst die Antwort: "Nein, aber sie haben den besten Zusammenhalt."

Die Boston Celtics verpassten die Chance, sich zum alleinigen Rekordchampion zu krönen, halten weiter bei 17 Titeln wie die Los Angeles Lakers. Knackpunkt war Spiel vier in Boston, die Celtics hätten 3:1 in der Serie in Führung gehen können, ob Golden State diesen Rückstand aufgeholt hätte? Die Celtics leisteten sich aber zu viele Ballverluste und hatten die schwächere Bank. Curry rettete seine Warriors mit einer legendären 43 Punkte-Perfomance. Auf dem Papier war Boston die talentiertere Mannschaft. Bei den Warriors explodierte Andrew Wiggins, vielfach kritisierter Ex-Nr.1-Draftpick, der jeglichen Celticsspieler vorne anfüllte und hinten abmontierte. Boston-Coach Ime Udoka war zerknirscht: "Die größte Botschaft ist, an der Niederlage zu wachsen und das nächste Level zu erreichen." (Florian Vetter, 18.6.2022)