März und April 2022 zählten zu den trockensten der vergangenen 150 Jahre.

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Ungewöhnlich warm fühlte sich der Mai in diesem Jahr an. Und im März und im April regnete es so wenig, zumindest gefühlt. Dann war da noch der gelbe Staub, der sich in diesem Jahr auf Autos und Fensterbänke legte. Was wir mehr oder weniger bewusst wahrnehmen, ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern es sind unwiderlegbare Fakten.

Schon am 11. Mai war es zum ersten Mal im Jahr über 30 Grad heiß. Solche Hitzetage kommen in Österreich immer früher und öfter, das bestätigen die Statistiken. Diese zeigen auch, dass der März und der April in diesem Jahr zu den trockensten in den vergangenen 150 Jahren zählten. Und was den gelben Staub betrifft: Dieser stammt von der Fichte, die heuer zu einer Rekordblüte angesetzt hat. Nicht weil es ihr so gutgeht, sondern weil sie laut einigen Experten ums Überleben kämpft.

Der Klimawandel ist längst in Österreich angekommen, und mit ihm die Folgen, die sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten laut Prognosen noch verstärken werden. Das bedeutet: mehr Hitzewellen, mehr Tropennächte, längere Trockenperioden, gefolgt von Starkniederschlägen mit Überschwemmungen und mehr Unwetterkatastrophen.

So heiß wie nie

Laut der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) lagen die wärmsten Sommer in den vergangenen 250 Jahren alle in der jüngeren Vergangenheit: Die heißesten waren 2003 und 2019, gefolgt von 2015, 2017 und 2018. Bis Ende des Jahrhunderts dürften mehr als 40 Hitzetage im Jahr, also Tage, an denen es über 30 Grad hat, zum Normalfall werden, sagen Meteorologinnen und Meteorologen. Gleichzeitig ist die Zahl der Tage mit extremen Starkniederschlägen in den vergangenen vierzig Jahren um 30 Prozent im Vergleich zu den Jahrzehnten davor gestiegen. Es ist, als würde man das Wetter mit einem gezinkten Würfel würfeln, der durch den Klimawandel immer öfter nur höhere Zahlen anzeigt.

Stoppen lassen sich diese Veränderungen nicht mehr, sondern nur verlangsamen. Dafür muss die Welt so schnell wie möglich ihre Emissionen senken, da sind sich Expertinnen und Experten einig. Machen wir weiter wie bisher, wäre das CO2-Budget, das wir bis zum Erreichen der 1,5-Grad-Grenze noch haben, schon in sieben Jahren aufgebraucht.

Ob das Ziel nun erreicht wird oder nicht: Treibhausgase, die der Mensch in den vergangenen Jahren in die Atmosphäre geblasen hat, werden aber auch die kommenden Jahrzehnte die Erderwärmung vorantreiben. An einer weiteren Anpassung an den Klimawandel und dessen Folgen wird daher auch Österreich nicht herumkommen.

Auf dem Spiel stehen Menschenleben: Allein die Hitzewellen 2017, 2018 und 2019 waren laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) für 198 bis 550 Todesfälle mitverantwortlich.

Natur gegen Naturgewalt

Dass es neben mehr Klimaschutz auch Anpassungsmaßnahmen braucht, hat auch der Weltklimarat (IPCC) erkannt. Die weltweit wichtigste Klimaexpertengruppe hat Ende Februar auf 3000 Seiten dargelegt, wie das neue Klima unser Leben verändert – und wie wir uns schützen können. Besonders wichtig sind die sogenannten naturbasierten Lösungen. Je gesünder Ökosysteme sind, desto eher parieren sie das extreme Wetter und desto zuverlässiger liefern sie uns auch in Zeiten der Klimakrise Lebensmittel, Wasser und Rohstoffe.

Einerseits ist es also die Natur selbst, welche die Menschheit künftig vor Naturgewalten schützen soll. Andererseits braucht es kluge Köpfe, die mit Ingenieurskunst, Kreativität und Zweckoptimismus Lösungen für die kommende Heißzeit entwickeln.

Geistesblitze gegen Hitze

An solchen Ideen und Projekten zur besseren Anpassung an Hitze, Dürre, Überschwemmungen oder Unwetterschäden mangelt es in Österreich nicht. In vielen Städten, darunter auch Wien, steigt der Grünflächenanteil. Nicht nur Straßen, sondern auch Fassaden und Dächer werden zunehmend mit Bäumen, Sträuchern und Gras bepflanzt. Das soll den Hitzeinseleffekt reduzieren – also jenen Effekt, dass Städte im Sommer aufgrund der vielen versiegelten Flächen meist um mehrere Grad heißer sind als umliegende ländliche Gebiete. Zudem lässt sich Regenwasser damit besser speichern, Wasser einsparen und Überschwemmungen vorbeugen.

Das Wiener Startup Plantika will Dachschrägen bepflanzen – und so Gebäude kühlen. Mehr Ideen gegen Hitze und Trockenheit lesen Sie hier.
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Aber auch Gemeinden wie Obergrafendorf setzen auf mehr Grünflächen und experimentieren mit Konzepten wie der Schwammstadt, bei der Regenwasser lokal aufgenommen und gespeichert wird. Das Start-up Agrobiogel will mithilfe eines neuen Substrats dabei helfen, künftig auch auf den Feldern mehr Wasser für spätere Trockenphasen zu speichern. Und bei der Agrophotovoltaik, wie sie aktuell etwa bei einem Projekt in Bruck an der Leitha in Niederösterreich getestet wird, sollen Pflanzen durch Photovoltaikmodule über den Feldern wiederum mehr Schatten bekommen, wodurch einige besser gedeihen könnten und Landwirte unabhängiger von schwankenden Ernteerträgen würden. Mehr Ideen, die das Leben mit der Klimakrise erträglicher machen sollen, lesen Sie hier.

Sind wir also bereits auf dem richtigen Weg, künftig mit den Folgen des Klimawandels in Österreich gut fertigzuwerden? Nicht unbedingt, sagt die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb im Gespräch mit dem STANDARD. "Es hapert in vielen Fällen an der Umsetzung. Das Thema Anpassung ist im Großen und Ganzen leider noch nicht in der Politik und der Bevölkerung angekommen." So war beispielsweise in Wien bis vor fünf bis zehn Jahren das Thema Anpassung noch tabu, "weil man in der Politik Angst hatte, dadurch beim Klimaschutz als Versager abgestempelt zu werden," mutmaßt Kromp-Kolb.

Adaption zahlt sich aus

In vielen Gemeinden auf dem Land gebe es wiederum das Problem, dass es an Informationen und Geld für Beratung fehle, zu welchen Risiken der Klimawandel im Ort führen werde. Es bräuchte eigentlich in jeder Gemeinde ein Beratungsteam aus drei bis fünf Personen, die aus unterschiedlichen Disziplinen kommen, sagt Kromp-Kolb. Oft seien die Investitionskosten der benötigten Maßnahmen zunächst hoch, wie etwa beim Erosionsschutz. Langfristig würden sich diese Investitionen aber um ein Vielfaches rechnen.

"Anpassung passiert meist dort, wo der Druck für Veränderungen bereits hoch ist", sagt Reinhard Steuer, Professor für Klimapolitik an der Boku Wien, zum STANDARD. Das sei beispielsweise bei künstlicher Beschneiung der Fall. In vielen anderen Bereichen werde meist nicht vorausschauend agiert, sondern nur auf bereits eingetretene Extremereignisse reagiert. Das führe dazu, dass unpassende politische Entscheidungen der Vergangenheit immer öfter kostspielig revidiert werden müssen, sagt Steurer.

Kromp-Kolb glaubt, dass der Anpassungsdruck im Bezug auf den Klimawandel durchaus bereits in vielen Fällen da ist. Allerdings betreffe er am stärksten jene Menschen, die kaum politischen Einfluss haben. Dazu zählen Menschen in den unteren Einkommensklassen, die meist in lauten Stadtteilen leben, in denen sie ihr Fenster in der Nacht nicht öffnen können und die von wenig Grünfläche umgeben sind. "Wenn hingegen Menschen im neunten oder 19. Bezirk betroffen sind, schaffen sich diese schneller Gehör", sagt Kromp-Kolb. Dass Menschen in klassischen Arbeiter grätzeln stärker von Hitze betroffen sind, dokumentierte auch eine kürzlich erschienene Studie der Arbeiterkammer.

Unmittelbare Wirkung

In Zukunft brauche es mehr Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung, welche Auswirkungen der Klimawandel auf das Land und die Bevölkerung haben werde – ganz gezielt für jene Gruppen, die Mitteilungen ihrer Gemeinde normalerweise weniger wahrnehmen. Letzten Endes könne man dadurch nicht nur die Anpassung an den Klimawandel, sondern auch den Klimaschutz vorantreiben, etwa wenn durch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach auch die Innenräume gekühlt werden.

Zudem habe die Klimawandelanpassung im Vergleich zum Klimaschutz meist eine unmittelbare Wirkung. "Vielleicht können wir dann ein wenig mit der verbreiteten Annahme aufräumen, dass Klimaschutz Verzicht bedeutet", sagt Kromp-Kolb. Denn von den Maßnahmen können am Ende alle profitieren. (Jakob Pallinger, Philip Pramer, 23.6.2022)