Schon jetzt macht man sich Gedanken, wie in etwa 30 Jahren die Mobilität aussehen könnte – die Verkehrsmittel werden nachhaltiger und besser miteinander abgestimmt.

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Es klingt wie Musik aus einer fernen Zukunft und ist auch so; digital funktioniert es aber schon: Die Rede ist von einem Mobilitätskonzept, das alle Verkehrsträger umfasst. Und nicht nur das.

Die einzelnen Verkehrsträger werden derart miteinander verzahnt, dass Reisende irgendwann einmal direkt von ihrer Wohnadresse zur Destination ihrer Wahl, beispielsweise Paris, gelangen – ohne Anschlüsse checken und auch nicht umstiegen zu müssen – und in letzter Konsequenz, ohne sich aus den vertrauten vier Wänden hinauszubewegen. Taktgeber ist eine auf strategisches Design spezialisierte Agentur mit Sitz in Graz und Ablegern u. a. in Wien, München und in der US-Stadt Detroit, Moodley.

Die Idee, sich damit zu beschäftigen und eine neue Art von Mobilität zu denken, sei bei einem Frühstück entstanden. "Ich saß mit dem Innovationschef von Siemens zusammen, wir haben über dies und jenes gesprochen, dabei ist auch die Frage aufgetaucht, warum intermodale Mobilität noch nicht so funktioniert, wie sie könnte," erinnert sich Daniel Huber, Geschäftsführer für Industrial Design bei Moodley, im STANDARD-Gespräch.

System neu denken

Gründe für das Nichtfunktionieren intermodaler Mobilität habe man rasch gefunden. "Jedes Verkehrssystem optimiert sich selbst – die Autoindustrie Auto und Straße, die Bahnindustrie Züge und Gleise, Schiffbauer schauen nicht über den Bootsrand, und so weiter. Die Abstimmung funktioniert digital, nicht aber analog", fasst Huber seine Erkenntnisse zusammen.

Die Lehre daraus? "Wir haben begonnen, das System neu zu denken, den Menschen mit all seinen Wünschen und Bedürfnissen in den Mittelpunkt zu stellen," sagt Huber. Seit 2018 arbeite man an dem Projekt. Bei Siemens heißt das All for One. Mittlerweile beschäftigen sich viele andere Unternehmen auch mit visionären Konzepten, um das Mobilitätsbedürfnis der Menschen mit den Herausforderungen, die sich aus steigender CO2-Belastung und zunehmenden Staus ergeben, in Einklang zu bringen.

Neuinterpretation von Container

Die von Moodley (auf Deutsch: launisch) mit Siemens erdachte Zukunft der Mobilität setzt weder auf herkömmliche Autos noch Züge, Schiffe oder sonstige bekannte Fortbewegungsmittel. Es geht im Wesentlichen um die Neuinterpretation des Containers – außen stylish, aber in genormten Abmessungen, sodass die Bots (abgeleitet von Roboter) auf unterschiedlichste Carriersysteme passen, zu Lande, in der Luft, auf dem Wasser.

"Damit schaffen wir es nicht nur bis zur letzten Meile, sondern bis zum letzten Zentimeter," sagt Huber. Die künftigen Fortbewegungsmittel könne man, aufgeladen mit viel künstlicher Intelligenz und selbst navigierend, als erweiterten Wohnraum betrachten.

Die drei Macher von Moodley: Mike Fuisz (links im Bild), der die strategische Designagentur 1999 mit Gernot Leonhartsberger (rechts im Bild) in Graz gegründet hat. Daniel Huber (Mitte) hat sich 2018 mit Moodley zusammengetan, er verantwortet den Bereich Industrial Design.
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Die Idee dahinter: "Will man beispielsweise nach Paris reisen, bestellt man sich einen Bot vor das Haus. Den Bot kann man kaufen, mieten, sharen, was auch immer. Man steigt ein, wird zum Bahnhof gerollt, auf den Zug gehoben, an der Endstation abgeladen und zum Zielort gebracht. Der Zug selbst besteht nicht wie gewohnt aus Wagons, sondern aus aneinandergereihten Bots, so die Überlegung.

Pilotprojekte

Dass das tatsächlich so funktionieren könne, davon sei man heute vielleicht 30 Jahre entfernt. In einem nächsten Schritt sollen nun Pilotprojekte abgeleitet werden, die sich rascher realisieren lassen.

Dabei stehen sich die Ingenieure in Europa, wenn es um die Umsetzung innovativer Projekte geht, oft selbst im Weg. "Hier tüftelt und feilt man, bis alles hundertprozentig funktioniert. Erst dann geht man mit einem Produkt oder einer Lösung auf den Markt", sagt Mike Fuisz. Der gebürtige Grazer hat Moodley 1999 zusammen mit Gernot Leonhartsberger gegründet. Knapp 100 Mitarbeiter setzten zuletzt fast zehn Millionen Euro um.

Tüfteln bis zum letzten Moment

Die europäische Herangehensweise berge die Gefahr, dass andere schneller sind. Fuisz: "In den USA geht man oft schon mit 70 Prozent der Funktionalität auf den Markt und verbessert das dann laufend."

In Österreich hat Fuisz’ Partner Huber mit seinem Team u. a. die Railjets der ÖBB, den Flughafenzubringer CAT und die Flughafen-Löschfahrzeuge von Rosenbauer designt, darunter den RT, das erste elektrisch betriebene Feuerwehrauto der Welt. Huber hat sich erst 2018 mit Moodley zusammengetan. (Günther Strobl, 20.6.2022)