Die Inflation steigt, die Kaufkraft sinkt. Auf der Suche nach Rendite entdecken Anleger nun wieder Zertifikate.

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Der Preisauftrieb ist im täglichen Leben angekommen. Neben Energie haben sich zuletzt auch diverse Lebensmittel empfindlich verteuert. Im Mai lag die Inflationsrate laut Statistik Austria bei 7,7 Prozent (April 7,2 Prozent) und damit so hoch wie zuletzt im April 1976. Auch in der gesamten Eurozone kletterte die Inflationsrate weiter auf 8,1 Prozent.

Je höher die Inflation ist, desto mehr Kaufkraft büßt die Bevölkerung ein. Österreich ist traditionell zwar ein Land der Sparer, doch auch auf diversen Sparkonten knabbert die Inflation an der Kaufkraft. Viele suchen jetzt einen Ausweg am Kapitalmarkt.

Davon profitieren nun auch Investmentzertifikate, sagt Philipp Arnold, Leiter des Zertifikate-Teams der RCB. "Ab Mitte März haben wir sehr stark steigende Volumina gesehen", sagt Arnold zur APA. Beim Neuabsatz verzeichnete die Raiffeisen Centrobank (RCB) bis Mai ein Plus von zehn Prozent zum Vorjahreszeitraum. Das gesamte Zertifikatevolumen der RCB beläuft sich aktuell auf 4,2 Milliarden Euro.

Gefragt seien insbesondere Zertifikate mit Kapitalschutz, da diese dem erhöhten Sicherheitsbedürfnis der Anleger entgegenkommen, sagt Arnold. Bei Produkten mit Kapitalschutz wird Anlegern bei fallenden Kursen ein Mindestanteil des eingesetzten Kapitals zurückerstattet.

Schutz vor Verlusten

Zertifikate gibt es auch mit 100-prozentigem Kapitalschutz – hierbei erhalten die Anleger am Ende der Laufzeit mindestens den vollen Nominalbetrag zurück.

In der breiten Bevölkerung sind Zertifikate als alternative Sparform noch nicht sehr bekannt. Neben der komplexeren Ausgestaltung des Produkts dürfte auch der eher hohe Einstiegspreis ein Grund dafür sein. Für den Einstieg in ein Zertifikat wird meist ein Startkapital von mindestens 1000 Euro benötigt – laut Arnold sind Anleger meist mit mehreren Tausend Euro dabei.

Um auch Kunden mit weniger liquiden Mitteln und Jüngere ansprechen zu können, hat die RCB einen Zertifikate-Sparplan auf den Markt gebracht, bei dem wie bei einem Fondssparplan monatlich ein kleinerer Betrag in ein Zertifikat investiert werden kann. In Zukunft sollen weitere Sparprodukte in diese Richtung entwickelt werden. "Wir glauben, dass hier noch ein Riesenpotenzial schlummert, weil über das Ansparthema ein breiteres Publikum erreichbar ist", sagt Arnold.

Auch Wachstum gedreht

Auch der deutsche Zertifikatemarkt hat im März auf Wachstum umgeschaltet. Im März nahm das Investitionsvolumen im Vergleich zum Vormonat um 978,3 Mio. Euro bzw. um 1,5 Prozent zu. Im Mai verlief der Handel mit strukturierten Wertpapieren an den Börsen Stuttgart, Frankfurt und Gettex zunehmend dynamisch, teilt der Deutsche Derivateverband mit. Das insgesamt erreichte Ordervolumen von gut 4,7 Milliarden Euro entsprach einer Steigerung um 10,8 Prozent zum Vormonat.

Zur Einordnung: Die Inflation führt gepaart mit Nullzinsen zu einem Realverlust. Der reale Wert von 10.000 angesparten Euro ist in den vergangenen zehn Jahren bei einer realen durchschnittlichen Inflationsrate von 1,77 Prozent pro Jahr auf rund 8500 Euro gesunken. Unter der Annahme, dass die Inflation bei 2,5 Prozent liegt, sinkt der reale Wert auf knapp 7900 Euro. Durch die nun stark gestiegene Inflation – das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) rechnen für heuer mit einer Teuerung von sieben Prozent – beschleunigt sich diese Entwertung massiv. (Bettina Pfluger, 25.6.2022)