Beim Grillen ist Fleisch immer noch die beliebteste Zutat. Diese Vorliebe treiben manche ins Extrem: Sie essen ausschließlich Produkte tierischen Ursprungs.

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An heißen Wochenenden zieht sich ein appetitanregender Duft durch die Luft: Die Menschen grillen. Am Rost liegen fette Steaks. Käsekrainer und Würstel drängen sich dazwischen. Und ab und zu findet sich auch noch eine Hühnerkeule. Klar, Gemüse wird auch immer beliebter. Aber insgesamt ist das Grillen definitiv die Domäne der Fleischliebhaber. Die sieht man derzeit auch immer öfter auf Instagram. Und zwar in einer extremen Form. Nämlich als Anhänger der "carnivore diet".

Das ist eine Extremform der Paläo-Diät, bei der ausschließlich Produkte tierischen Ursprungs konsumiert werden. Vorwiegend essen die Anhänger Fleisch, tierisches Fett und Eier, etwas lockerere Fans erlauben auch noch Milchprodukte. In Insta-Reels und Beiträgen zeigen Proponenten, was sie an einem Tag so konsumieren: Zum Frühstück gibt es dann faschiertes Rindfleisch, Eidotter und Butter. Ein Stück rohe Leber wird als Vitamincocktail angepriesen. Ein Snack besteht aus reiner Butter und als zweite Hauptmahlzeit wird ein Teller voll mit knusprig gebratenem Bauchspeck aufgetischt.

So manchem wird schon beim Zusehen übel. Aber es gibt sie, die Kategorie Menschen, bei denen es heißt: Fleisch ist mein Gemüse. Doch kann das noch gesund sein? Argumentiert wird die Ernährungsform einerseits mit dem figurpositiven Potenzial – sprich man soll damit schlank bleiben. Ein zweites Argument lautet, einige hätten sich damit von Autoimmunkrankheiten geheilt. Die Diätologin und Ernährungsexpertin Yasmin Eder hat die Diät genauer unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Gesundes Essen sieht anders aus.

STANDARD: Auf Instagram werden derzeit viele Reels und Beiträge von Anhängern der "carnivore diet" reingespült. Was genau ist das?

Eder: Das lateinische Wort "carnivorus" lässt sich umgangssprachlich als "Fleischfresser" übersetzen. Bei dieser Ernährungsart stehen Fleisch, Wasser und Salz auf dem Speiseplan. Auch Fisch und Eier werden integriert. Umstritten sind jedoch Milch- und Milchprodukte wie etwa Käse. Auf Makro- und Mikronährstoffe aus pflanzlichen Nahrungsmitteln wie Kohlenhydrate, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe wird komplett verzichtet.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Ernährungsweise in ihrer gesundheitlichen Wirkung ein?

Eder: Jede einseitige Ernährungsweise, die langfristig umgesetzt wird und wichtige Makro- und Mikronährstoffe ausschließt, kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit und den Körper haben. Es kann zu Nährstoffmängeln kommen, was wiederum zu Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit, Verdauungsbeschwerden und mehr führt. Ein hoher Proteinkonsum aus tierischen Nahrungsmitteln geht außerdem Hand in Hand mit einer hohen Purin-Zufuhr. Das sind Stoffe, die im Körper zu Harnsäure umgewandelt werden und zu Hyperurikämie, also erhöhten Harnsäurewerte im Blut, führen können. In weiterer Folge kann das Gichtanfälle auslösen. Aber ganz abgesehen von den körperlichen und gesundheitlichen Auswirkungen ist eine rein carnivore Ernährungsform auch aus umwelttechnischem und ethischem Aspekt eher kritisch zu betrachten.

STANDARD: Es handelt sich dabei um eine extreme Form der Low-Carb-Diät, eine sogenannte No-Carb-Diät. Die Restriktion von Kohlehydraten ist ja seit vielen Jahren in figurbewussten Kreisen ein großer Hit. Wie vernünftig ist das?

Eder: Der Körper bezieht seine Energie für den Stoffwechsel, das Gehirn, die Muskelleistung und mehr erstrangig aus Kohlenhydraten. Auch die Fettverbrennung benötigt Kohlenhydrate, um in Gang zu kommen. Kohlenhydrate sind auch am Transport von Magnesium, Kalium und Zink im Blut beteiligt. Laut Studienlage ist eine No-Carb-Diät langfristig sehr kritisch zu betrachten, sie könnte gesundheitliche Auswirkungen auf den Körper haben. Einer Langzeitstudie zufolge besteht eine direkte Verbindung zwischen proteinreicher Low-Carb-Diät aus tierischer Quelle und dem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Die Wissenschaft untersucht außerdem, wie eine stark proteinreiche Ernährung die Nieren beeinflusst und wie sie sich auf das Fortschreiten von Nierenerkrankungen auswirken kann. Doch dazu gibt es noch keine Langzeitergebnisse.

Diätologin und Ernährungsexpertin Yasmin Eder würde nicht vorwiegend auf Fleisch setzen. Sie plädiert für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung.
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STANDARD: Ein zentrales Argument der Carnivore-Fans ist, dass sie damit ihr Gewicht steuern können. Begründet wird das mit dem ketogenen Stoffwechsel. Was genau ist das?

Eder: Wenn ein Mensch über einige Zeit wenig bis keine Kohlenhydrate zu sich nimmt und der Körper trotzdem Energie benötigt – die ja in erster Linie aus Kohlehydraten stammt –, bedient er sich eines Tricks. Jede Kohlehydratart wird im Körper zu Glucose umgewandelt. Die gibt es aber nicht, deshalb stellt der Körper einen Ersatz für die fehlende Glucose her. Im ersten Schritt holt er sich die fehlende Energie über einen Umwandlungsprozess der Proteine. Das reicht aber nicht aus, um den Energiebedarf für Stoffwechsel, Gehirn und mehr zu decken. Proteine haben ja andere Aufgaben im Körper, als Energie zu liefern, sie dienen als Bausteine für die Muskeln, das Immunsystem oder die Hormone. Im nächsten Schritt greift der Körper deshalb nach dem größten Energiespeicher, das ist das eigene Körperfett. Nach mehreren Tagen strenger Low-Carb- oder No-Carb-Diät entstehen durch die Abwesenheit von Kohlehydraten und die Zufuhr von Nahrungsfetten Ketonkörper. Der Körper wechselt in den Hungerstoffwechsel, das Zentralnervensystem nutzt sie als Energielieferant. Es gibt auch eine ketogene Diätform, sie wurde jedoch nicht als Abnehmmethode entwickelt. Sie wurde 1923 von Dr. Russel Wilder zur Behandlung von Epilepsie vorgestellt.

STANDARD: Viele Carnivore-Fans sagen auch, sie haben damit Krankheiten in den Griff bekommen, Autoimmunerkrankungen etwa oder Insulinprobleme. Kann das sein?

Eder: Die Studienlage zur carnivoren Ernährungsform ist noch sehr gering und teilweise nicht aussagekräftig. Kritisch zu betrachten sind Studien, die sich auf die Berichte von Probanden verlassen und die auch nur eine geringe Probandenanzahl aufweisen. Die Gemeinsamkeit dieser kleinen Studien ist, dass sie eine negative Auswirkung auf den LDL-Cholesterin-Spiegel zeigen, also jenes Cholesterins, das man nicht haben will – im Unterschied zum HDL-Cholesterin. Andere Studien berichten von einer Verbesserung des Blutzuckers bei Menschen mit Diabetes mellitus Typ II. Das ist aber eine logische Folge aus einer Low-Carb- oder No-Carb-Diät. Es sind ja die Kohlenhydrate, die die Blutzuckerproduktion ankurbeln. Bei gesunden Menschen reguliert sich die Blutzuckerkonzentration physiologisch von selbst. Bei Diabetikern kann sich der Blutzuckerspiegel krankheitsbedingt nicht mehr optimal regulieren. Es sind aber noch weitere Untersuchungen und vor allem Langzeitstudien nötig. Erst dann kann man klären, wie gesund oder ungesund dieser Ernährungstrend tatsächlich ist.

STANDARD: Wie schaffen es die Anhänger dieser Diät überhaupt, so viel Fleisch zu essen? Es soll ja Menschen geben, die Proteine besser verarbeiten, für die so eine No-Carb-Diät wohl leichter durchzuhalten ist. Kann diese bessere Proteinverwertung der Grund dafür sein?

Eder: Eine allgemeingültige Aussage gibt es in diesem Fall nicht, sowie es auch keine bestimmte Ernährungsform gibt, die optimal für jeden Menschen ist. Fakt ist aber, dass der Körper Proteine nicht speichern kann, um sie später für etwaige Körpervorgänge heranzuziehen. Das bedeutet, der Körper verwertet nur die Proteinmenge, die er im Augenblick der Nahrungszufuhr auch tatsächlich benötigt. Eine langfristig stark erhöhte Proteinzufuhr kann sich daher negativ auf die Nieren auswirken, über die ein Zuviel ausgeschieden wird. Natürlich gibt es Menschen mit einem schnelleren Stoffwechsel und manche mit einem langsameren. Das hat aber keinen Zusammenhang mit dem individuellen Proteinbedarf. Auch die genetische Veranlagung spielt eine Rolle, etwa wenn man einen muskulären Körperbau hat.

STANDARD: Für wen kann eine Low-Carb-Ernährung Sinn machen? Und zu welchem Zweck?

Eder: Generell sollten einschränkende Diätformen, so auch eine Low-Carb-Ernährung, nur von gesunden Erwachsenen über einen begrenzten Zeitraum von ein paar Wochen bis wenige Monate durchgeführt werden. Für Schwangere ist diese Ernährungsform nicht geeignet. Das Ziel einer Low-Carb-Diät ist es, den Körper zur Fettverbrennung zu zwingen und dadurch eine Gewichtsreduktion zu bewirken. Studien zufolge halten die Erfolge einer Low-Carb-Diät aber nur kurz an, und nach etwa sechs Monaten stellt sich ein Jo-Jo-Effekt ein. Grundsätzlich gilt: Wer gesund und langfristig abnehmen und gesund leben möchte, sollte eine ausgewogene Ernährung einer einseitigen Diät bevorzugen. Die einzige Ausnahme sind krankheitsbedingte Diätformen.

STANDARD: Wie lautet also Ihre fachliche Einschätzung dieser "carnivore diet"?

Eder: Aufgrund fehlender langfristiger Studienergebnisse ist diese Diätform eher kritisch zu betrachten. Sie hat auch belegbare negative Auswirkungen auf den Körper wie erhöhte Harnsäure, erhöhte Leberwerte, erhöhtes LDL-Cholesterin und damit verbunden ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Eine klare Empfehlung für eine carnivore Ernährungsweise wird von Diätologinnen und Diätologen daher nicht ausgesprochen. Bei Bedarf muss man für jede Person individuell bewerten, ob die Vorteile überwiegen.

STANDARD: Und wie sieht Ihre Empfehlung für eine gesunde Ernährung aus?

Eder: Das Hauptaugenmerk einer gesunden Ernährung ist die Ausgewogenheit. Durch das Zusammenspiel von Makronährstoffen, also Kohlehydrate, Eiweiß und Fett, und den darin enthaltenen Mikronährstoffen wie Vitamine und Mineralstoffe bei den Hauptmahlzeiten, kann der Körper optimal mit ausreichend Nährstoffen versorgt werden. Denn einige Nährstoffe können durch die Anwesenheit anderer überhaupt erst aufgenommen werden oder sie verbessern die Aufnahme. Vitamin C fördert etwa die Eisenaufnahme. Und eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung durch Wasser, Mineralwasser und ungezuckerte Tees über den Tag verteilt ist essentiell für einen gesunden Körper.

STANDARD: Und weil es bei der "carnivore diet" ja durchaus auch ums Abnehmen geht: Was sind Ihre wichtigsten Abnehmtipps?

Eder: Keine rigiden Diäten verfolgen. Das bedeutet: sich keine Verbote aufzuerlegen. Die Lebensqualität und Gesundheit sollte an oberster Stelle stehen. Auch wenn man ein paar Kilos loswerden möchte, sollte man sich auf keine "Wunderdiäten" verlassen oder sogar hungern, denn dies kann zu dem altbekannten, unerwünschten Jo-Jo-Effekt führen. Je abwechslungsreicher die Auswahl der Lebensmittel ist, umso weniger hat man das Gefühl sich ständig "nur gesund" zu ernähren. Eine ausgewogene und bunte Ernährung kann dabei helfen, das Wohlfühlgewicht zu erreichen, und fördert zudem die Gesundheit. Die österreichische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt beispielsweise dreimal pro Woche Fleischkonsum und ein- bis zweimal wöchentlich Fisch. Außerdem braucht es kleine Schritte in die richtige Richtung. Von null auf hundert die Ernährung umzustellen kann oft zu Verzweiflung und Überforderung und damit vorzeitigem Abbruch führen. Mein Tipp daher: Alle zwei bis drei Wochen eine alte "schlechte" Gewohnheit durch eine neue "gute" Gewohnheit ersetzten. So überfordert man sich nicht und hat Zeit, diese gut in den Alltag zu integrieren. Und man sollte achtsame Genussmomente mit Maß und Ziel in den Alltag integrieren. Ein wöchentliches Kontingent an kleinen Naschereien kann helfen, den Überblick zu behalten, um nicht wieder in die ungebremste Völlerei zu kippen. Naschereien und Snacks sind somit auch bei einer Gewichtsreduktion willkommen. Wichtig ist es aber, diese Momente ausreichend zu genießen. Dann muss man auch kein schlechtes Gewissen haben. (Pia Kruckenhauser, 25.6.2022)