Neue Daten bescheinigen den an Omikron angepassten Impfstoffen eine gute Wirkung. Doch wie lange dauert es, bis sie auch zugelassen sind?

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Schon seit Jahresbeginn ist von angepassten Impfstoffen gegen die Covid-19-Infektion die Rede. Der Grund dafür: Mit den Omikron-Varianten ist ein neuer Serotyp aufgetreten, das Virus ist so stark mutiert, dass die ursprünglich gegen die Wuhan-Variante entwickelte Impfung nicht mehr ideal schützt – zumindest nicht vor Infektion. Der Schutz vor schwerem Verlauf ist weiter gegeben.

Die Unternehmen Biontech/Pfizer und Moderna entwickeln beide einen angepassten Impfstoff, doch die Ergebnisse waren bis jetzt nicht ausreichend überzeugend. Dazu kommt, dass die angepassten Vakzine auf der BA.1-Mutation der Omikron-Variante basieren. Mittlerweile breitet sich aber die BA.5-Variante weltweit aus, die sich von der BA.1-Variante sehr stark unterscheidet. Eine Infektion mit BA.1 schützt de facto nicht vor einer Infektion mit BA.5 – es ist also fraglich, ob das ein an BA.1 angepasster Impfstoff kann.

Die US-Gesundheitsbehörde FDA will nun den Impfstoffherstellern zeitnah empfehlen, ihre Corona-Vakzine auf die derzeit grassierende Omikron-Variante anzupassen. Das signalisierte die Behörde gestern bei einer Diskussion mit externen Experten. Doch was wie ein logischer Schritt klingt, ist im Detail kompliziert. Die FDA hatte deshalb ihr unabhängiges Impfstoffexpertenkomitee VRBPAC zu einer Anhörung eingeladen – mit dem Ziel, anhand aktueller Daten aufzuzeigen, wie die künftigen Covid-19-Impfstoffe gegen die Omikron-Variante und deren Sublinien beschaffen sein sollten.

Die derzeitige Situation

Aktuell sieht die Lage laut dieser Anhörung wie folgt aus: Verschiedene Studien zeigen eine verringerte Neutralisierungsaktivität von Impfstoffseren gegen die Omikron-Variante. Gleichzeitig sind die derzeit verfügbaren Impfstoffe weiterhin wirksam gegen schwere, durch Omikron verursachte Krankheitsverläufe. Eine Booster-Immunisierung verbessere außerdem die neutralisierende Wirkung gegen Omikron.

Die Daten zu den modifizierten Impfstoffkandidaten von Moderna und Biontech/Pfizer, die eine Omikron/BA.1-Komponente enthalten, hätten eine höhere bzw. statistisch überlegene Antikörperkonzentration im Vergleich zum Prototyp-Impfstoff der Hersteller mit der Wuhan-Variante gezeigt. Dies gilt sowohl für die monovalenten Vakzine, also jene, die nur auf einen einzigen Erregertyp ausgerichtet sind, wie auch die aktuell angewendeten Impfstoffe, als auch für die bivalenten, die gegen zwei Erregertypen wirken.

In einer Studie, in der verschiedene Dosen der modifizierten Impfstoffkandidaten untersucht wurden, schien der Omikron/BA.1-neutralisierende Antikörpertiter offenbar mit der Dosis der Omikron-Komponente im Impfstoff zu korrelieren. Die verfügbaren Daten wiesen eindeutig auf das Potenzial für eine verbesserte Wirksamkeit des Impfstoffs gegen die Omikron-Variante hin, wenn eine Omikron-Komponente im Impfstoff enthalten ist, hieß es.

Begrenzte Aussagekraft

Doch es gibt auch Einschränkungen: So seien in den bisherigen Studien der Hersteller nur neutralisierende Antikörper gemessen worden, und man wisse nicht, wie die relativen Unterschiede im Titer der neutralisierenden Antikörper mit dem klinischen Nutzen zusammenhängen. Zudem beschränkten sich die Daten auf die Bewertung einer zweiten Auffrischungsdosis einen Monat nach dem Booster.

Wären die neuen Impfstoffe also im Herbst bereits überholt? Die Bewertung der neutralisierenden Antikörper für andere Omikron-Sublinien wie BA.5 sei noch nicht abgeschlossen, betonten die Impfstoffexperten des VRBPAC. Das Unternehmen Biontech/Pfizer, das wie Moderna seine Impfdaten selbst im Rahmen der Anhörung präsentierte, wies diesbezüglich auf eine kleine eigene Untersuchung an Mäusen hin. An den Tieren testete das Unternehmen einen monovalenten sowie einen bivalenten Impfstoff mit Komponenten von BA.4 und BA.5 als Booster. Bei den Mäusen erzeugte der modifizierte Impfstoff mehr neutralisierende Antikörper als das herkömmliche Vakzin. Es handelte sich aber lediglich um acht Tiere.

Trotz der spärlichen Datenlage zu BA.4 und BA.5 sprach sich die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer für Booster aus, die Komponenten einer der beiden neuesten Virus-Sublinien enthalten – und nicht nur jene der Sublinie BA.1. Zudem bevorzugten die meisten Redner einen bivalenten Impfstoff, der sowohl einen Omikron- als auch den ursprünglichen Sars-CoV-2-Stamm enthält.

Impfstoffanpassung wohl notwendig

Auch in Europa wird bald entschieden, welche Impfstoffvarianten produziert werden sollen – und welche klinischen Daten die Behörden für eine Zulassung von variantenbasierten Impfstoffen erwarten. Wie ist das Ergebnis dieser US-Anhörung also einzuschätzen? Carsten Watzl, Immunologe an der TU Dortmund, bestätigt, dass durch die Mutationen am Spike-Protein der Schutz vor Ansteckung durch die ursprünglichen Impfstoffe deutlich schneller nachlässt – auch wenn der Schutz vor schwerer Erkrankung bestehen bleibt: "Aber diese Tatsachen machen eine Anpassung der Impfstoffe notwendig."

Ein Vergleich, ob in dem Zusammenhang ein monovalenter oder ein bivalenter Impfstoff besser sei, lasse sich nur aus den Daten von Biontech/Pfizer ziehen: "Der monovalente BA.1-Impfstoff erzeugt bei der vierten Impfung höhere neutralisierende Antikörperspiegel gegen Omikron verglichen mit dem bivalenten Impfstoff. Die neutralisierenden Antikörperspiegel gegen frühere Varianten beziehungsweise das Ursprungsvirus fallen beim monovalenten Impfstoff aber geringer aus." Die Frage sei nun, ob man überhaupt noch einen Schutz gegen frühere Varianten brauche. Klar sei aber, betont Watzl, dass sowohl der monovalente als auch der bivalente Impfstoff höhere neutralisierende Antikörperspiegel gegen Omikron erzeugen als ein Booster mit dem Originalimpfstoff: "Und daher schaffen sie auch einen besseren Schutz gegenüber Omikron."

Der Immunologe empfiehlt außerdem, dass in allen künftigen Auffrischungsimpfungen eine Omikron-Komponente enthalten sein solle, da das die vorherrschende Variante ist: "Niemand kann voraussagen, wie lange das noch so sein wird und ob einen nächste Variante Ähnlichkeiten mit früheren Varianten oder Omikron hat. Aber aktuell gäbe eine Omikron-Komponente in Auffrischungsimpfungen den besten Schutz."

Lange Zulassungsverfahren ein Problem

Auf den angepassten Impfstoff warten, so er denn im Herbst komme, würde Peter Kremsner, Tropenmediziner am Universitätsklinikum Tübingen: "Ich würde jedem, der sich auffrischen lassen möchte, raten, einen an Omikron angepassten Impfstoff zu wählen. Ich selbst warte jetzt darauf. Wir wissen natürlich nicht, welche Variante uns vielleicht im Winter überrascht, aber es ist wahrscheinlich, dass sie von Omikron ausgeht." Er würde im Zweifel auch einen Impfstoff, der nur BA.1-Bestandteile enthält, aber keine BA.5-Komponenten, bevorzugen: "Auch dieser ist als Booster besser als die herkömmlichen Vakzine."

Wie lange es tatsächlich dauern wird, bis der angepasste Impfstoff verfügbar sein wird, kann man aus heutiger Sicht noch nicht sagen. Das Hauptproblem ist das langwierige Zulassungsverfahren. Denn sowohl Moderna als auch Biontech/Pfizer könnten die angepassten Impfstoffe wohl ab Juli/August ausliefern. Immunologe Watzl meint: "Da das Virus sich aktuell noch schneller verändert, als das Zulassungsverfahren reagieren kann, wäre es für die Zukunft zu begrüßen, wenn man zu einem Verfahren kommt, das schneller reagieren kann. Bei der Grippeimpfung wird der jährliche Impfstoff ja nicht auch noch vorher in Studien getestet." (Pia Kruckenhauser, 30.6.2022)