Aufstehen, strecken, bewegen! Aber auch Firmen müssen in die Gänge kommen, um ihre Belegschaften zu schulen.

Foto: Getty Images

Die ganze Nacht Pakete aufs Laufband schupfen. Den ganzen Tag Bestellungen treppauf tragen. In Schichtarbeit am Fließband stehen. Es gibt eine Menge Jobs, die offensichtlich per se nicht gesundheitsförderlich sind, die das Muskel- und Skelettsystem extrem beanspruchen. Spätestens seit Homeoffice während der Pandemie gehören auch Bürojobs zu den nachweislich belastenden Tätigkeiten für den Haltungsapparat.

Die Gesundheitsagentur der EU (OSHA) mit Sitz in Bilbao versucht derzeit mit einer großen Kampagne, Unternehmen und Arbeitende zur Vorsorge zu bewegen. Der Hintergrund: Muskel- und Skeletterkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Behinderung, Krankschreibungen und Invalidität, erklärt Anna Ritzberger-Moser, in Österreich zuständige Sektionschefin im Arbeitsministerium. In Österreich entfalle deutlich mehr als ein Fünftel aller Krankenstandstage auf solche Beschwerden.

Und das, obwohl der zunehmende Fokus auf Arbeitsgesundheit sehr viele technische und ergonomische Verbesserungen mit sich gebracht hat, obwohl auch Automatisierung und Digitalisierung eigentlich zur Entlastung beitragen könnten und sollten. Allerdings: Nur ums Mechanische geht es nicht.

Mehr als präventive Maßnahmen

Organisatorische und psychosoziale Risikofaktoren lasten letztlich offenbar ebenso schwer auf dem Körper wie die manuelle Handhabung von Lasten oder repetitive Bewegungen, Erschütterungen und ungünstige Körperhaltungen, ergeben Umfragen und Studien der OSHA. Die Agentur listet zu hohe Arbeitsanforderungen, zu wenige Pausen, zu hohe Arbeitsdichte, zu viel Druck und Tempo ebenso als Risikofaktoren auf wie eine geringe Arbeitszufriedenheit, Mobbing, Belästigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz. Zu wenig Information in der Arbeit, zu wenig soziale Unterstützung, Konflikte und andauernde Erschöpfungszustände münden demnach ebenso in schmerzhaften Symptomen im Muskel- und Skelettbereich wie etwa schlechte Beleuchtung oder kalte Arbeitsumgebungen.

Eigentlich ist das ja auch schnell deutlich zu spüren: Bahnt sich ein Konflikt an, schreit ein Kollege oder bricht ein Streit mit der Chefin aus, dann verspannt sich alles. Dass ein individuell ungesunder Lebensstil, etwa Rauchen, zu wenig Bewegung, Übergewicht, den Teufelskreis befördert, scheint logisch.

Unternehmen, die alle technischen und im Arbeitnehmerinnenschutz vorgesehenen Maßnahmen zwecks Vorbeugung umgesetzt haben, haben noch nicht genug getan, so die Botschaft der laufenden Kampagne der OSHA. Es gehe jetzt um die Durchleuchtung der gesamten Arbeitsumgebung inklusive der organisationalen Prozesse und der Führungsqualität. Denn, so viel ist auch längst beforscht: Schlechte Führung führt auf Dauer zu Fluktuation und zu gesundheitlichen Beschwerden. Da kommen nun die Fachleute aus Arbeits-, Gesundheits- und Organisationspsychologie ins Spiel. In Österreich sind sowohl die Gesellschaft kritischer Psychologinnen und Psychologen als auch der Berufsverband (BÖP) im Boot. (Karin Bauer, 11.7.2022)