Wo sind denn all die Arbeitssuchenden? Sie arbeiten." Mit diesem Bonmot macht Johannes Kopf, Chef des Arbeitsmarktservice AMS, gerade seine Vortragsrunden. Aktuell hat er amtlich 141.000 offene Stellen gemeldet. Tatsächlich sind es allerdings viele Tausende Jobs mehr, die nicht besetzt werden können – vom Koch bis zur Buchhalterin, von der Softwarespezialistin bis zum Regalbetreuer. Mit bis zu 80.000 Pflegekräften und 30.000 handwerklichen Fachleuten liegen die Hochrechnungen der gewaltigen Personallücken auf dem Tisch.

"Firmen müssen tanzen", rät der oberste Arbeitskräftevermittler des Landes aktuell, wenn es um das Finden und Behalten von Personal geht. Da hat er wohl – auch wenn es leicht zynisch klingt – recht. Denn schnell, schnell lässt sich das gewaltige Problem für das gesamte Land nicht lösen. Die Konsequenzen der so lange versäumten Reformen – zuallererst im Bildungsbereich – lassen sich nicht wegwischen.

Viele Tausende Jobs können in Österreich nicht besetzt werden.
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Jetzt können Unternehmen nur gegeneinander antreten und sich "tanzend" bei Erwerbsfähigen bewerben, die Not selbst lindern. Dieses Wetttanzen ist auch in Gang gekommen: Firmen probieren da und dort die Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich, bieten unlimitierte Urlaubsmöglichkeiten oder offerieren Geschenke für Lehrlinge vom Moped bis zur Studienfinanzierung.

Ändern der Einstellungspraxis

Aber das reicht noch lange nicht. Das Verständnis von "oben" und "unten" in Organisationen muss sich hin zur echten Augenhöhe und Anerkennung bewegen. Die Einstellungspraxis muss sich tiefgreifend ändern. Kandidaten für die Lehre können zu wenig rechnen und schreiben? Dann bringt es ihnen bei. Jobeinsteiger haben zu wenig Sozialkompetenz? Dann begleitet sie und schult sie. Ältere sind zu langsam? Dann teilt die Arbeit so auf, dass sie jeweils bewältigbar ist. Junge Frauen könnten ja schwanger werden? Dann behandelt alle Kandidatinnen und Kandidaten unter 40 Jahren so, als könnten sie morgen Eltern werden. Eine andere sexuelle Orientierung bringt den Wertekanon intern durcheinander? Dann hinterfragt diesen.

Wer glaubt, die Möglichkeit zu Homeoffice, Kinderbetreuung oder psychologischem Beistand nicht anbieten zu müssen, wird in einer der ersten Runden des Wetttanzens ausscheiden. Wer wertschätzende Führung für ein Versatzstück einer unnötigen Psychokiste hält, sowieso. Wer in Inseraten viel verspricht und kaum etwas einhält, braucht gar nicht anzutreten. Und: Es könnte auch helfen, ganz pragmatisch unternehmensseitig den Abstand zwischen Niedriglohn und Arbeitslosengeld zu vergrößern.

Denn große Hilfe vom Staat wird nicht schnell kommen können. Die Alterung der Gesellschaft ist Fakt. Die strukturellen Versäumnisse der Politik der vergangenen Jahrzehnte sind nicht schnell gutzumachen. Dazu zählen das Fehlen flächendeckender, ganztägiger, qualitätsvoller Kinderbetreuung und die Wahlmöglichkeit einer Ganztagsschule. Große Qualifizierungsoffensiven sind ausgeblieben. Berufsorientierung in den Schulen bleibt lästige Nebensache. Lehre und Matura laufen weitgehend säuberlich getrennt. Ein Diskurs über das Verständnis von Arbeit inmitten sozialer Ungleichheit und dem Klimawandel findet nicht statt. Junge werden nicht gefragt, nicht gehört. Zur qualifizierten Zuwanderung wird geschwiegen.

Da hilft schnell nur eines: Vortanzen! (Karin Bauer, 9.7.2022)