Die Inflation lässt nicht nur die Kaufkraft des Euro dahinschmelzen, auch der Außenwert gegenüber dem Dollar nimmt seit Jahren ab.

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Erstmals seit Dezember 2002 ist ein Euro nicht mehr wertvoller als die US-Währung. Mit 1,0000 Dollar notierte er am Dienstagvormittag genau auf der Parität, bevor er sich wieder leicht erholte. Getrieben wird die jüngste Talfahrt von der Sorge vor einer schweren Rezession in Europa, die der Gemeinschaftswährung stark zusetzte. Zwar steht die US-Konjunktur derzeit selbst auf wackeligen Beinen, in Europa drohen jedoch wegen der sich immer weiter zuspitzenden Energiekrise weitaus stärkere Verwerfungen. Daher ziehen viele Investoren ihr Kapital vom Alten Kontinent ab, zumal in den USA auch deutlich höhere Zinsen zu lukrieren sind.

"Die Stimmung an den Weltmärkten ist von Risikoarmut geprägt", erklärt Yuting Shao, Makrostratege bei State Street Global Markets, die Entwicklung. "Der Dollar ist die bevorzugte internationale Reservewährung. Wenn also ein Rezessionsrisiko besteht oder die Volatilität zunimmt, ist der Dollar die Währung, auf die sich die Menschen stürzen, weil sie am sichersten ist."

Zögerliche EZB

Im Gegensatz zur US-Notenbank Fed geht die Europäische Zentralbank (EZB) nur sehr zögerlich gegen die Inflation vor. Etliche Experten werfen ihr sogar vor, den ersten Zinsschritt, der nun am 21. Juli erfolgen soll, viel zu spät gesetzt zu haben. Die Währungshüter in Washington zeigen sich wesentlich hemdsärmeliger und schraubten den Leitzins heuer bereits dreimal nach oben – zuletzt erfolgte im Juni mit einem Dreiviertelprozentpunkt sogar die stärkste Anhebung seit 1994.

Dies hat Auswirkungen: Mit zehnjährigen US-Staatsanleihen sind inzwischen fast drei Prozent Verzinsung pro Jahr zu lukrieren, während man für deutsche Pendants nicht einmal 1,2 Prozent erhält. Kapital ist bekanntlich nicht nur scheu wie ein Reh, wenn es um Krisen wie derzeit in Europa geht, es wird auch von höheren Zinssätzen magisch angezogen. Experten erwarten angesichts dieser zwei starken Triebfedern, dass sich die Talfahrt des Euro fortsetzen wird.

Teurere Rohstoffe

Die Folgen für die mit 8,6 Prozent im Juni ohnedies schon überbordende Inflation in der Eurozone könnten beträchtlich sein. Da die meisten Rohstoffe wie etwa Rohöl in Dollar abgerechnet werden, steigen die Kosten zusätzlich. Käufer aus der Eurozone müssen nämlich mehr Geld für die US-Währung ausgeben, mit der die Rohstoffe dann erworben werden können. Im Gegenzug werden allerdings auch Exporte europäischer Firmen in die USA günstiger, was einen gewissen Wettbewerbsvorteil darstellt. Reisen in den Dollarraum werden allerdings ebenfalls kostspieliger.

Unmittelbar nach der Einführung als Verrechnungswährung im Jahr 1999 – Münzen und Scheine wurden erst 2002 in Umlauf gebracht – war der Euro auf das bisherige Tief bei 0,82 Dollar gerasselt, setzte aber dann zu einem steilen Höhenflug an. Nach dem Rekordstand bei fast 1,60 Dollar riss der Auftrieb im Zuge der Finanzkrise 2008, die die europäischen Bankenbranche in Schieflage versetzte, abrupt ab. Es folgten die Eurokrise rund um die schuldengeplagten Länder der südlichen Peripherie der Eurozone, massive Anleihekäufe und seit März 2016 Nullzinsen in der Eurozone.

Langfristiger Abstieg

Damit spiegelt der Euro auch die langfristige Entwicklung des Alten Kontinents wider, der auch in der Corona-Krise wirtschaftlich zurückgefallen ist. Die Länder Asiens erholten sich schneller, ebenso die USA. Dabei wirkte die Pandemie nur wie ein Beschleuniger bestehender Trends. Anfang der 1990er-Jahre konnte Europa mit einigen der weltweit größten Wirtschaftsnationen aufwarten – um 30 Jahre darauf von den Volkswirtschaften Asiens als größten Profiteuren der Globalisierung überholt zu werden.

Bremsend wirkt auch die Demografie, denn Europas Bevölkerung hat den Plafond erreicht. Rund 450 Millionen Menschen leben in der EU. Prognosen gehen davon aus, dass die Bevölkerung bis 2030 stabil bleibt und von da an allmählich schrumpft. Durch die Alterung sinkt die arbeitsfähige Bevölkerung in Ländern wie Deutschland oder Österreich schon jetzt. Die Folge ist ein Fachkräftemangel, der bereits viele Branchen lähmt.

Franken zeigt Stärke

Folglich steht der Euro mit der Schwäche gegenüber dem Dollar in Europa nicht allein da – es handelt sich derzeit auch um eine Stärke des Greenback. Auch das britische Pfund befindet sich im freien Fall gegenüber der US-Währung, andere, etwa die norwegische und dänische Krone, neigen ebenfalls zur Schwäche. Bloß der Schweizer Franken, der zuletzt auch schon kurzfristig mehr wert war als ein Euro, lässt als traditionelle Krisenwährung wie der Dollar derzeit die Muskeln spielen. (Alexander Hahn, 12.7.2022)