Männer scheinen unter UV-Einfluss im Durchschnitt hungriger zu werden, Frauen nicht.
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Neigen die männlichen Gäste Ihrer Grillpartys dazu, mehr zu essen als die weiblichen? Neben Körpergröße und Grundumsatz stellt sich heraus, dass auch ein weiterer überraschender Faktor dazu beitragen kann, nämlich die Sonne. Ein internationales Forschungsteam zeigte im Fachblatt "Nature Metabolism", dass Männer, die sich dem Licht aussetzen, hungrig werden – und welche körperlichen Gründe das hat.

Zunächst hatte eine israelische Studie unter rund 3.000 Personen Hinweise darauf geliefert, dass es einen wesentlichen saisonalen Unterschied zwischen Männern und Frauen in Sachen Appetit gibt. Im Sommer, wenn die Sonneneinstrahlung am höchsten ist, nahmen Männer im Vergleich zu dunkleren Monaten mehr Kalorien zu sich. Die Energieaufnahme der Frauen hingegen blieb im Schnitt konstant.

Hungerhormon sorgt für Appetit

Um den Ursachen dafür auf den Grund zu gehen, führte das Forschungsteam um Carmit Levy von der Universität Tel Aviv weitere Tests an Menschen und auch an Mäusen durch. Nach täglich 25-minütiger Bestrahlung durch eine UV-Lampe berichteten Männer von einem stärkeren Hungergefühl als Frauen. Um sich nicht nur auf die Aussagen verlassen zu müssen, wurden auch Blutwerte verglichen. Und siehe da: Tatsächlich war der Fett- und Steroid-Stoffwechsel bei Männern nach dem Lichtbaden stärker angeregt.

In einem weiteren Schritt kam das Team dem Grund für diese Veränderung auf die Spur, der sich im Hormonhaushalt zeigt. Wenn es um Hunger geht, rückt das Hormon Ghrelin in den Fokus: Es wird vermehrt ausgeschüttet, wenn der Blutzuckerspiegel sinkt, und regt das Appetitzentrum im Gehirn an.

Interaktion mit Sexualhormon

Durch Untersuchungen an menschlichen Hautproben und Mäusen wiesen die Wissenschafterinnen und Wissenschafter nach, dass beim männlichen Geschlecht gewisse Fettzellen in der Unterhaut tendenziell mehr Ghrelin produzieren, wenn sie mit UV-B-Licht bestrahlt werden. Der Ghrelingehalt steigt also im Blut – und damit auch der Appetit. Dabei spielt auch ein Protein namens p53 eine Rolle, das bei Zellschäden ausgeschüttet wird, um Reparaturen anzuregen. Auch Sonnenlicht sorgt für solche Zellschäden, die in schweren Fällen Hautkrebs verursachen können – weshalb Sonnenschutz so wichtig ist.

Interessanterweise stiegen Ghrelin und auch das Protein bei Frauen weniger stark an. Dies könnte mit den typischen Sexualhormonen zusammenhängen, vermutete das Forschungsteam: Während Östrogene und Testosteron bei allen Geschlechtern vorkommen, ist ihr Verhältnis unterschiedlich. Die meisten Frauen haben höhere Östrogenwerte, die meisten Männer mehr Testosteron.

Wann Frauen Sonnenhunger bekommen

Im Experiment wies das Team nach, dass die Fettzellen in der Haut trotz Lichts die Herstellung von Ghrelin einschränkten, wenn Östrogen dazugegeben wurde. Im Gegensatz zu Testosteron binden Östrogene nämlich an das Protein p53 – deshalb wird weniger Ghrelin produziert, die Wirkung bleibt aus. Die Folge: Frauen werden im Sonnenlicht meist nicht so hungrig wie Männer.

Anders sieht es etwa bei weiblichen Individuen mit verändertem Hormonhaushalt aus, wie die Studie zeigt. Wenn beispielsweise die Eierstöcke fehlen, ist der Östrogengehalt im Körper niedriger – die Betroffenen waren hungriger und nahmen mehr Kalorien zu sich, nachdem sie dem Licht ausgesetzt waren.

Umweltfaktoren und Krankheiten auf den Grund gehen

Was sich daraus für den Alltag schließen lässt, ist wohl jedem selbst überlassen – womöglich können Sonnencremes Personen mit niedrigem Östrogenlevel unterstützen, die mit Hungerattacken zu kämpfen haben. Anders herum schlägt das Studienteam vor, dass man Appetitlosigkeit unter anderem mit Lichttherapie entgegenwirken könne.

Vor allem aber entfaltet sich ein besseres Verständnis in einem Bereich, der bisher kaum berücksichtigt wurde, schreiben die spanischen Forscher Carlos Dieguez und Ruben Nogueiras von der Universität in Santiago de Compostela in einem begleitenden Kommentar: Wie beeinflussen Vorgänge in der Haut den Stoffwechsel? Das "Hungerhormon" Ghrelin könne einen bisher ungeklärten Zusammenhang zwischen Sonnenexposition und selteneren Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhellen, vermutet die Forschungsgruppe, immerhin wirkt es entzündungshemmend und blutdrucksenkend.

Der Forschungsbereich ist vor allem deshalb interessant, weil nach der Erforschung genetischer Grundlagen immer stärker Umwelteinflüsse in den Vordergrund rücken. Schätzungsweise 60 Prozent der menschlichen Todesfälle gehen auf Umweltfaktoren zurück, zeigt das "Global Burden of Disease"-Forschungsprojekt. Zu diesen Faktoren gehört neben Ernährung, Bewegung, dem Mikrobiom und Schadstoffen auch die Sonneneinstrahlung: Sie hat positive Effekte, weil sie die wichtige Produktion von Vitamin D anregt, kann aber auch Hautschäden und Krebs verursachen. Und eben auch Hunger. (Julia Sica, 14.7.2022)