"Das Museumszeitalter der Starkuratorinnen und Starkuratoren oder Direktorinnen und Direktoren ist vorbei", sagt Monika Sommer, die Gründungsdirektorin des Hauses der Geschichte Österreich, im Gastkommentar. Sie tritt für Kooperationen zwischen den Institutionen ein.

Das Heeresgeschichtliche Museum, eine Unterabteilung des Verteidigungsministeriums, steht seit vielen Jahren in der Kritik. Eine neue Führung soll die Modernisierung des Hauses – abseits der Glorifizierung der Habsburgerarmee – einleiten.
Foto: Picturedesk / Kurt Molzer

Das Heeresgeschichtliche Museum (HGM), das sich bereits seit 2019 in einem Kreuzfeuer von Politik, gesellschaftlichen Instanzen und Expertinnen und Experten befindet, steht an einem Wendepunkt. Strukturelle Maßnahmen, finanzielle Mittel und die nun erfolgte Neuausschreibung der Direktion sind dafür aber nicht allein richtungsweisend. Es braucht ein neues Selbstverständnis, institutionsübergreifende Kooperationen und die Stärkung der kulturellen Ressource Museum im Bereich des Bundes.

"Dass es auch zukünftig die österreichische Museumslandschaft bereichern soll, steht außer Frage."

Angesichts der deutlich kritischen Rechnungshofs- und Historikerkommissionsberichte kamen in den Diskussionen der letzten Monate Zweifel an der Reformfähigkeit des HGM auf, sogar die Notwendigkeit dieses Museums wurde infrage gestellt. Dass es auch zukünftig die österreichische Museumslandschaft bereichern soll, steht außer Frage. Das HGM ist Teil eines blühenden Straußes kleiner und größerer Geschichtsmuseen, die vergangene Ereignisse und Entwicklungsprozesse auf vielfältige Weise sammeln, erforschen und vermitteln.

Aus der Zeit gefallen

Die Strukturen der österreichischen Geschichtsmuseen sind glücklicherweise vielfältig, denn Geschichte muss multiperspektiv betrachtet und vielfältig erzählt werden; sie muss unterschiedliche Instanzen und Träger haben, um detailliert und differenziert die Facetten historischen Geschehens zu beleuchten und aus gegenwärtiger Perspektive zu befragen. Dieses breite Bouquet an historischen Museen, zu dem auch ein Heeresgeschichtliches Museum gehört, ist ein signifikanter und qualitativer Charakterzug der Geschichtsrepräsentationen in Österreich.

Nichtsdestotrotz ist dem HGM dringend eine zeitnahe Verdichtung der Anstrengungen zu wünschen, um es in das 21. Jahrhundert zu führen. Denn nicht allein der Gründungsauftrag des Museums – die Verherrlichung der Habsburgerarmee – ist aus der Zeit gefallen.

"Kriege gehören ins Museum", steht an der Fassade des Museumsgebäudes im Wiener Arsenal.
Foto: APA / Herbert Neubauer

Unbestritten ist, dass die Sammlungen ein wichtiger Bestandteil des habsburgisch-österreichischen und damit auch transnationalen Kulturerbes Zentraleuropas sind. Gerade vor diesem Hintergrund ist eine starke Positionierung gegen jegliche Anziehungspunkte für Nationalismen und Extremismen durch eine grundlegende inhaltliche Neukonzeption des HGM zwingend notwendig. Ein neuer Slogan am Museumsportal allein wird dafür nicht ausreichen. Die Sammlungen bieten zahlreiche Chancen zur Entwicklung von spannenden Narrativen abseits der Glorifizierung der habsburgischen Armee, etwa in Hinblick auf Geschlechtergeschichte, um nur ein Beispiel zu nennen.

"Labor Zentraleuropa"

Hilfreich könnte die Etablierung eines Leitbildprozesses mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und dem Ministerium für Landesverteidigung sein, denn Museumsarbeit ist immer Teamarbeit. Vorausgesetzt natürlich, alle beteiligten Akteurinnen und Akteure politischer und fachlicher Natur bringen die Bereitschaft, Leidenschaft und das Quäntchen Selbstironie mit, sich hierauf unvoreingenommen und freimütig einzulassen.

Ein produktiver Ansatz könnte es sein, sich auf Basis aktueller wissenschaftlicher Forschungen und im internationalen Austausch am Gründungsauftrag abzuarbeiten und sich stärker dem "Labor Zentraleuropa" anzunähern, denn das HGM ist ebenso wenig ein nationales Museum wie das Kunsthistorische oder das Naturhistorische Museum. Das HGM wäre der geeignete Ort einer transnationalen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Habsburgermonarchie, hier könnten gerade die unterschiedlichen Geschichtsbilder der Nachfolgestaaten auf ihre gemeinsame Geschichte vor 1918 fruchtbar gemacht werden.

Strukturen aufbrechen

Die inhaltliche Neuausrichtung könnte bestärkt werden durch den Kurs des Österreichischen Museumsbundes, der das Denken in einzelnen Institutionen aufzubrechen sucht, um sich zu öffnen für Kooperationen zwischen Institutionen und mit der Zivilgesellschaft. Denn schließlich gehören die staatlichen Museen allen Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern in Österreich und nicht nur uns Museumsleuten.

Aus meiner Sicht ist das Museumszeitalter der Starkuratorinnen und Starkuratoren oder Direktorinnen und Direktoren vorbei, Kollaboration ist heute die Haltung, die uns weiterbringt. Im Zuge der Neugestaltung des HGM wäre beispielsweise ein inhaltlicher Diskurs mit dem Haus der Geschichte Österreich von unserer Seite aus nicht nur gut vorstellbar, sondern absolut wünschenswert: Ein thematischer Austausch würde sicherlich zu produktiven Synergien für die Institutionen und für die Öffentlichkeit führen, und sei es allein darum, sich kooperativ zu kontrastieren.

"Ein Blick nach Deutschland zeigt, welche Bedeutung dieser kulturellen Ressource in unserem Nachbarland auf staatlicher wie auch auf Bundesländerebene beigemessen wird."

Diese Bereitschaft zur Kooperation kann freilich nicht ersetzen, was insgesamt für Österreich wünschenswert wäre: die Stärkung der kulturellen Ressource Museum. Ein Blick nach Deutschland zeigt, welche Bedeutung dieser kulturellen Ressource in unserem Nachbarland auf staatlicher wie auch auf Bundesländerebene beigemessen wird. So wurde 2019 das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg eröffnet, seine Dauerausstellung umfasst eine Fläche von 2.500 Quadratmetern. 2020 beschloss der Deutsche Bundestag die Errichtung des Dokumentationszentrums "Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa", das unter Federführung des Deutschen Historischen Museums entsteht. Das neue Museum mit einer Ausstellungsfläche von 6.000 Quadratmetern soll in der Mitte Berlins realisiert werden.

Auch in Österreich braucht die Musealisierung der Zeitgeschichte deutlichen politischen Rückenwind. (Monika Sommer, 15.7.2022)