Alkohol könne man trinken angesichts der kumulierten Krisen in Österreich und auf der Welt – oder Psychopharmaka einnehmen. Diese Bemerkung sollte wohl die Rede des Bundeskanzlers auf dem Parteitag der Tiroler ÖVP auflockern. Der Scherz missglückte gründlich. Etwas Gutes hat er aber: Er zeigt auf, wie wenig Problembewusstsein hierzulande im Zusammenhang mit Alkohol und Medikamenten immer noch vorherrscht. Alkohol in fast jeder Form ist völlig selbstverständlicher Teil der Kultur, das Feierabendbier oder das gute Flascherl Wein gehört für viele ganz normal dazu. Setzt man in einer gesellschaftlichen Situation auf antialkoholische Getränke, wird man regelmäßig schief angeschaut und dazu gedrängt, doch zumindest ein Glas zu trinken – ungeachtet der Tatsache, dass man vielleicht mit dem Auto unterwegs ist. Und ordentlich über den Durst zu trinken wird vielfach als Kavaliersdelikt weggelächelt.

Man spricht nicht gern darüber – aber der Konsum von Alkohol und Psychopharmaka ist hoch in Österreich. Zu hoch?
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Etwas anders sieht es bei der Einnahme von Psychopharmaka aus. Über die redet man lieber nicht und wenn doch, dann nur verharmlosend. Auf die Frage, wie es einem denn gehe, kann man dann schon einmal die pseudowitzige Antwort bekommen: "Na, ich werf einfach ein paar Aufheller ein, dann passt es schon." So eine Bemerkung – weit entfernt von lustig – ist sogar potenziell schädlich. Sie zeigt, dass das Wissen darüber, was Psychopharmaka eigentlich sind und wie sie eingesetzt werden, in der breiten Bevölkerung schlecht bis nicht vorhanden ist. Und sie trägt dazu bei, dass das Stigma, unter dem Menschen, die Psychopharmaka einnehmen, oft leiden, noch weiter verstärkt wird. Grund genug also, die beiden Substanzen und den Umgang der Österreicherinnen und Österreicher damit genauer unter die Lupe zu nehmen.

15 Prozent trinken zu viel

Beginnen wir beim Alkohol. Der ist ein Zellgift, mit dessen Konsum man den eigenen Körper schädigt. Es gibt eine Menge, die als unbedenklich gilt, das sind bei Männern 0,6 Liter Bier oder 0,3 Liter leichter Wein pro Tag. Frauen können weniger trinken, die Grenze liegt für sie bei 0,4 Liter Bier oder 0,2 Liter leichtem Wein. Von hier bis zum missbräuchlichen Konsum ist es nicht weit. Man multipliziert die Angaben jeweils mit dem Faktor 2,5 – bei Männern dreieinhalb große Bier oder eine Flasche Wein –, und die WHO stuft das Trinkverhalten offiziell als problematisch ein.

Österreich ist, was den Alkohol anbelangt, unter den Hochkonsumländern zu finden. Das zeigt auch eine OECD-Studie aus dem Jahr 2021. Die Pandemie hat diese Tendenz noch einmal verstärkt. Insgesamt trinken etwa 15 Prozent der Menschen in Österreich in besorgniserregendem Ausmaß, fünf Prozent sind alkoholkrank. Missbrauch geschieht übrigens unabhängig von der sozialen Schicht, in der man lebt, Alkoholismus ist über alle verteilt – aber er hat unterschiedliche Folgen.

Ein Grund, warum viele in Bezug auf Alkohol kein Problembewusstsein haben: Es gilt immer noch als männlich, viel zu vertragen. "Dabei ist das lediglich ein Zeichen von Toleranzentwicklung", sagt Rainer Schmidbauer, Institutsleiter für Suchtprävention bei Pro Mente Oberösterreich. "Dafür muss man aber schon eine längere Zeit und relativ viel trinken." Trotzdem ist man nicht sofort alkoholkrank: "Süchtig wird man nicht an einem Tag, das ist in der Regel ein schleichender Prozess, der sich über Jahre entwickelt."

Und das ist auch nur schwer an einzelnen Punkten festzumachen. Abhängigkeit entsteht immer aus einem Mix aus körperlichen, psychischen und sozialen Voraussetzungen. Vor allem Letztere sind ein wichtiger Faktor. Denn Alkohol ist breit akzeptiert, vielfach auch positiv besetzt. Und in geringen Mengen sorgt er ja tatsächlich für mehr Lockerheit. Doch genau das macht ihn zur Eingangspforte in eine Abhängigkeit. Der lockere Umgang mit Alkohol zeigt auch, dass er immer noch nicht in seiner ganzen, schädlichen Bandbreite gesehen wird. Sogar moderater Konsum wie ein Glas Wein oder ein großes Bier pro Tag kann das Gehirn langfristig schädigen, wie eine neue, im Fachjournal Plos erschienene Studie zeigt. Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson sollen damit in Verbindung stehen.

Und auch die Mär vom gesunden Glaserl stimmt so nicht. Eine Studie im Fachjournal The Lancet zeigt, dass vor allem jüngere Menschen bis 40 keinerlei gesundheitlichen Vorteil davon haben, überhaupt Alkohol zu trinken. Weiters sind die daraus resultierenden Risiken für sie höher als für Ältere.

Wie kann man den eigenen Konsum nun in Zaum halten? Schmidbauer rät: "Legen Sie sich für potenzielle Trinksituationen einen Plan zurecht, etwa verbindlich vereinbaren, wer mit dem Auto nach Hause fährt. Und machen Sie regelmäßige Alkoholpausen, zumindest zwei Tage pro Woche. Noch besser ist eine längere Periode wie die Fastenzeit. Das bricht Gewohnheiten und hilft, das eigene Verhalten neu auszurichten."

Spärliches Psycho-Wissen

Gibt es bei Alkohol zumindest ein Bewusstsein dafür, dass auch ein scheinbar harmloser Konsum gesundheitsgefährdend sein kann, ist das Wissen zu Psychopharmaka mehr als spärlich. Das liegt auch daran, dass fast niemand über das Thema spricht – weder darüber, dass es einem psychisch schlecht geht, noch darüber, dass man deshalb Medikamente einnimmt. Das wäre aber unendlich wichtig angesichts der weiten Verbreitung dieser Therapeutika.

Um zu verstehen, worum es sich bei diesen Substanzen handelt, muss man erst einmal klären, was Psychopharmaka sind. Dieser Begriff beinhaltet nämlich sehr unterschiedliche Medikamentenklassen wie Antidepressiva, Antipsychotika, Schlafmittel, bestimmte Antiepileptika oder Medikamente gegen Demenz. Diese haben auch Nebenwirkungen, leichtere wie Kopfschmerzen oder Übelkeit in der Gewöhnungsphase, aber auch schwerwiegende wie Gewichtszunahme, Libidoverlust, und manche machen langfristig abhängig. In der Alltagssprache sind mit Psychopharmaka meist Antidepressiva gemeint, die eben bei Depressionen oder Angststörungen eingesetzt werden. Sie sind auch jene, die am häufigsten verschrieben werden.

Wie viele davon, kann man nur ungefähr sagen. Für das Jahr 2019 etwa gibt die Sozialversicherung 6.539.900 verschriebene Dosen an. Nimmt man alle Psychopharmaka zusammen, wurden sogar über 13 Millionen Dosen verschrieben. Der überwiegende Teil (über fünf Millionen der Antidepressiva) wurde von Hausärzten verschrieben, die restlichen von Neurologinnen, Psychiatern und anderen Ärzten. Und eine noch nicht veröffentlichte Studie unter der Leitung von Dietmar Winkler, Psychiater an der Med-Uni Wien, die Versicherungsdaten von 98 Prozent der österreichischen Bevölkerung auswertet, zeigt, dass in den Jahren 2019 und 2020 jeweils etwa 13 Prozent Psychopharmaka verschrieben wurden.

Wichtige Therapietreue

Wie wirken Antidepressiva? Sie versuchen, das Empfinden wieder zu normalisieren, indem sie die Wiederaufnahme bestimmter Botenstoffe wie Serotonin hemmen. Wie sie eingesetzt werden, ist je nach Indikation höchst unterschiedlich, erklärt Dan Rujescu, Leiter der allgemeinen Psychiatrie am AKH Wien: "Manche Menschen benötigen die Medikation nur in einem bestimmten Zeitraum, andere nehmen sie längerfristig ein."

Optimal wirken können die Therapeutika dabei nur, wenn man die Einnahme mit Arzt oder Ärztin abspricht. Bricht man die Einnahme ohne Rücksprache ab, kann es zu einem Rückfall kommen. Rujescu betont: "Man kann ein Antidepressivum nicht mit einem Antibiotikum vergleichen. Es ist eher wie ein Medikament gegen chronische Erkrankung. Und da ist den meisten klar, dass etwa Blutdrucksenker nicht einfach abgesetzt werden können, wenn sie langfristig wirken sollen."

Ihm ist bewusst, dass Antidepressiva einen schlechten Ruf haben, auch wenn dieser nicht gerechtfertigt sei. Das liege wohl auch daran, dass "man immer noch keine psychische Erkrankung zu haben hat. Jedes Organ im Körper kann krank sein, nur das Gehirn muss immer funktionieren. Das ist aber unrealistisch. Darf jedoch das Gehirn nicht krank sein, kann man auch keine Behandlung dafür in Anspruch nehmen. Das scheint mit eine mögliche Erklärung für dieses Tabu."

Wie die Menschen auf Antidepressiva ansprechen, ist unterschiedlich. Wird der gewünschte Effekt nicht erzielt, müsse man ein anderes Produkt probieren, erklärt Rujescu. Das sei natürlich mühsam, für Behandelnde und Behandelte, aber es sei ein normaler Vorgang: "Wir haben eine Palette an Mitteln zur Auswahl, das kann man sich ähnlich vorstellen wie bei Medikamenten gegen Herz-Kreislauf-Probleme. Bringt eines nicht die erhoffte Wirkung oder gibt es unerwünschte Nebenwirkungen, greift man zu einem anderen."

Insgesamt plädiert Rujescu dafür, das Stigma, auch dass Antidepressiva möglichst zu vermeiden seien, endlich zu überdenken: "Die Gründe für Depression sind vielfältig, die Anteile von Umwelt und Genetik können unterschiedlich gewichtet sein. Die Behandlung sollte ein komplementäres Miteinander aus Medikation und Psychotherapie sein. Je nach Ausgangslage des oder der Betroffenen schaut man, welche Behandlungsbausteine in welcher Kombination zu der Person passen, und findet dann den idealen Mix." (Pia Kruckenhauser, 16.7.2022)