Vielleicht wird der Sommer 2022 in die Geschichte eingehen, weil er gar so normal war. Die Leute fahren auf Urlaub und schicken einander Whatsapp-Fotos von lila Sonnenuntergängen. In Österreichs Städten sind die Schanigärten voll; man schlürft Aperol Spritz und plaudert. Corona? Wirkt auf diffuse Weise bereits weit weg. Und sonst? Dass gerade die größte Energiekrise seit Jahrzehnten herrscht, lässt die Leute merkwürdig unberührt. Ja, die Preise steigen zwar beträchtlich, im Supermarkt genauso wie auf den Strom- und Gasrechnungen. Doch noch scheint das alles nicht richtig anzukommen bei den Menschen in Österreich und wahrscheinlich in ganz Europa. Stattdessen liegt diese wohltuende Normalität in der Luft.

In wenigen Wochen jedoch, wenn es wieder kälter wird, könnte es mit ihr vorbei sein.

Vieles deutet darauf hin, dass sich dann die Energiekrise extrem zuspitzen und Russland möglicherweise das Gas komplett abdrehen wird – oder, falls das nicht passiert, es doch so weit drosselt, dass es jeder und jede im Land noch deutlich schmerzhafter zu spüren bekommt als heute.

Der ehemalige deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger, ein profunder Marktexperte und Kenner der Ost-West-Beziehung in Sachen Energie, riet Mitte Juli: "Wir müssen uns auf eine Kriegswirtschaft vorbereiten." Andere Experten warnen vor sozialen Unruhen und Inflationsraten, die die heutigen weit in den Schatten stellen.

Der burgenländische SPÖ-Landespolitiker Roland Fürst schließlich ist zwar nicht unmittelbar mit dem Thema befasst, brachte aber die Sorge kürzlich in einem Twitter-Eintrag treffend auf den Punkt: "Es ist ziemlich klar, dass es im Herbst und Winter einen Lockdown geben wird, weil Putin das Gas ganz abdrehen wird. Das bedeutet im Prinzip keine Heizung und kein warmes Wasser, keine Industrie." Nachsatz: "Befürchte, dass das noch nicht ganz angekommen ist!"

Wie schlimm wird die Lage?

Stimmt das? Ist die Lage derart schlimm? Man mag spontan einwenden, dass es ökonomisch aus Sicht des Putin-Regimes kaum Sinn hätte, das Gas für Europa zuzudrehen. Viel vernünftiger wäre es doch, die gut zahlenden Europäer weiterhin zu beliefern – sind sie doch infolge jahrzehntelanger energiepolitischer Untätigkeit auf Gedeih und Verderb auf russisches Gas angewiesen. Die EU wird es also weiter beziehen und bezahlen, ganz egal, welche Kriegsverbrechen Russland in der Ukraine noch begeht.

Doch Putin hat in den vergangenen Monaten bewiesen, dass es ihm weniger um die ökonomische Ratio geht als um das Machtkalkül. Er will den Europäern vorführen, wie abhängig sie sind. Deshalb gab es die – ökonomisch widersinnigen – Sticheleien der vergangenen Wochen: Hafenblockaden, Pipeline-Unterbrechungen. Die Drohgebärden aus Moskau treiben in Europa die Energiepreise nach oben und steigern die Sorge vor weiteren Ausfällen.

Die Preise steigen beträchtlich, im Supermarkt genauso wie auf den Strom- und Gasrechnungen.
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Diesem Gedanken folgend liegt es nahe, dass es im Herbst noch schlimmer kommen wird. Dann nämlich beginnt die Heizsaison, und die Gasversorgung wird wichtiger, in der Raumwärme genauso wie in der Elektrizitätserzeugung. Ein – zumindest phasenweiser – Lieferstopp für russisches Gas in dieser Periode ist keine Schwarzmalerei, sondern das wahrscheinlichste Szenario. Was würde geschehen? Was kommt auf uns zu?

Wie arm werden wir?

Die Berechnungen unterschiedlicher Ökonominnen und Ökonomen gehen auf geradezu haarsträubende Weise auseinander. Die Prognosen, wie sich etwa die Wirtschaftsleistung in Österreich und der EU entwickeln wird, rangieren irgendwo zwischen einem knappen Plus und einem Minus, das den Einbruch der Corona-Krise weit in den Schatten stellen würde – und der war schon der größte Rückgang seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Woher kommen die gewaltigen Diskrepanzen? Man weiß schlicht nicht, was im Fall eines Gasstopps geschehen würde, weil es niemals in der Vergangenheit eine vergleichbare Situation gab.

Was aber lässt sich sagen? Zunächst wäre da die Tatsache, dass bereits die bisherige Energiekrise gehörig am Lebensstandard der Menschen in Österreich nagt. Schon heute spüren sie voll die hohen Kosten für Energie und die Inflation. Letztere liegt zum Großteil an den hohen Energiepreisen und beträgt laut neuester OeNB-Prognose für das gesamte Jahr 2022 7,6 Prozent, der höchste Wert seit den Ölkrisen in den 1970er-Jahren.

Hohe Reallohnverluste

Auf das ganze Jahr gerechnet erwarten die beiden großen Wirtschaftsinstitute im Land, das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und das Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien, dass heuer die Bruttoreallöhne im Land um 3,9 Prozent sinken werden. Es wären die höchsten Reallohnverluste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1955.

Reallohn, das bedeutet: der Lohn unter Berücksichtigung der Inflation. Heißt also: Nominell mag eine Person auf dem Lohnzettel mehr verdienen als im Vorjahr – in realer Kaufkraft verdient sie aber weniger, weil sie um dieses Geld weniger Waren und Dienstleistungen kaufen kann. Die hohe Inflation frisst den Wohlstand weg.

Die bisherige Energiekrise nagt gehörig am Lebensstandard der Menschen in Österreich. Schon heute spüren sie voll die hohen Kosten für Energie und die Inflation.
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Auch eine Erhebung der Statistik Austria ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Auf Basis einer Befragung vom vergangenen Februar und März – also zu einer Zeit, als sowohl Energiepreise als auch Inflation noch weit von ihren derzeitigen Höchstständen entfernt lagen – kommen die Statistiker zum Schluss: Die finanzielle Situation der Menschen in Österreich scheint sich deutlich zu verschlechtern.

So geben 23,1 Prozent der Befragten an, sich keinen Urlaub leisten zu können – im Jahr zuvor waren es lediglich zwölf Prozent. Oder: Etwa jeder siebente Befragte gibt an, abgenutzte Möbel aus finanziellen Gründen nicht ersetzen zu können. Vor einem Jahr war es nur jeder Zwanzigste.

Hinzugefügt werden muss, dass bei derartigen Befragungen stets Vorsicht geboten ist. Die Erfahrung zeigt, dass Teilnehmer ihre Situation oft falsch einschätzen, zum Beispiel dann, wenn in Medien und im Freundeskreis häufig die Rede von Krise und Inflation ist. Dennoch: Dass eine verzerrte Wahrnehmung allein ein derart klares Ergebnis bringt, erscheint unplausibel.

Verdopplung der Inflation

Wohlgemerkt, all diese Ausführungen beziehen sich bislang auf die aktuelle Situation – noch nicht auf das Szenario eines totalen und weitgehenden Gasausfalls. Wie schlimm wird alles noch werden? Drohen Verelendung und Verarmung? Werden wir am Ende tatsächlich in kalten Wohnungen sitzen?

Man kann sich diesen Fragen nur zaghaft annähern. Das Wifo beispielsweise will auf STANDARD-Anfrage keine Prognose abgeben. "Wir aktualisieren gerade außerhalb des üblichen Rhythmus unsere Prognose, in der wir auch einen Gaslieferstopp simulieren", heißt es. Noch würden aber "Ergebnisse nicht qualitätsgeprüft vorliegen".

Wie schlimm wird alles noch werden? Drohen Verelendung und Verarmung? Werden wir am Ende tatsächlich in kalten Wohnungen sitzen?
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Eine Annäherung ermöglichte eine Diskussionsveranstaltung in Berlin vor zehn Tagen, an der Akteure aus Politik, Ökonomie und Energiewirtschaft teilnahmen. Dort sorgte Ex-EU-Kommissar Oettinger mit seinem bereits erwähnten Sager von der "Kriegswirtschaft" für Aufsehen. Ebenfalls ziemlich explizit äußerte sich der Ökonom und Wifo-Chef Gabriel Felbermayr: Im Fall des Gasstopps könnte sich die Inflation im Winter verdoppeln, sagt Felbermayr – ausgehend von ihrem aktuell bereits rekordhohen Niveau. Felbermayr rechnet schlimmstenfalls mit 18 Prozent. Zum Vergleich: Die höchste Jahresinflation der Nachkriegszeit betrug im Jahr 1973, auf dem Höhepunkt der damaligen Ölkrise, 7,85 Prozent. Drohen nun 18 Prozent, hieße das, dass sich die Menschen in Österreich um ihr Geld knapp ein Fünftel weniger leisten könnten als bisher. Felbermayr rechnet in diesem Fall mit Massenprotesten und Kurzarbeit, die in Österreich in die Hunderttausende, in Deutschland in die Millionen gehen könne. In diesem Fall sei mit massiven Eingriffen der Regierungen in die Wirtschaft zu rechnen, um die Lage zu stabilisieren, etwa mit Rationierungen bei Energielieferungen.

Würden die Menschen tatsächlich in ungeheizten Wohnungen sitzen? Zumindest dieses Szenario könnte sich – sehr vorsichtig geschätzt – verhindern lassen. Wegen des geringen Gasdrucks in den Leitungen können Haushalte selbst dann noch versorgt werden, wenn nur mehr äußerst wenig Gas zur Verfügung steht. Gesetzlich hat die Versorgung von Privathaushalten zudem Vorrang gegenüber Unternehmen. Mit Sicherheit würde es zu strengen Sparaufrufen kommen; und viele Private würden wohl auch ihre Heizungen aus Kostengründen weit hinunterdrehen. Aber: Vollends abgedreht würde das Gas für Haushalte wohl nicht. Zumal es auch technisch gar nicht möglich ist, private Gasthermen von der Versorgung abzuschneiden.

Das Klimaschutzministerium von Leonore Gewessler (Grüne) geht in seinem Gasnotfallplan davon aus, dass sich die Strom- und Wärmeversorgung für private Haushalte weiterhin ausgeht – knapp, aber doch. Dies gilt laut Gewessler selbst für den Worst Case: einen sofortigen russischen Gasstopp, der es verunmöglicht, Österreichs Speicher (derzeitiger Füllstand 49 Prozent) bis Winterbeginn weiter aufzufüllen.

Viel dramatischer als bei den Privaten wäre die Lage bei Unternehmen und Gewerbebetrieben. Dort ist mit extremen Einschnitten zu rechnen.

Sollten Energierationierungen notwendig werden, müssten laut Gasnotfallplan der türkis-grünen Regierung zunächst 35 große österreichische Industrieunternehmen, die sehr viel Gas benötigen, ihren Verbrauch verpflichtend einschränken. Im nächsten Schritt würde jedes größere Unternehmen, dessen Gasverbrauch höher als 400.000 Kilowattstunden jährlich liegt, unter das Regime der Einschränkungen fallen. Davon betroffen: rund 7500 Betriebe im Land. Die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahme wären desaströs. Ein Energie-Lockdown, wie ihn der Landespolitiker Fürst an die Wand malt, wäre nicht mehr ausgeschlossen.

Für den Arbeitsmarkt würden die Rationierungen umfangreiche Kurzarbeitsprogramme bedeuten – im besseren Fall. Im schlechteren grassiert Massenarbeitslosigkeit. Ob Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit – jedenfalls würden die Menschen in Österreich weitere schwere Einkommensverluste erleiden, die mit Sicherheit die heutigen weit in den Schatten stellen würden. Denn nunmehr würde nicht mehr nur die Inflation die Kaufkraft schmälern, sondern es gäbe auch Lohnverluste infolge der Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit. Es besteht also durchaus die Gefahr, dass große Teile der Bevölkerung in Österreich verarmen, weit hinein in die Mittelschicht.

Es wird (vorerst) schlimmer

Wird das alles eintreten? Man weiß es schlicht nicht. Fest steht lediglich, dass es zumindest eine Zeitlang schlimmer kommen wird. Denn vor allem die hohen Energieausgaben betreffend ist die Krise längst nicht ganz bei den Leuten angekommen: Die Preissteigerungen im Großhandel schlagen noch nicht voll auf Österreichs Strom- und Gaskunden durch. Viele haben noch alte Verträge mit vergleichsweise niedrigen Tarifen.

Wegen des geringen Gasdrucks in den Leitungen können Haushalte selbst dann noch versorgt werden, wenn nur mehr äußerst wenig Gas zur Verfügung steht.
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Laut Michael Strugl, Chef des teilstaatlichen Stromkonzerns Verbund, ist beim Strom etwa erst die Hälfte der Preissteigerungen beim Endkunden angekommen, bei Gas noch weniger. Grob geschätzt müssen Energiekunden mit einer Verdopplung bis Verdreifachung ihrer Rechnungen rechnen – unabhängig vom weithin gefürchteten Gasstopp.

Was lässt sich also sagen im Vorausblick auf Herbst und Winter? Besser wird die Lage vorerst garantiert nicht, schon allein wegen der Höchstpreise für Energie. Auch ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass Russland den Druck im Herbst weiter erhöhen wird. Ob es am Ende wirklich ganz dick kommt, muss offen bleiben. Hart werden die Monate, die auf den wohltuend normalen Sommer 2022 folgen, aber allemal. (Joseph Gepp, 16.7.2022)