Oldenburg war einer der bedeutendsten Vertreter der US-amerikanischen Pop-Art.

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New York – Mit alltäglichen Objekten in XX-Large zierte er Landstriche auf der ganzen Welt und ließ sie wie monumentale Außerirdische landen. So balancierte er eine gigantische Kirsche auf einem gigantischen Löffel, vergrößerte einen Gartenschlauch auf die Dimension eines Häuserblocks und platzierte eine drei Tonnen schwere Eistüte inmitten der Kölner Innenstadt. Claes Oldenburg war ein Mensch der großen Gesten. Nun ist der Künstler im Alter von 93 Jahren in Manhattan gestorben, wie am Montag bekannt wurde. Neben Andy Warhol und Roy Lichtenstein galt Oldenburg als einer der wichtigsten Vertreter der Pop-Art.

Geboren wurde er 1929 in Stockholm und zog bereits als kleines Kind in die USA. Er studierte in Yale sowie an dem Kunstinstitut in Chicago und ließ sich in den 50er-Jahren in New York nieder, wo seine künstlerische Karriere begann. Die Zeit der abstrakten Expressionisten kam gerade zu einem Ende, die Kunst wurde performativer, konzeptioneller und installativer. Nach ein paar Jahren, in denen sich Oldenburg mit der Malerei und kleineren Skulpturen beschäftigt hatte, gab er sich den Strömungen der Zeit hin. "Ich wollte etwas schaffen, das etwas aussagt, unordentlich und etwas mysteriös ist", sagte er der "New York Times" einmal.

Für seine bekannteste Ausstellung "The Store" mietete er 1961 Geschäftsflächen an der East Side und verkaufte dort massenhaft produzierte Nachahmungen alltäglicher Waren und Lebensmittel – die allesamt aus Gips bestanden. So stellte er – radikal für die frühen 1960er-Jahre – eine Verbindung zwischen Kunst und Gebrauchsgegenständen her und übte zugleich Kritik am Konsumwahn.

"Spoonbridge and Cherry" in Minneapolis Minnesota.
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Aufblasbares gegen Krieg

Bei all den spielerischen Herangehensweisen Oldenburgs lieferten seine Werke stets auch politische Inhalte: Mit einem sieben Meter hohen aufblasbaren Lippenstift auf einer panzerartigen Raupenkette setze er 1969 ein Denkmal gegen den Vietnamkrieg und erschuf damit sein erstes überdimensionales Kunstwerk im Außenraum. Es folgten über 40 monumentale Arbeiten aus grell bemaltem Gips oder weichem Vinyl, denen der (beißende) Witz nie fehlte: Auf der Documenta 7 rammte Oldenburg 1982 eine fast 13 Meter lange Spitzhacke ans Ufer der Fulda.

Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Coosje van Bruggen verwirklichte Oldenburg bis zu deren Tod 2009 zahlreiche Skulpturen. Darunter ein riesiger, zerfetzter Bleistift, den sie als Zeichen für das Überleben des Geistes trotz politischer Unterdrückung für die Universität von El Salvador errichteten. Erst im April 2022 wurde eine gigantische Skulptur der beiden in Form einer blauen Gartenschaufel im Rockefeller Center in New York in die Erde gesteckt.

Mit seinen bahnbrechenden und poppigen Werken definierte Oldenburg die Beziehung zwischen Malerei und Skulptur neu und erhob das Objekt zum Kunstwerk. Er sei immer schon mehr an den Dingen als an den Menschen interessiert gewesen, sagte Oldenburg einmal. Schon als Kind seien Kunstmuseen deswegen für ihn "ein Mysterium" gewesen, er sei lieber in naturwissenschaftliche Museen gegangen. Das änderte sich wohl, als er später selbst in den bedeutendsten Kunsteinrichtungen ausstellte. Seine Werke befinden sich heute in renommierten internationalen Sammlungen.

"Plantoir, Blue" bei Channel Gardens im Rockefeller Center, New York.
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Auf die Größe kommt es nicht an

1977 verwirklichte Oldenburg sogar sein eigenes "Museum": Aus einem bunten Sammelsurium an bereits in den 1960er-Jahren zusammengetragenen Gegenständen und kuriosen Alltagsobjekten stattete der Künstler das "Mouse Museum" aus. Genau anders herum als seine Skulpturen im Großformat baute er damit ein Museum im Miniaturformat. Der Grundriss des begehbaren Aluminiumgehäuses basiert auf der Form der "Geometric Mouse" und stellt eine Mischung aus dem Kopf der Comicfigur Micky Mouse und dem Umriss eines frühen Filmkameramodells dar. Heute befinden sich darin knapp 400 Objekte.

Das Werk wurde 1978 vom Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig erworben und ist heute im Besitz des Mumok in Wien. 2012 richtete das Museum ihm eine umfassende Retrospektive seines Frühwerks aus und zeigte das "Mouse Museum" 2020 in einer umfassenden Pop-Art-Ausstellung.

Mit Oldenburgs Tod ist die Kunstwelt um einen der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts ärmer. Er setzte neue Maßstäbe, prägte Generationen nach ihm und behielt immer seinen Humor. "Ich bin für eine Kunst, die politisch-erotisch-mystisch ist", sagte er. "Die etwas anderes tut, als in einem Museum auf ihrem Arsch zu sitzen." (Katharina Rustler, 18.7.2022)