Holz gibt es genug, die Lagerbestände füllen sich. Vorbestellbar ist der Rohstoff vielerorts trotzdem nicht.

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Die Erzählung über die aktuelle Teuerungskrise muss umgeschrieben werden. Jeder kennt die Geschichte, wie es angeblich dazu gekommen ist, dass in Österreich die Inflation den höchsten Stand seit den 1970er-Jahren erreicht hat. Sie geht etwa so: Eine Kombination aus steigenden Energiepreisen und Problemen in den internationalen Lieferketten haben dafür gesorgt, dass die Teuerung immer mehr Produkte erfasst hat. Die hohe Nachfrage der Konsumenten nach bestimmten Gütern befeuerte diese Entwicklung zusätzlich.

Das alles ist richtig. Doch in der Erzählung wird vernachlässigt, dass inzwischen Unternehmen Waren für ihre Lager zurückhalten, um sie später zu verkaufen und so von steigenden Preisen zu profitieren. Das geschieht, während viele Firmen parallel dazu versuchen, ihre Lager aufzufüllen, um vor künftigen Problemen in den Lieferketten gewappnet zu sein. All das führt zu einer weiteren Angebotsverknappung am Markt.

Nachfrage der Kunden

So ist es nicht nur die Nachfrage der Kunden, sondern auch eine Anpassung im Verhalten der Unternehmen, das die Preise steigen lässt. Gut illustrieren lässt sich, was hier geschieht, am Beispiel von Brennholz. Seit Tagen mehren sich Meldungen, wonach Brennholz in Österreich knapp wird. Wer im Baumarkt in und um Wien nachfragt, bekommt tatsächlich zu hören: ausverkauft. Wo ist das Holz? Die Nachfrage nach Brennholz war in den vergangenen Wochen hoch. Das Sommergeschäft lief ungewöhnlich gut, erzählen Branchenvertreter, viele haben sich heuer schon früh eingedeckt. Die Meldungen über eine bevorstehende Energiekrise haben die Menschen verunsichert. Ist deshalb alles weg? Keinesfalls. Es wird zu großen Teil zurückgehalten.

Holz ist noch da

Traditionell wird das meiste Holz in Österreich erst zwischen Oktober und Dezember verkauft, das Geschäft im Sommer ist von untergeordneter Bedeutung. Das Holz, das in den nächsten Monaten zum Kunden soll, ist schon längst geschlägert, das ist zwischen Oktober 2021 und April 2022 geschehen. Ein Teil wurde schon im Jahr davor verarbeitet. Das Holz wird dann auf Sammelplätzen zwischengelagert, ehe es zur Verbreitung in die Sägewerke geht. Dazwischen lässt man es längere Zeit trocknen. Die Forstbetriebe, die Zwischenhändler und die Verkäufer haben es in ihren Lagern, wenn auch vielleicht noch nicht fixfertig für den Kunden.

Das ist alles nicht außergewöhnlich. Was heuer tatsächlich anders läuft, ist, dass Holz nicht vorbestellbar ist. In Baumärkten werden Waren aller Art vorbestellt, oft Wochen im Voraus. Die Verkäufer können dabei nicht immer sagen, wann die Ware ankommt. Bei Brennholz ist das seit kurzem allerdings nicht möglich, wie Verkäufer in einem Baumarkt südlich von Wien erzählen. In regelmäßigen Abständen treffe Brennholz zwar ein, es ist dann aber rasch verkauft. Reservieren lasse sich nichts. Eine ähnliche Auskunft gibt ein großer Holzverkäufer in Wien telefonisch: Das Holz lagere bei ihm und trockne, Vorbestellungen annehmen könne er nicht. Warum nicht? Schon so viele Kundenwünsche, sagt der Händler lapidar. Man solle es in ein paar Tagen nochmals probieren.

Überall ein ähnliches Bild: Die Holzlager in Österreich sind gut gefüllt. Die Nachfrage bei mehreren Sägewerken ergibt, dass niemand Probleme hat, an Holz zu kommen, im Gegenteil, aktuell lasse man die Lager voll werden.

Jeden Tag wird es teurer

Warum wird nicht mehr verkauft, und sei es per Vorbestellung für den Herbst? Die Antwort: An jedem Tag, an dem Ware nicht verkauft wird, wird sie teurer. Der Preis für einen Raummeter Brennholz ist um 34 Prozent gestiegen binnen zwölf Monate, bei Pellets um 53 Prozent. Tendenz weiter steigend. "Das Produkt wird zum spekulativen Gut, weil Unternehmer damit rechnen, dass die Preise weiter anziehen", wie der Ökonom Stephan Schulmeister das Phänomen beschreibt. So ein Verhalten ist aus vielen Inflationskrisen bekannt: Weil Geld seinen Wert verliert, ist es ratsamer, Waren vorrätig zu haben, insbesondere stetig nachgefragte Rohstoffe. Dazu kommt, dass Unternehmen, die Waren von Zwischenhändlern erst kaufen müssen, aber schon Aufträge annehmen, das Preisrisiko tragen.

Damit nichts falsch verstanden wird: Es geht nicht um einen moralischen Vorwurf an Unternehmern. Aus dem Lehrbuch lassen sich zwei Wege ableiten, wie ein Betrieb mit steigenden Preisen umgehen kann, sagt der Ökonom Harald Oberhofer von der WU Wien. Entweder versucht er die Nachfrage so schnell wie möglich zu bedienen, wenn er noch von hohen Preisen profitieren will. Oder das Unternehmen schließt keinen Vertrag ab und hält das Angebot zurück. Das kann die richtige Strategie bei erwarteten Preissteigerungen sein. "Das ist ein schönes Beispiel, warum hohe Inflationserwartungen Probleme verursachen", sagt Ökonom Oberhofer. "Die Konsumenten haben wegen steigender Preise Interesse, schnell an die Ware zu kommen, während die Unternehmer Interesse haben, das Angebot zu verzögern", so der Ökonom. Weniger Angebot heißt auch: Preise steigen weiter.

Viele Kredite für den Lageraufbau

Dass diese Strategie der Zurückhaltung zusehends eine Rolle spielt, darauf finden sich weitere Hinweise. Neben Holz gibt es zum Beispiel ähnliche Berichte vom Ziegelmarkt.

Es gibt aber auch Evidenz für den zunehmenden Lageraufbau. Wenn Volkswirte die Wirtschaftsleistung berechnen, gibt es dafür verschiedene Wege: So ist es möglich, die Produktion zu errechnen, also den Wert der erzeugten Waren und Dienstleistungen. Ein zweiter Weg ist es, sich die Nachfrage anzusehen, also was die Konsumenten ausgeben. Ergibt sich zwischen beiden Werten eine Diskrepanz, weil die Produktion die Nachfrage übertrifft, deutet das meist darauf hin, dass Unternehmen ihre Lager befüllen. Genauso ist es derzeit in Österreich: Für das erste Halbjahr zeigen Daten eine große Diskrepanz, wie der Wifo-Ökonom Josef Baumgartner sagt. Das Ganze sind noch keine finalen Zahlen, die Datengrundlage kann sich noch ändern.

Doch es gibt einen zweiten Hinweis auf Hintergründe der zunehmenden Lagerhaltung. Die Europäische Zentralbank befragt Unternehmen regelmäßig nach den Gründen ihrer Kreditaufnahme. Dabei nennen Betriebe in Österreich immer öfter die Finanzierung von Lagern. Die kurzfristigen Kredite mit Laufzeit von bis zu einem Jahr, mit dem der Aufbau typischerweise finanziert wird, ist stark gestiegen, wie der Wifo-Ökonom Thomas Url sagt. Der Kreditbestand lag im Mai 2022 um elf Prozent über dem Wert von Mai 2021.

Es gibt mehrere Gründe, warum Unternehmen Lager befüllen. Nicht alle warten auf steigende Preise. Eine große Rolle spielt die Verunsicherung durch Lieferkettenprobleme. Viele Unternehmer wollen gewappnet sein und bauen Lager aus. Aber so oder so: Die zunehmende Lagerhaltung sorgt für eine Verknappung am Markt, weil weniger Angebot da ist. Das ist also das neue Kapitel in der Inflationserzählung.

Transparenz oder eine neue Steuer?

Lässt sich dagegen etwas machen? Eine Idee wäre, Lagerhaltung zu verteuern – über eine Steuer. Wenn es teuer wird, Brennholz auf Halde zu lassen, werden Unternehmen Bestellungen wieder annehmen. Doch die meisten Ökonomen sehen das kritisch: Die Umsetzung sei mit vielen bürokratischen Hürden verbunden, der Lagerbestand lasse sich schwer kontrollieren. Und es bräuchte sehr spezifische Regeln: Nur wer Lager aus spekulativen Gründen aufbaut, sollte besteuert werden. Ökonom Stephan Schulmeister empfiehlt daher, mit Transparenz den Wettbewerb anzukurbeln: Die Preise für wichtige Produkte sollten online leicht zugänglich sein. Eine Agentur für Markttransparenz solle die Information der Konsumenten verbessern.

Beim Brennholz könnte das tatsächlich ein Baustein für die Lösung des Problems sein: Während Unternehmen in und um Wien sagen, sie könnten kein Brennholz reservieren, ist das bei Sägewerken in ländlichen Regionen kein Problem. Holz ist genug da. (András Szigetvari, 20.7.2022)