Österreichs Hochschulen sind derzeit in den Sommerferien – deshalb weilt auch der Rektor der Uni Wien nicht in der Bundeshauptstadt. Heinz W. Engl nutzt die Vorteile der Digitalisierungswelle, die seine Bildungseinrichtung im Zuge der Pandemie durchgemacht hat, und ist im Homeoffice. Die Uni Wien bleibe aber Präsenzuni.

Rektor Heinz W. Engl will die Lehre an der Uni Wien auch im Herbst in Präsenz abhalten.
Foto: Christian Fischer

STANDARD: In Ihrer Amtszeit haben Sie seit 2011 sechs Wissenschaftsminister erlebt. Wem stellen Sie das beste Zeugnis aus?

Engl: Reinhold Mitterlehner hat einen großen, positiven Impact auf die Unis gehabt; speziell durch die Erhöhung der Finanzierung. Diese hat an der Uni Wien unseren massiven Ausbauplan gestartet. Heinz Faßmann war ein Minister, der die Probleme der Unis genau verstanden hat und es geschafft hat, diese zusätzliche Finanzierung durch eine völlig neue Koalitionssituation zu tragen. Den aktuellen Minister will ich noch nicht kommentieren, das wäre unangemessen. Es ist unsere Hoffnung, dass Martin Polaschek bei dieser Inflationslage uns in der Regierung so unterstützt, dass wir das, was wir brauchen, erhalten.

STANDARD: Mitterlehner war für Wissenschaft und Wirtschaft zuständig, nicht für die Schulen. Mittlerweile sind Bildung und Wissenschaft wieder in einem Ministerium zusammengefasst. Merken Sie einen Unterschied in der Schwerpunktsetzung?

Engl: Die aktuelle Kombination ist die naheliegende, weil wir durch die Lehramtsausbildung an der Schnittstelle stehen. Andererseits: Obwohl die Unis Mitterlehner wegen seiner Ressortkombination Wissenschaft und Wirtschaft anfangs sehr skeptisch gegenüberstanden, hat er für die Unis viel vorangebracht. Vielleicht auch deshalb, weil er den riesengroßen Dampfer Schulen nicht zugleich bewegen musste. Wie man jetzt in der Krise sieht, sind Wissenschafts- und Bildungsminister die meiste Zeit mit der Problematik der Schulen und nicht mit Unis befasst.

STANDARD: Wurden die Unis in der Pandemie vergessen?

Engl: Nicht vergessen. Wir preisen zu Recht die Autonomie der Unis an, die uns natürlich auch viel Verantwortung gibt. Das hat uns ermöglicht, unsere Corona-Politik je nach spezieller Situation der Hochschule zu behandeln. Es ist schließlich ein Unterschied, ob man eine Kunstuni leitet, die mit Kleingruppen eine andere Situation hat als die Uni Wien mit 90.000 Studierenden.

STANDARD: Die Rektorate wurden zu Pandemiemanagern. Entspricht das tatsächlich dem Autonomiegedanken?

Engl: Ja, es war angemessen, dass wir Entscheidungsfreiheit und die Verantwortung hatten. Im nächsten Semester werden die Lehrveranstaltungen wieder hauptsächlich offline stattfinden. Aus heutiger Sicht mit Masken, aber sonst wird es kaum Einschränkungen geben. Allerdings werden wir erst im Herbst sehen, ob uns die Viruslage das erlaubt.

"Wir preisen zu Recht die Autonomie der Unis an, die uns natürlich auch viel Verantwortung gibt. Das hat uns ermöglicht, unsere Corona-Politik je nach spezieller Situation der Hochschule zu behandeln."
Foto: Christian Fischer

STANDARD: Wird es jemals eine Uni wie vor der Pandemie geben?

Engl: Nein. Ich war überrascht, wie schnell und wie reibungslos die Umstellung auf Digital ging. Wir mussten Bandbreiten erweitern, Geräte anschaffen, Netzwerke verstärken. Das ist alles innerhalb weniger Wochen geschehen. Jetzt ist eigentlich die Herausforderung, die Studierenden zu überzeugen, wieder zurück an die Uni zu kommen. Universität ist ja nicht nur Wissensvermittlung, es ist auch ein soziales Ereignis. Aber die reine Wissensvermittlung könnte in Zukunft vermehrt online passieren, die Diskussion darüber in Präsenz. Dafür werden wir andere Typen von Räumen brauchen. Das Audimax ist nicht das Modell der Zukunft. Aber die Uni Wien bleibt eine Präsenzuniversität.

STANDARD: In Linz soll eine TU entstehen. Sie waren einst Dekan der technisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Linz, eines Hauptkritikers der neuen Hochschule. Wie bewerten Sie die Neugründung?

Engl: Dass es einen Ausbau dieses Bereichs am Industriestandort Linz braucht, ist für mich unbestritten. Aber: Die technisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Uni Linz ist sehr gut. Sie hat eine hervorragende Informatik, Mathematik und Mechatronik. Warum nicht aufbauend auf den Qualitäten dieser und anderer Fakultäten ein massiver Ausbau geschieht, ist mir unklar. Leuchttürme kann man nicht durch ein Bundesgesetz schaffen.

STANDARD: Kritik gibt es auch am Budget für die neue Hochschule, andere Unis fürchten, dass sie durch die Finger schauen.

Engl: Dieser Aspekt ist eine Kleinigkeit von dem, was sich budgetär zusammenbraut. Die aktuellen Inflationsraten werden sich bei uns nicht nur in den Energiekosten, sondern relativ direkt auch in die Personalkosten durchschlagen.

STANDARD: Die Unis haben für die Jahre 2022 bis 2024 eine Erhöhung von 1,3 Milliarden Euro bekommen – beschlossen wurde das Budget vor der Teuerungswelle. Wie viel Geld braucht die Uni Wien?

Engl: Das zuletzt ausverhandelte Paket konnten wir ohne Inflation gut verkraften. Jetzt hängt es stark davon ab, wie hoch die Inflation wirklich sein wird. Auch in den Kollektivvertragsverhandlungen mit dem Personal wird die hohe Inflation eine Rolle spielen. Die Unis benötigen insgesamt in den nächsten zwei Jahren 475 Millionen Euro mehr. Üblicherweise erhält die Uni Wien davon 15 bis 17 Prozent – das stimmt genau mit unseren Zahlen überein. In den nächsten zwei Jahren fehlen uns rein inflationsbedingt etwa 65 Millionen Euro, sonst sind wir in massivsten Schwierigkeiten.

STANDARD: Wo werden die Hochschulen selbst sparen müssen?

Engl: Das werden wir sehen. Das ist nicht mehr meine Entscheidung. Die internen Einsparungsmöglichkeiten sind recht gering. Natürlich, ein paar Millionen kann man überall sparen, aber nicht 65. Wenn wir an der Uni Wien in den nächsten zwei Jahren keine einzige frei werdende Stelle nachbesetzen, würden wir maximal die Hälfte des nötigen Zuschussbedarfs hereinbekommen. Wir haben gerade die größte Personalaufstockung seit Mitte des 19. Jahrhunderts hinter uns. Wenn man das jetzt wieder radikal zurückfährt, brauchen wir uns nicht einzubilden, dass sich in den nächsten Jahren irgendjemand wieder nach Österreich berufen lassen wird. Die Reputation der österreichischen Unis wäre auf Jahre oder Jahrzehnte kaputt.

STANDARD: Im Shanghai-Ranking liegt die Uni Wien auf den Plätzen 150bis 200, im "Times"-Ranking auf 137. Sind Sie damit zufrieden?

Engl: Nein. Aber im Shanghai-Ranking belegt die Mathematik Platz 29, die Publizistik ist unter den Top Ten. Für uns sind jetzt die Fachrankings wichtiger, da sind auch die Sozialwissenschaften unter den Top 100. In den USA gelten wir hauptsächlich als geisteswissenschaftliche Universität. Aber wir haben auch eine tolle Physik. Das versuchen wir bekannter zu machen. Und natürlich hängen Rankings auch mit Investitionen zusammen: Die Finanzmittel der ersten 100 Universitäten in Rankings sind doppelt so hoch wie die von 101 bis 200.

"Ich würde mich nicht trauen, in einer fünften Klasse Gymnasium eine Physikstunde abzuhalten."
Foto: Christian Fischer

STANDARD: Im Oktober übergeben Sie die Leitung der Uni Wien – ein Jahr früher als geplant – an Sebastian Schütze. Was folgt für Sie?

Engl: Eine Erholungsphase. Mir hat die Krise, wie vielen anderen, Kraft gekostet. Es stehen keine größeren beruflichen Aufgaben an.

STANDARD: Gerade wurde der Quereinstieg in den Lehrberuf vereinfacht. Es reicht ein fachverwandtes Studium, um berufsbegleitend einen Lehramtsmaster anzuhängen. Sie als Mathematiker könnten Physik unterrichten.

Engl: Zurzeit unterrichten Lehrerinnen und Lehrer an Schulen alle Fächer, auch die, für die sie gar nicht ausgebildet sind. Da ist es besser, auf Personen zu setzen, die zumindest die Fachausbildung haben. Aber ich würde mich nicht trauen, in einer fünften Klasse Gymnasium eine Physikstunde abzuhalten. Da braucht man noch andere Kompetenzen als nur die fachliche.

STANDARD: Entwertet diese neue Regelung den Bachelor Lehramt?

Engl: Vielleicht zum Teil. Aber andererseits schafft es relativ kurzfristig die Möglichkeit, in Fächern, wo es derzeit massiven Bedarf gibt – etwa in den Naturwissenschaften –, diesen Bedarf zu decken. Durch Personen, die das Fach, wenn auch mit einem anderen Ziel, studiert haben und dann mit einem anderen Erfahrungshintergrund zum Beispiel Mathematik unterrichten. Für andere Fächer wie Geschichte ist das vielleicht nicht das Modell, allerdings: Dort gibt es aber genügend Absolventinnen und Absolventen. (Oona Kroisleitner, 22.7.2022)