Religiöse Homöopathie: Lars Eidinger (Jedermann) und Edith Clever (Tod) im "Jedermann" in Salzburg 2022.

Foto: APA / Barbara Gindl

In schweren Zeiten pflegen sich die Menschen um die Fahne des Vaterlandes zu scharen, nur vaterlandslose Gesellen der verruchtesten Art geben sich dazu her, seinen hehren Altar zu schänden. Die schwere Zeit ist angekommen, und von je einem derartigen Vorfall in dieser Woche ist hier pflichtgemäß zu berichten.

Enthüllter Kern

Der verruchte zuerst, es war "Österreich", das ihn enthüllte. Kein Geringerer als ein ehemaliger österreichischer Bundeskanzler, ein gewisser Christian Kern, leistete sich auf Twitter den Frevel folgender kunstkritischer Betrachtung: Der Jedermann-Hype ist mir seit jeher unbegreiflich. Das Stück ist ein seichter bigotter Stoff. Unrettbar. Jeder Online-Yoga-Einsteigerkurs hat mehr Tiefgang.

Religiöse Homöopathie

Gemeint hat er vermutlich das Salzburger Nockerl der dasigen Kulturgastronomie "Jedermann", angefertigt nach einem alten Rezept und alljährlich verabreicht einer zahlenden Schar Zugereister als Remedium gegen die moralische Verrottung unserer Zeit. Gegen Wirkungen und diabolische Gegenwirkung hilft weder Arzt noch Apotheker, da es, wie in allen Fällen religiöser Homöopathie keine gibt, wie der Lauf der Welt längst bewiesen hat. Die jährliche Scheinattacke auf den Mammon und die ihm Verfallenen nimmt sich im Ambiente des Domplatzes wie Heuchelei mit Regie aus, also insofern aufrichtig, als sie Geld in die Kassen spült und den Aufführenden zu unsterblichem Ruhm am Boulevard verhilft.

Bigotter Stoff

Ist es schon unverständlich, wie man diese Glorifizierung spät bereuter Geldgier als seichten bigotten Stoff verunglimpfen kann, so ist es geradezu ein Schlag ins Gesicht eines glaubensfesten Katholizismus, jedem Online-Yoga-Einsteigerkurs mehr Tiefgang zuzuschreiben und das auch noch auf Twitter zu predigen. Verrenkungen, die kein Geld bringen, Tiefgang zu bestätigen zeugt von einem seltsamen, jedenfalls unpatriotischen Kunstverständnis, das in Zeiten wie diesen nichts verloren hat.

Nackter Patriotismus

Aber nun zur erfreulichen Erscheinungsweise patriotischer Gefühle. Vorauszuschicken ist, dass die "Kronen Zeitung" in ihren besseren Zeiten täglich ein Foto anbot, darstellend den weitgehend entblößten Leib eines weiblich gelesenen Menschen (um jetzt keinen Fehler zu machen). War es nun Schamhaftigkeit der nächsten Miteigentümergeneration oder viriler werdender Feminismus – irgendwann blieben die Fotos aus, die Auflage ist seither gesunken. Doch gewisse Grundbedürfnisse lassen sich auf Dauer nicht unterdrücken.

Seit einiger Zeit tauchen die Nackten gelegentlich wieder auf, als eine Art Probebohrung in die Moral einer nachgewachsenen Leserschaft. Als geniales Ergebnis ward am Donnerstag für den gewissen Kick eine Dame präsentiert, die vor einem rostigen Lastwagen auf nackten Zehenspitzen über Schotter wandelte. Die offensichtliche Mühe war dem Vaterland gewidmet, stakste sie doch unterleiblich in nichts als eine rot-weiß-rote Fahne gehüllt durch ein tristes Viertel unserer sonst so schönen Heimat.

Damenfußball

Das Gesamtkunstwerk diente einem jedermann einsichtigen guten Zweck, wobei der entblößte Busen als patriotische Draufgabe durchgehen darf. Denn: Heute ist es endlich so weit: Österreichs Fußballerinnen treffen im EM-Viertelfinale auf Deutschland. Zu wem Zoe hält, zeigt das sexy Model hier ganz klipp und klar.

Ob von der Darstellung eine belebende Wirkung auf Österreichs Damenfußballmannschaft vor dem Schicksalsspiel gegen Deutschland ausgegangen ist, also Doping vorlag, war weder aus dem Spielverlauf noch aus dem Ergebnis eindeutig abzulesen. Ungerecht ist es, wenn zu den vielen Lasten, die Frauen in diesem Land ohnehin zu tragen haben, ihnen auch noch der Patriotismus aufgehalst wird.

Härtefall für die Moral

Ein paar Tage zuvor hatte es die "Krone" noch billiger gegeben: "Oben ohne" als Härtefall für die Moral titelte sie über dem Foto einer oben ohne Badenden. Denn angeblich entbrennt wieder die ewig junge Diskussion um entblößte Brust im Bad, und da will die "Krone mitdiskutieren. Unvermeidlich war auch da Patriotismus im Spiel. Pries sie Österreich als Oase der Nacktheit, was zumindest politisch nicht falsch ist, bleiben die Deutschen weit zurück. Deutsche Politiker fordern, dass im Sinne der Gleichberechtigung Frauen wie Männer ein Recht haben, ihre Oberkörper in Bädern vonTextilien zu befreien. Die sexuelle Komponente der weiblichen Brust spielt dabei keine Rolle.

Wem sagen die Deutschen das? Bei uns ging es dabei immer nur um das Vaterland. (Günter Traxler, 24.7.2022)