Österreichs Naturraum schrumpft jeden Tag ein wenig mehr. So formuliert es Kurt Weinberger, Chef der Hagelversicherung. Rund 11,5 Hektar Äcker und Wiesen – das entspricht in etwa der Größe von 16 Fußballfeldern – werden hierzulande pro Tag versiegelt. Damit liegt der Wert weit über dem Ziel: Schon 2002 wurde in der Nachhaltigkeitsstrategie der damaligen Regierung angepeilt, den Bodenverbrauch bei 2,5 Hektar pro Tag zu deckeln. "Wenn wir so weitertun wie in den letzten zehn Jahren, gäbe es hochgerechnet in 200 Jahren keine Agrarflächen mehr", rechnet Weinberger vor. "Dieses Verhalten ist grob fahrlässig."

Nicht nur der Traum vom Einfamilienhaus im Grünen ist Ursache für die starke Bebauung, hieß es am Freitag bei einer Pressekonferenz: Demnach hat Österreich mit 1,67 Quadratmetern die größte Supermarktfläche Europas pro Kopf. Auch beim Straßennetz pro Kopf ist Österreich vorn dabei. Insgesamt ging in den vergangenen zwei Jahrzehnten laut dem Versicherer eine Agrarfläche in der Größe von 150.000 Hektar wegen Verbauung verloren. Zugleich stehen 40.000 Hektar an Immobilienfläche leer.

Durch die Versiegelung kann das Wasser nicht in den Boden versickern, die Umgebung heizt sich auf.
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Denn zubetonierter Boden kann kein Wasser speichern, worauf der Grundwasserspiegel sinkt. Das wiederum führt zu austrocknenden Seen. Darüber hinaus führen versiegelte Flächen zu einem Verlust an Biodiversität und Erholungsraum. Und auch für die Selbstversorgung im Land sei die starke Verbauung kritisch, erklärt Weinberger: Bei Weizen liege der Selbstversorgungsgrad aktuell bei 88 Prozent, bei Obst und Gemüse jeweils bei 50 Prozent und bei Soja nur bei 20 Prozent. "Boden ist eine krisenrelevante Infrastruktur", sagte Weinberger, "von Beton können wir nicht abbeißen."

Heiße Städte

Der Flächenfraß bringt noch ein weiteres Problem mit sich: Versiegelte Fläche heizt sich besonders stark auf. Zwischen einer komplett asphaltierten Straße und einer entsiegelten mit Baumschatten könne der gefühlte Temperaturunterschied bis zu 15 Grad ausmachen, erklärte der Meteorologe Simon Tschannett. Das ist vor allem in der Stadt spürbar, die Hitzetage haben sich vervielfacht. In Wien gab es in den 1980er- und 1990er-Jahren rund sechs Tage mit mehr als 30 Grad pro Jahr. Mittlerweile liegt der Durchschnitt bei 20 Tagen. Das heurige Jahr dürfte einen neuen Höchstwert darstellen: Bis inklusive Freitag wurden in Wien 25 Hitzetage gemessen – einige weitere dürften noch anstehen.

Noch dazu kühlt es in der Nacht kaum ab. Grund dafür ist laut Tschannett die fehlende Kaltluft – diese entsteht durch Wiesen, Äcker und Wälder. Daher gelte es Flächen wieder zu entsiegeln, hieß es am Freitag. "Unsere Städte sind für ein ganz anderes Klima gebaut worden", erklärt der Forscher. Zur Gründerzeit habe es nur alle zehn bis 20 Jahre eine Hitzewelle mit mehr als drei Tagen mit 30 Grad gegeben. "Wir müssen jetzt schon mit dem veränderten Klima umgehen lernen." Als wichtigen Baustein dafür nannte er das nach wie vor ausständige Klimaschutzgesetz. Der Wissenschafter hofft, dass das Thema Bodenschutz darin enthalten sein wird.

Versicherungschef Weinberger sieht darüber hinaus die Länder gefordert, ins Handeln zu kommen und bei der Genehmigung von Umwidmungen mehr auf unnötige Versiegelung zu achten. Weinberger schlägt vor, die Kommunalsteuer auf Bundesebene einzuheben und über den Finanzausgleich rückzuerstatten – dabei sollen jene, die achtsam mit der Natur umgehen, mehr bekommen. Eine "Stopptaste" sei laut Weinerberger beim Straßenbau zu drücken: "Diese Form der Mobilität ist nicht zukunftsfähig." Darüber hinaus müsse es monetäre Anreize geben, Altbestand wieder zu nützen. (Nora Laufer, 22.7.2022)