(Frühlingstag. Am Ufer des Turracher Sees ein Fremdenführer und eine Reisegruppe. Führung im Gange.)

Wie gehen wir mit der Natur um?
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FREMDENFÜHRER: – und in diesem See hat der Sage nach ein Wassermann sein Reich. Er wacht über das Wohlergehen der Fische und Wasserpflanzen und ist im Grunde harmlos. Wirft man jedoch Gegenstände in den See, kann er wütend werden, denn das zerstört seine Bauten, und er holt die Missetäter zu sich, um ihnen die Schäden zu zeigen, und wenn er sie wieder gehen lässt, sind hundert Jahre vergangen. Aber auch in einer anderen Sage spielt dieser Wassermann eine Rolle. (Zeigt über den See.)

Wenn sie dort drüben ein wenig bergauf wandern, kommen Sie auf die Flammenalm. Von ihr heißt es, dass nirgendwo sonst im Land so schön die Almröschen und der Enzian blühen. Einst war diese Alm ein unscheinbares Stück Land, auf dem die Bauern sommers das Vieh grasen ließen und das ansonsten keinen besonderen Nutzen hatte.

Eines Tages nun erschien im Dorf ein Immobilienentwickler, der bot den Bauern gutes Geld dafür, und sie verkauften es ihm. Er ließ Bauholz heranschaffen und eine Hütte errichten, und als die Hütte fertig war, verkaufte er sie an einen reichen Kaufherrn aus der Stadt, und von dem Erlös ließ er eine weitere, noch größere Hütte errichten und verkaufte auch diese und so immer weiter und weiter, bis dort an die hundert Hütten standen.

Unzählige Menschen bevölkerten nun zu manchen Zeiten das Dorf und stiegen auf die Berge und fuhren mit ihren Fahrrädern durch die Wälder, und alle warfen sie Dinge in den See, sodass es dem Wassermann schließlich zu bunt wurde. Er verließ sein Reich und suchte den Immobilienentwickler auf und sagte, wenn er nicht aufhöre, Hütten zu bauen, werde er ihn bestrafen. Aber der Immobilienentwickler lachte nur und sagte, er werde nicht aufhören, bevor die tausendste Hütte errichtet sei.

Da wurde der Wassermann zornig und hob die Hände zum Himmel, und ein Blitz fuhr herab und schlug in eine Hütte ein, und sie brannte nieder bis auf die Grundmauern. Und wieder hob er die Hände, und wieder fuhr ein Blitz herab und setzte eine Hütte in Brand, und weiter tat er so, bis alle hundert Hütten in Schutt und Asche lagen.

Aber der Immobilienentwickler lachte immer noch und sagte, das mache gar nichts, er sei gut versichert und werde sofort wieder mit dem Bauen beginnen. Da hob der Wassermann ein letztes Mal die Hände, und ein letzter Blitz fuhr herab und zerschmetterte den Bösewicht, sodass nicht mehr von ihm blieb als ein Häufchen Asche. Deswegen heißt diese Alm heute Flammenalm. Die Asche aber war ein guter Dung, und schon bald wuchs wieder das Gras und der Enzian und –

EINE TOURISTIN (ärgerlich): Hören Sie, junger Mann, das ist doch Schwachsinn, was sie da erzählen! Da oben ist keine Alm! Das weiß ich definitiv, schließlich sind wir dort untergebracht!

FREMDENFÜHRER (errötet): Tut mir leid. Sie haben natürlich recht. Manchmal komme ich ins Träumen.

(Vorhang)

(Antonio Fian, 22.7.2022)