Für manche Menschen ganz schön verwirrend: die Pfeile an Aufzügen.

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Oft spinnt sie ja tatsächlich, die Technik. Dass bei Vorträgen die Videopräsentation auf Anhieb funktioniert, ist bekanntlich eher die Ausnahme als die Regel. Und dass die Autokorrektur am Handy-Messenger schlauer sein will als wir, indem sie etwa die österreichische Bundeshauptstadt Wien unbedingt in ein salopp-deutsches "Wie’n" verwandeln will, ist wie’n Gruß aus der sprachlichen Bevormundungshölle.

Oft scheitern Menschen aber auch aus eigenem Verschulden an den einfachsten technischen Vorrichtungen, indem sie deren Existenzzweck schlichtweg ignorieren. Die Gründe dafür mögen individuell unterschiedlich sein, liegen aber in der Regel irgendwo zwischen trotziger Wurschtigkeit und ehrfürchtiger Ergebenheit angesichts der zu bedienenden Apparatur. Kaum eine Blindenampel, die nicht dutzende Male pro Tag von den Fingern Sehender traktiert wird – in deren Hoffnung auf schnelleres Grün, die allerdings nur von den sogenannten Anforderungstasten normaler Fußgängerampeln erfüllt wird.

Wohin drücke ich bloß?

Ein besonders trauriges, weil vielfach missverstandenes Dasein fristen auch die Aufwärts- und Abwärtstasten an den Außenseiten von Aufzügen. Jahrelange Beobachtung samt fallweiser Befragung Einzelner führt zu folgender Erkenntnis:

Neben Menschen, die mit den beiden Pfeilen korrekterweise die gewünschte Fahrtrichtung angeben, scheint es noch zwei weitere Gruppen zu geben – beide in durchaus bemerkenswerter Größe: Da sind erstens jene Fahrgäste, die die Existenz von gleich zwei Tasten für eine global verbreitete Laune der Aufzugdesigner halten, ohne tieferen Sinn zwar, aber immerhin in der Absicht, der für Aufzüge zentralen Existenz von Oben und Unten gleichsam symbolisch Ausdruck zu verleihen. Wo man dann letztlich drückt, glauben die Angehörigen dieser Gruppe, sei aber völlig egal.

Ungeklärte Verantwortung

Die noch ärmeren Geschöpfe gehen davon aus, dass sie wissen oder zumindest erahnen sollten, ob sich die Kabine gerade über oder unter ihnen befindet, um diese dann in die richtige Richtung zu rufen. Sie stehen etwa im Erdgeschoß, wollen in den dritten Stock, drücken aber trotzdem auf die Abwärtstaste, weil der Lift laut Außenanzeige oder – bei deren Fehlen – laut Wahrscheinlichkeit von oben kommen wird, wenn er nicht zufällig gerade in der Tiefgarage ist.

An dieser Stelle werden eigene Erinnerungen an die Kinderautobahn im Vergnügungspark wach: Vermutlich fliegt man eh nicht aus der engsten Kurve, sonst hätten einen Mama und Papa bestimmt nicht fahren lassen. Aber zur Sicherheit dreht man trotzdem wie verrückt am Lenkrad. Man weiß ja nie. Es ist wie bei den Aufzugtasten: Urvertrauen einerseits, aber trotzdem auch das Gefühl, dass die eigene Intuition beim Erreichen des Ziels irgendwie mithilft.

Elegante Lösung

Vertreterinnen und Vertreter beider Gruppen sind etwaigen Erklärungen über den tatsächlichen Sinn der beiden Tasten tendenziell abgeneigt. Weist man sie darauf hin, dass diese – richtig gedrückt – unnötige Zwischenstopps vermeiden, weil der Lift dann etwa beim Aufwärtsfahren nur jene Wartenden aufnimmt, die auch wirklich aufwärts wollen, wird man bisweilen angesehen, als wollte man lästigerweise gerade das Wesen der Eulerschen Zahl erklären.

Mancherorts hat man mittlerweile reagiert: In einem Wiener Krankenhaus etwa müssen die Fahrgäste jetzt bereits beim Rufen des Lifts ihr Zielstockwerk wählen. Auf die Idee, dass es egal ist, wohin man da drückt, oder dass man erraten muss, ob der Lift gerade im achten Stock oder im Keller ist, kommt dann doch niemand. In der Kabine drinnen gibt es dafür gar keine Tasten mehr. Eleganter kann man nicht kapitulieren vor der Verwirrung durch zwei kleine Pfeile. (Gerald Schubert, 6.8.2022)