Betroffene und Angehörige reagierten auf die Entschuldigung des Papstes für das "Böse", das Christen in Umerziehungsinternaten getan hatten.

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Der Papst setzt seine Reise durch Kanada am Mittwoch mit einer Pilgerfahrt an den St.-Anna-See fort.

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Eine Entschuldigung für das "Böse" und Mokassins in Kindergröße hatte Papst Franziskus bei der Zeremonie in Kanada dabei. Auf dem Gelände des ehemaligen Umerziehungsinternats in Maskwacis sprach der Pontifex am Montag jene Worte, die viele von ihm erwartet hatten. Umgeben von fünf Tipis – vier für die indigenen Nationen des Landes und eines symbolisch für den Schuleingang – benannte er "so viele Christen" als Schuldige des Missbrauchs und der Misshandlungen von tausenden indigenen Kindern in den kirchlich geführten Internaten.

Die Mokassins gab er der pensionierten Chief der Okanese First Nation in Saskatchewan Marie-Anne Day Walker-Pelletier zurück. Sie hatte die kleinen Schuhe dem Papst bei ihrem Besuch in Rom vor wenigen Monaten überreicht. Sie sollten jene Kinder repräsentieren, die niemals aus den Umerziehungsinternaten heimgekehrt waren. Walker-Pelletier hatte das Kirchenoberhaupt aufgefordert, die Mokassins mitzubringen, wenn er sich auf kanadischem Boden entschuldigen werde.

Zu spät für Betroffene

Die lang erwartete Entschuldigung des Papstes wurde mit Applaus der anwesenden Indigenen begrüßt. Viele Betroffene und Angehörige hatten Tränen in den Augen. Bei einer Pressekonferenz nannten die Chiefs der Region die Entschuldigung "ein Geschenk für so viele". Doch nicht alle reagierten so positiv auf die Worte von Franziskus.

Der 78-jährige Wallace Yellowface war selbst in einem Umerziehungsinternat gewesen und bezeichnete die Ansprache des Papstes im Gespräch mit Reuters als zu spät: "Ich glaube nicht, dass mir das irgendwie helfen wird", sagte er. Yellowface versucht noch immer herauszufinden, was mit seiner Schwester passiert ist, die in einem der Internate war.

Missbrauch nicht benannt

Die indigene Historikerin Tiffany Prete zeigt sich in einer Stellungnahme zum STANDARD ebenfalls enttäuscht. Sie hatte unter anderem gehofft, dass der Papst klar den sexuellen Missbrauch an den Schulen benennt. Was er nicht getan hat. Prete fordert, dass der Pontifex in der von ihm angekündigten weiteren Untersuchung der Fälle auch diese Misshandlungen offenlegt.

"Der Papst spielte auf einen Wiedergutmachungsplan an", sagt Prete: "Ich hoffe, dass dieser unter Mitarbeit von Indigenen erstellt wird und nicht für Indigene gemacht wird." Die Historikerin fordert unter anderem die Herausgabe der kirchlichen Aufzeichnungen zu den Umerziehungsinternaten und den indigenen Gemeinschaften sowie die Aufhebung zweier päpstlicher Bullen aus dem 16. Jahrhundert, die Kolonialisierungen legitimiert haben. Zu diesen zwei Forderungen hat der Papst noch keine Stellungnahme abgegeben.

Irene Liening hat acht Jahre in einem solchen Internat verbracht. Sie hofft nun, dass durch die Worte des Papstes Überlebende und ihre Angehörigen Frieden finden: "Das ist eine gute Sache. Es ist ein Zeichen von Hoffnung, von Heilung, von Versöhnung für all die Menschen, die hier sind und hören, wie er sich entschuldigt. Ich fühle mich gut dabei. Es ist ein Anfang, dass er uns anerkennt, den Schmerz, den wir durchgemacht haben, den Schrecken, die Traurigkeit, einfach alles."
DER STANDARD

Jahrhundertalte Tradition

Am Dienstag setzte Franziskus seine "Pilgerreise" in Kanada – wie er sie selbst nennt – fort. Nach einer christlichen Messe im Commonwealth Stadion in Edmonton wird der Pontifex gemeinsam mit tausenden Gläubigen am ersten Tag der "Lac Sainte-Anne"-Wallfahrt teilnehmen. Diese ist für Indigene mit christlichem Glauben besonders wichtig und findet seit mehr als 130 Jahren statt.

Gläubige erzählen sich, dass ein Chief aus dem heutigen US-Bundesstaat North Dakota einer Vision und Trommelgeräuschen bis zum See gefolgt sei. In der Mitte des Gewässers habe er auf einer Insel eine Frau mit Federn im Haar und Tierhaut sowie zahlreiche trommelnde Kinder gesehen. Die Naktoa-Indigenen ließen sich daraufhin auf dem Land nieder und nannten den See Wakamne, Gottes See. Im 19. Jahrhundert lud ein Vertreter der Métis einen katholischen Priester ein, der den See auf den Namen "St. Anna" taufte, der Großmutter Jesu.

Die erste Pilgerreise fand 1889 an zwei Tagen statt. Am ersten Tag fand gemeinsam mit den Métis, den Indigenen und First Nations eine Predigt in der Cree-Sprache statt. Am zweiten Tag eine Predigt auf Englisch. Mittlerweile dauert das Event eine Woche lang und zieht bis zu 40.000 Menschen jährlich an. Dem Seewasser werden heilende Kräfte nachgesagt. (Bianca Blei, 26.7.2022)