Tempo 30 im Ortsgebiet würde zu einer Attraktivierung öffentlicher Verkehrsmittel führen, aber auch Radfahren und Zufußgehen würden zunehmen, sagt Verkehrsplaner Günter Emberger im Gastkommentar.

"Langsamer fahren ist ein Beitrag, den jede und jeder leisten kann", sagt Ministerin Leonore Gewessler und setzt auf Freiwilligkeit. Verordnen kann die Ministerin ein Tempolimit nur im Fall eines Versorgungsnotstands.
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Tempo 100 auf Autobahnen halte ich aus verkehrswissenschaftlicher Sicht für einen richtigen Schritt in Richtung Energiesparen, Verkehrssicherheit und Reduktion der Autoabhängigkeit der Gesellschaft. Neben Tempo 100 auf Autobahnen sollte jedoch auch auf Freilandstraßen das Tempolimit auf 80 km/h und in Ortsgebieten auf 30 km/h gesenkt werden.

Warum?

Neben den Einsparungen beim Spritverbrauch und den damit direkt in Verbindung stehenden Reduktionen von CO2-Emissionen und allen weiteren Emissionen, zum Beispiel Lärm, Stickstoff, Reifenabrieb, würden diese Geschwindigkeitsreduktionen, wie schon vom Kuratorium für Verkehrssicherheit aufgezeigt, auch die Anzahl von Verkehrsunfällen drastisch reduzieren.

"Tempo 30 würde weniger eigene Radinfrastrukturen benötigen, da bei Tempo 30 der Radverkehr mit dem Autoverkehr "mitschwimmen" könnte."

Ein weiterer, für Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer nicht so augenscheinlicher Vorteil von Geschwindigkeitsreduktionen im motorisierten Pkw-Verkehr ist die gleichzeitige Attraktivierung anderer Verkehrsmittel. Im Verhältnis zum Pkw wären zum Beispiel Schnellbahnen und andere öffentliche Verkehrsmittel sofort attraktiver, da sich Reisezeitdifferenzen verringern würden.

Auch Radfahren und Zufußgehen würde zunehmen, da ja im Ortsgebiet bei Tempo 30 das Rad zeitlich bei kurzen Wegen bis zu einer Distanz von rund drei Kilometern mit Autowegen durchaus konkurrieren könnte. Gleichzeitig würde Tempo 30 weniger eigene Radinfrastrukturen benötigen, da bei Tempo 30 der Radverkehr mit dem Autoverkehr "mitschwimmen" könnte.

Positive Nebeneffekte

Das Zufußgehen würde von Tempo 30 im Ortsgebiet direkt profitieren, da einerseits unangenehme Emissionen (Lärm, Abgase) reduziert würden und sich dadurch die Aufenthaltsqualität im Straßenraum deutlich erhöhte. Anderseits können Fußgängerinnen und Fußgänger sehr sicher die Straßen an fast allen beliebigen Stellen queren und müssten nicht jedes Mal Umwege hin zum nächsten Zebrastreifen machen. Tempo 30 im Ortsgebiet ist also eine Qualitätssteigerung des Zufußgehens bei gleichzeitiger Verkürzung der Gehweiten. Weiters haben wir im Forschungsbereich Verkehrsplanung und Verkehrstechnik an der TU Wien wissenschaftlich belegt, dass Zufußgehen und Radfahren zusätzlich positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat.

Diese hier dargestellten Effekte zweiter Ordnung verstärken die direkten Effekte der Spriteinsparung und Unfallreduktion, da jeder Weg, der mit dem Umweltverbund – öffentlicher Verkehr, Rad und zu Fuß – zurückgelegt wird, uns als Gesellschaft ein Stück weit aus der Auto- und Energieabhängigkeit führt.

Manchmal sind Lösungen so simpel – probieren wir es aus! (Günter Emberger, 28.7.2022)