Höchst erfolgreich als Forscher und als Forschungsmanager: Sir Paul Nurse.

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Er ist der vermutlich einflussreichste lebende Wissenschafter in Großbritannien. Bereits 2010 verlieh ihm das Wissenschaftsmagazin der Tageszeitung "The Times" diesen Titel – trotz harter Konkurrenz durch Größen wie den Physiker Stephen Hawking, der damals noch lebte, oder den Biologen Richard Dawkins. In den letzten zwölf Jahren ist seine Stimme ohne Zweifel noch wichtiger geworden. "Wenn er spricht, dann hören Politiker und Wissenschafter zu", schrieb die "Times".

Das galt auch für seinen Vortrag zum Thema "What is Life?", den der unprätentiöse Forscherstar vergangenen Donnerstag zu Ehren Gregor Mendels und auf Einladung des Gregor-Mendel-Instituts (GMI) im gut gefüllten Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien hielt – allerdings ohne Anwesenheit heimischer Politiker.

Paul Nurse vor seinem Vortrag in Wien.
GregorMendelInstitute GMI

Dass der 73-Jährige gehört wird, liegt einerseits daran, dass er einer der weltweit führenden Genetiker und Zellbiologen ist, der 2001 mit dem Medizin-Nobelpreis für seine Erkenntnisse zur Zellteilung ausgezeichnet wurde. Zudem hat Nurse so gut wie alle wichtigen biomedizinischen Auszeichnungen erhalten und wurde mit Jahreswechsel 2021/22 mit dem hohen Order of the Companions of Honour gewürdigt.

Nurse hat sich aber auch als öffentlicher Wissenschafter, Forschungsmanager und Leiter wichtiger Wissenschaftsinstitutionen viele Verdienste erworben. So war er von 2003 bis 2011 Präsident der renommierten Rockefeller University in New York. 2010 bis 2015 leitete er die Royal Society und modernisierte diese traditionsreichste und wohl wichtigste Gelehrtengesellschaft, die in Großbritannien sehr viel mehr gesellschaftlichen Einfluss hat als etwa die Akademie der Wissenschaften in Österreich. Aktuell ist Nurse Direktor des Francis-Crick-Institut in London, der größten biomedizinischen Forschungseinrichtung nicht nur in England, sondern in ganz Europa.

Stippvisite von Boris Johnson

In dem 2016 eröffneten Institutsgebäude (kurz "The Crick" genannt oder "Sir Paul’s Cathedral" wegen Nurse und der Nähe zur berühmten Kathedrale) arbeiten mehr als 2.000 Forschende unter einem Dach. Vor zwei Wochen schaute dort der britische Noch-Premierminister wieder einmal auf eine Stippvisite vorbei, wie der freundliche, uneitle und in der Sache stets leidenschaftliche Wissenschafter im Gespräch mit dem STANDARD eher beiläufig erwähnt.

War vor gut zwei Wochen am Crick-Institut: Boris Johnson, rechts Paul Nurse.
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Grund des Besuchs von Boris Johnson, den Nurse im Interview stets nur bei seinem Vornamen nennt: Das "Crick" erhält nicht weniger als eine Milliarde Pfund Förderung für die nächsten sieben Jahre. Zum Noch-Vorsitzenden der Tories hat Nurse ein eher ambivalentes Verhältnis: Einerseits hält er ihm zugute, Wissenschaft immer wieder öffentlich gepriesen zu haben. Andererseits habe sich an den Ausgaben für Grundlagenforschung in Großbritannien, die immer noch hinter dem EU-Schnitt zurückhinken, nichts verbessert.

Und dann ist da noch der Brexit, der für Nurse "eine emotionale Katastrophe" darstellt, die er nur schwer ertragen könne: "Für mich war Europa ein friedensstiftender Prozess und die Europäische Union ein großer Motor auch für die Wissenschaft. Seit dem Brexit treiben wir in den kalten Nordatlantik hinaus, immer weiter weg von Europa, mit dem wir so viele Gemeinsamkeiten haben. Und das alles nur wegen der Sorgen um die Einwanderung. Es ist wirklich verrückt, was wir getan haben!"

Enge Kontakte zum Kontinent

Das Crick-Institut habe zwar den Brexit überlebt, "doch nicht alle Forschungseinrichtungen im Vereinigten Königreich haben das geschafft". Wie sehr britische Topforschung mit Europa verwoben war und ist, zeige sich nicht zuletzt auch an seinem eigenen Institut: "70 Prozent der Personen, die in wissenschaftlichen Positionen am ,Crick‘ arbeiten, kommen aus Kontinentaleuropa", sagt Nurse, der in Sachen Forschungsförderung im nächsten Jahr auf eine Einigung mit der EU hofft und nebenbei gerade auch an einem Bericht zur Neugestaltung der britischen Forschungslandschaft arbeitet.

Außenansicht des Francis-Crick-Instituts im Herzen Londons.
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Auch für die Pandemiepolitik der britischen Regierung hat er eher tadelnde Worte. Und er gerät nachgerade fast in Rage, wenn er an das Testchaos zu Beginn der Corona-Krise zurückdenkt: "Wir haben das Crick-Institut zum führenden Testzentrum in England gemacht, wo bereits nach einem Monat fast 20 Prozent aller PCR-Tests stattfanden. Dann schrieb ich dem damaligen Gesundheitsminister Matt Hancock, dass man etwas Ähnliches in allen leeren Laboratorien machen könnte. Hancock hat in der Sache nicht einen Finger gerührt und mir drei Monate nicht geantwortet. Er ist ein Hooligan!"

Engagierter Wissenschaftsvermittler

Nurse hat aber aus seinem Institut nicht nur ein vorübergehendes Testzentrum gemacht. Es ist dank seines Engagements auch ein Ort der Wissenschaftsvermittlung, die ihm ein besonderes Anliegen ist: So gibt es im Erdgeschoß alle möglichen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, um mehr über Wissenschaft zu erfahren. Nurse selbst engagiert sich selbst immer wieder als Wissenschaftsvermittler und hat 2020 mit "What is Life?" auch sein erstes populärwissenschaftliches Buch geschrieben, das mittlerweile in 22 Sprachen übersetzt ist, unter anderem auch auf Deutsch. (Hier geht es zur STANDARD-Kurzrezension.)

Darin thematisiert Nurse unter anderem auch, wie und warum er erst mit über 50 draufkam, dass jene Person, die er bis dahin für seine Schwester gehalten hatte, seine Mutter war – und seine Eltern in Wahrheit seine Großeltern. Nachsehen lässt sich diese Geschichte auch in einem Video, von Nurse selbst hinreißend erzählt:

The Moth

Angesprochen auf die Wissenschaftsskepsis, die hierzulande stärker ausgeprägt sein dürfte als in Großbritannien, hat Nurse einfache Tipps für die Wissenschaft parat: "Wir müssen einfach mehr mit den Leuten reden – und ihnen zuhören, was sie zu sagen haben."

Nurse erinnert sich in dem Zusammenhang an einen Bericht, den er vor Jahren über Wissenschaftsskepsis und gentechnisch modifizierte Lebensmittel schrieb: "Wir stellten dafür eine Reihe von Kontakten direkt mit der Öffentlichkeit her. Die Leute sagten uns, was sie bewegte. Dabei stellte ich fest, dass vielen vor allem der Verzehr von Lebensmitteln ,mit Genen‘ missfiel." Dieses Unwissen, dass Lebensmittel Gene enthalten, sei auch ein Versäumnis der Wissenschaft gewesen: "Wir haben die Menschen einfach nie gefragt, worüber sie sich wirklich Sorgen machen."

Paul Nurse im weiteren Gespräch mit dem STANDARD und Ö1

…über die Unterschiede in der Bekanntheit zwischen Gregor Mendel und Charles Darwin:

"Gregor Mendel wurde schon zu seiner eigenen Zeit unterschätzt. Er war ein einsamer Gelehrter, kaum jemand nahm Notiz von ihm. Ich glaube nicht, dass er die Öffentlichkeit suchte und auf der Suche nach Berühmtheit war. Das war zwar Darwin auch nicht. Aber der lebte zu dieser Zeit im Vereinigten Königreich, der damals mächtigsten Nation der Welt. Und Darwin war ein großartiger Kommunikator, der nicht nur Hunderte von Briefen an verschiedene Menschen auf der ganzen Welt schrieb, sondern auch eine Reihe von Büchern wie "Über die Entstehung der Arten" oder "Die Abstammung des Menschen". Darin forderte er, wenn auch sehr subtil, die religiöse Orthodoxie jener Zeit heraus, denn er behauptete, dass weder die Arten noch der Mensch von Gott erschaffen wurden, wie es in der Genesis steht. Das führte zu einer dramatischen Veränderung im Denken der Menschen. Auch Mendels Erkenntnisse hatten für die Wissenschaft dramatische Veränderungen – aber sie wirkten nicht so unmittelbar."

... über sein erstes eigenes Buch "What is Life?", das Ende 2020 erschien:

Nurse: Ich hatte lange Angst davor, ein Buch zu schreiben, weil es dafür richtige Sätze mit Verben braucht, was für wissenschaftliche Aufsätze nicht so wichtig ist. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich überprüft habe, ob in allen Sätzen des Buchs Zeitwörter vorkommen. Es ist auch deshalb ein sehr kurzes Buch geworden, das sich an Leute richtet, die keine Ahnung von Biologie haben, wobei ich nicht behaupte, dass es ganz leicht zu lesen ist. Aber es ist für jemanden lesbar, der sich dafür interessiert. Die Frage im Buchtitel kann ich nicht vollständig beantworten, weil man sie wahrscheinlich nie ganz beantworten wird können. Aber ich wollte versuchen, das Wunder des Lebens zu erklären.

Paul Nurse beantwortet Fragen von Gert Scobel zum Thema "Was ist Leben"?
Scobel

Das Buch kam recht gut an und ist immerhin in 22 Sprachen veröffentlicht worden, obwohl es kaum englische Rezensionen gab. Leute haben mich gefragt, ob ich noch ein Buch schreiben werde. Ich sage dann, dass dieses Büchlein für mich schon ziemlich viel Arbeit war. Wenn ich wirklich noch eines schreiben sollte, dann wird es vermutlich davon handeln, was Wissenschaft ist.

… über die Bedeutung der Zelle als Konzept in der Biologie:

Nurse: "Ich denke, dass die Grundvoraussetzung für Leben eine begrenzte physische Einheit sein muss, und das ist die Zelle. Ich verwende daher auch in meinem Buch die Metapher, dass die Zelle das Atom des Lebens ist. Natürlich gibt es eine unendliche Komplexität innerhalb der Zellen. Die Zelle ist ein meiner Absicht nach unterschätztes Prinzip in der Biologie, das irgendwie nicht so aufregend scheint wie das Gen. Aber wenn wir verstehen, was eine Zelle ist, werden wir auch verstehen, was Leben ist."

… über die kürzlich abgeschlossene Vereinbarung, am Crick-Institut mit Deep-Mind zusammenzuarbeiten:

Nurse: "Ich kenne Demis Hassabis, den Gründer von DeepMind, seit 25 Jahren. Er ist mit einer meiner ehemaligen Doktorandinnen verheiratet, und wir stehen sein dieser Zeit in informellem Kontakt. DeepMind hat zuletzt mit AlphaFold ein extrem nützliches Werkzeug zur Entschlüsselung der Proteinstrukturen vorgelegt und all diese entschlüsselten Strukturen nun auch öffentlich zugänglich gemacht, obwohl es eine Privatfirma ist. Wir sind uns einig, dass es sich lohnt, etwas gemeinsam zu machen. Der Hauptsitz von DeepMind ist nur ein paar hundert Meter vom Crick entfernt, und da die Firma molekularbiologische Laboratorien brauchte, kriegen sie die bei uns im Crick. Ich denke, dass Information und Informationsmanagement das Herzstück der Biologie sind, und ich möchte mit Hassabis überlegen, wie wir maschinelles Lernen anwenden, um mehr darüber herauszufinden, wie das Informationsmanagement von Zellen funktioniert. Schauen wir einmal, was dabei herauskommt."

…über Krebs und die rezenten Erfolge bei der Behandlung von fortgeschrittenen Tumoren:

Nurse: "Wir sollten Krebs nicht als eine einzige Krankheit betrachten, sondern als das, was er wirklich ist: nämlich vielleicht 300 oder 400 verwandte Krankheiten. Sie alle unterscheiden sich dadurch, dass in Zellen unterschiedliche Gene geschädigt sind. Deshalb gibt es auch so unterschiedliche Behandlungsmethoden. Das bedeutet also, dass es sich bei der Therapie von Krebs um ein sehr langfristiges Projekt handelt. Es wird kein Patentrezept geben – wie mit bei Penicillin für bakterielle Infektionen. Am besten erscheint mit als Metapher dafür der Bau einer Mauer, zu der wir immer neue Ziegelsteine hinzufügen. Wir können Krebs heute wirksamer behandeln als zu meiner Studienzeit vor 40, 50 Jahren, und das wird sich in den nächsten Jahrzehnten weiter verbessern. Aber es wird nie einen plötzlichen dramatischen Durchbruch geben, der das Problem als Ganzes lösen wird – auch nicht durch Behandlungen wie die Immuntherapie, über die seit 30, 40 Jahren gesprochen wird und die jetzt zum Einsatz kommen." (Klaus Taschwer, 31.7.2023)