Alte Fotos sind bekanntlich so eine Sache. Die Aufnahmen von damals weisen, auch weil die Kameratechnik noch nicht so weit fortgeschritten war, oft niedrige Qualität auf. Dazu kommen Abnutzungsspuren und Beschädigungen, die oft auf nicht sachgemäße Handhabung zurückzuführen sind. Eine Restaurierung ist zwar möglich, aber teuer, wenn man dies einem Profi überlässt. Zusätzlich schwierig wird es, wenn sich um ältere Digitalfotos mit niedriger Auflösung handelt.

Forscher des chinesischen Tencent-Konzerns haben eine mögliche Abhilfe parat. Sie haben ein KI-gestütztes System entwickelt, das ältere und beschädigte Ablichtungen überarbeitet und wiederherstellt. Die Software namens GFP-GAN (Generative Facial Prior-Generative Adversarial Network) steht zu Demonstrationszwecken auch als Onlinetool kostenlos zur Verfügung.

What's AI

Zwei neuronale Netzwerke arbeiten zusammen

Zur Umsetzung des Versprochenen wurden zwei KI-Modelle genutzt. Ein eigenes, das auf die Wiederherstellung ausgerichtet ist, und eine eigens trainierte Variante von Nvidias StyleGAN 2, die dafür zuständig ist, dass die optische "Identität" einer Person durch die Konservierung bestimmender Gesichtsmerkmale während dieses Prozesses erhalten bleibt. StyleGAN ist aufmerksamen Lesern natürlich schon länger ein Begriff. Das neuronale Netzwerk ist vor allem für seine Fähigkeit bekannt, menschliche und andere Gesichter zu erschaffen. Es bildet auch das Rückgrat der Website "This Person Does Not Exist".

Wie ein Video des Youtubers Louis Bouchard ("What's AI") zeigt, ist GFP-GAN teilweise zu beeindruckenden Ergebnissen fähig und in der Lage, ein Foto nicht nur zu "erneuern", sondern dabei auch Kratzer und andere Schäden praktisch unsichtbar zu machen.

Joseph-Nicéphore Niépce im Originalbild (links) und in der restaurierten Fassung.
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Das geht aber nicht ganz ohne Abstriche. In der aktuellen Version neigt die KI dazu, dass die fertigen Bilder etwas unscharf sind. Dazu ist stets eine kleine Veränderung der Identität der Person am Foto möglich. Fallweise kann es auch zu großen Abweichungen kommen.

Die Behebung von Verwitterung und künstlichen Beschädigungen gelang im Testlauf allerdings nicht (links: Original; Mitte: Original nach Hinzufügen künstlicher Alterung und Schäden; rechts: digital restaurierte Version).
Foto: Hulton Archive/Getty Images - Bearbeitung: STANDARD

Test

In einem kurzen Test des STANDARD funktionierte die Restaurierung einer Aufnahme von Joseph-Nicéphore Niépce passabel. Die Bereinigung digital hinzugefügter Alterung und Kratzer hingegen gelang nicht. Niépce entwickelte einst das Verfahren der Heliografie und erschuf 1826 die ersten permanenten Aufnahmen mit einer darauf basierenden Kamera. Diese Experimente gelten bis heute als inoffizielle Geburtsstunde der Fotografie.

Wer selbst ausprobieren möchte, was GFP-GAN mit alten Fotos macht, kann dies auf dem Portal Replicate tun. Neugierige Entwickler finden den Quellcode des Tools auf der Codehosting-Plattform Github. (gpi, 1.8.2022)