Ob man verwandt ist, ist für eine gute Beziehung zu einem Kind absolute Nebensache, sagt die Psychologin Petra Pölzl.
Foto: Getty Images

Sie fahren zusammen auf Urlaub, sie war schon bei Arztbesuchen dabei. Wenn ihre Mama keine Zeit hat, holt Caro Nikol auch mal vom Kindergarten ab. Sie kauft mit ihr ein Sommerkleid, wenn Nikol gern eines haben möchte. Und wenn sie einander nicht sehen können, telefonieren sie über Videoanruf. Dabei ist Caro nicht verwandt mit Nikol. Sie ist auch nicht ihre Taufpatin oder ihre Patentante. "Für sie bin ich einfach 'ihre Caro'."

Wenn Caro über Nikol spricht, gerät sie ins Schwärmen. "Die Kleine ist so feinfühlig und aufmerksam, das finde ich wirklich schön." Fragt man sie, was Nikol gern macht und wann sie geboren ist, muss Caro keine Sekunde nachdenken. Die Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen.

Caro und Nikols Mama Sonja sind schon lange befreundet. Die beiden waren gemeinsam im Gymnasium, sind zusammen gereist, waren auf Partys, gingen durch dick und dünn. "Die Sonja hat immer schon zu meinem Leben gehört, und ich immer schon zu ihrem", erzählt Caro. Als Sonja Mama wurde, sei für sie also gleich völlig klar gewesen, "dass sie Kleine genauso selbstverständlich dazugehören wird".

Seit Nikol auf der Welt ist, ist Caro "von Tag eins an dabei". Sie wollte mehr sein als irgendeine Freundin von der Mama, die ab und zu eine Lasagne vorbeibringt und das Kind ungelenk im Arm hält. Sie wollte miterleben, wie Nikol aufwächst, was sie jeden Tag Neues lernt, wollte eine gute Beziehung zu ihr aufbauen. Dieser neue kleine Mensch faszinierte sie. "Ich kann mich noch genau erinnern, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Da war sie ein kleines Wutzi und hatte irrsinnig viele dunkle Haare." Mittlerweile ist Nikol fünf Jahre, ihre dunklen Haare sind lang, und Caro ist eine wichtige Bezugsperson für sie.

Wenn die beiden zusammen Zeit verbringen, ist nicht groß Action. Sie gehen nicht in den Zoo, in den Musikkurs oder ins Kasperltheater. "Ich bin nicht die Tante, die mit ihr irgendwelche großartigen Ausflüge macht. Ich bin einfach so präsent." Das Mädchen genieße das, und Caro wiederum genießt ihr Vertrauen, ihre Zuneigung und dass sie mit Problemen zu ihr kommt. "An uns kann man erkennen, dass man auch zu fremden Kindern eine schöne Beziehung aufbauen kann." Immer wieder sage ihr Nikol, dass sie sie liebhat – und umgekehrt.

Nikol und Caro im Urlaub in der Bretagne.
Foto: privat

Sonja, Nikol und Caro sehen einander nicht nur im Alltag viel, sondern fahren auch zusammen in den Urlaub. Caro geht dann auch mal abends mit Nikol Zähneputzen oder frisiert ihr die Haare.

Ein Gewinn

Dass es nicht nur die Kernfamilie gibt, sondern auch engagierte Freundinnen, Freunde, Tanten und Onkel Kinder betreuen, hört man immer öfter. Für die Kinder sei das ein großer Gewinn, sagt die Familienpsychologin Petra Pölzl. Schließlich würden sie von jeder Person etwas anderes lernen. Außerdem: "Wenn das eine Person ist, die engagiert und feinfühlig ist, bringt das den Kindern Sicherheit und Geborgenheit."

Aus der Bindungsforschung sei bekannt, dass der genetische Verwandtschaftsgrad nicht die entscheidende Grundlage für Bindungen ist. "Es geht um die emotionale Verbindung, und die entsteht dadurch, dass jemand sich viel mit dem Kind beschäftigt und verlässlich da ist." Wenn jemand anderer das Kind regelmäßig abholt, mit ihm spielt und ein offenes Ohr für seine Probleme hat, könne das auch den Eltern viel geben. Sie werden entlastet und haben zwischendurch Zeit für sich.

Auch Pölzl beobachtet in ihrer Praxis, dass Familien längst nicht mehr nur auf Oma und Opa zurückgreifen, wenn sie Hilfe brauchen. "Gerade wenn Großeltern weiter weg wohnen, bauen sich die Eltern oft ein anderes Unterstützungssystem." Sie binden ihre Geschwister mit ein – oder eben Freundinnen und Freunde.

Ähnliche Vorstellungen

"Nikol sagt immer: "Ich habe eine Mama, eine Oma und eine Caro", erzählt Caro und kann sich nicht mehr vorstellen, dass es jemals anders sein könnte. Caro möchte immer für Nikol und ihre Mama da sein, hat schon Höhen und Tiefen miterlebt. Und als es ihr selbst einmal nicht so gutging, wohnte sie für ein paar Tage bei den beiden, Nikol war damals ein Jahr alt. "Ich weiß noch genau, dass sie damals zu mir hergekommen ist und mich umarmt hat. Sie hat wohl gespürt, dass etwas nicht stimmt." Damals war sie für das Mädchen noch "Cava". Caroline oder Caro konnte sie noch nicht sagen.

"Nikol sagt immer: 'Ich habe eine Mama, eine Oma und eine Caro'", erzählt Caro und kann sich nicht mehr vorstellen, dass es jemals anders sein könnte.

Was das Zusammensein so unkompliziert macht, ist, dass die Freundinnen eine ähnliche Vorstellung haben, was Erziehung angeht. Sie schätze sehr, wie Sonja mit ihrer Tochter umgeht, wie mit einem ebenbürtigen kleinen Menschen. "Nikol war von Anfang an in unser Leben integriert. Nicht im Sinne von links liegengelassen, sondern wir haben sie einfach mitgenommen", sagt Caro. Dabei seien Sonja und sie vom Typ her eigentlich recht verschieden. "Ich bin eher die, die die Sommerkleidchen trägt und der Nikol auch Sommerkleidchen kauft, wenn es für Sonja okay ist. Ich übernehme eher den Mädchenpart, wenn man das so nennen will."

Seit einem Jahr hat Caro nun selbst ein Kind, einen kleinen Buben. Als Caro einen dicken Bauch bekam, fragte Nikol ihre Mama besorgt, ob sich nun etwas ändern werde. Die verneinte. Und tatsächlich ist es Caro wichtig, sich weiter genug Zeit für das Mädchen zu nehmen. "Sie hat weiterhin ihren Platz." Sie spielen jetzt manchmal Mama-Sein. Nikol hat ihre Puppe und Caro ihr Baby. Und wenn Nikol exklusive Caro-Nikol-Zeit haben möchte, passt Sonja eben kurz auf Caros Sohn auf. Eifersüchtig ist das Mädchen nicht. "Wahrscheinlich, weil ich es geschafft habe, ihr zu zeigen, dass ich noch immer für sie da bin." Also dass sie immer "ihre Caro" bleiben wird. (Lisa Breit, 3.8.2022)