Bei aller Liebe zur klimaschonenden Anreise – eine Fahrt mit dem Zug kann so viel mehr sein. Während derzeit fast nur darüber zu lesen ist, wie wir in Europa möglichst ohne Flüge von A nach B kommen, schreibt Monisha Rajesh schon seit vielen Jahren übers Zugfahren als "Kunst des Flanierens auf Schienen."

Die weltweit schönsten Strecken beschreibt Monisha Rajesh in ihrem neuen Buch.
Foto: Axel Bozier / Zugvögel

Die britische Autorin hat die halbe Welt mit der Eisenbahn erkundet und darüber berichtet. Sie ist ein "Zugvogel", die ihrem aktuellen Buch "Zugvögel" eine persönliche Auswahl der schönsten Strecken der Welt trifft. Dabei sitzt sie genauso gerne für eine halbe Stunde im Regionalzug an der Küste Liguriens wie acht Tag lang in der indischen Luxusgarnitur "Deccan Odyssey" von Delhi nach Mumbai. Eine kleine Auswahl zur Inspiration:

Cinque Terre mit dem Pendlerzug

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Zwischen La Spezia und Levanto an der ligurischen Küste verkehren den ganzen Tag Regionalzüge. Man sollte nur unbedingt darauf achten, den langsamsten zu nehmen, weil es so viel zu sehen gibt, rät Rajesh. Dieser benötigt statt 20 Minuten immerhin eine halbe Stunde und erlaubt es, bei geöffnetem Fenster die Kirchenglocken in einem der fünf Fischerdörfer auf der Strecke zu hören oder einem Winzer beim Werkeln in den unglaublich steilen Weinbergen zuzuschauen.

Aus dem Zug, der an der Steilküste unzählige Tunnel passieren muss, bekommt man Dinge zu sehen, die selbst engagierten Wanderern verborgen bleiben. Die Autorin hat noch einen Tipp parat: Mit der Cinque Terre Treno MS Card dürfen Passagiere auch beliebig oft ein- und aussteigen. Wäre ja schade, gar keine der vielen tollen Trattorien in den mittelalterlichen Ortskernen entlang der Strecke genossen zu haben.

Mit Amtrak in den Wilden Westen

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In den Vereinigten Staaten sah man das früher so: Nur arme Schlucker, die sich keinen Flug leisten können, fahren mit dem Zug oder dem Bus. 200 Dollar für die 4000 Kilometer lange Strecke zwischen Chicago und Emeryville sind jedenfalls bis heute nicht zu viel verlangt, auch wenn Bahntickets in Nordamerika teurer geworden sind. Der California Zephyr, eine reguläre Doppeldecker-Zuggarnitur von Amtrak, legt hier mit 51 Stunden die längste Zugfahrt der USA hin.

Dabei geht es durch sieben Bundesstaaten und wilde Prärien ebenso wie die Rocky Mountains, über den Mississippi und vorbei an den Canyons von Colorado sowie den wüstenähnlichen Ebenen Nevadas. Aus dem Speisewagen lassen sich die schnell wechselnden Szenerien bei einem Glas kalifornischen Weißweines ebenso stilvoll verfolgen wie aus den gemütlicheren, aber teureren Schlafabteilen. Dreimal pro Woche bricht Superliner von der Union Station in Chicago in Richtung Wilden Westen auf.

Im Luxuszug durch den Subkontinent

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Teure Zuggarnituren, in denen sich begüterte Reisende wie Königinnen oder Maharadschas fühlen sollen, sind in Indien seit Ewigkeiten gefragt. Doch die königsblaue und goldene Lokomotive des Deccan Odyssey ist für lokale Verhältnisse noch gar nicht so lange unterwegs zwischen Delhi und Mumbai. Erst seit den frühen 2000ern zuckelt dieses Fünf-Sterne-Hotel auf Rädern mit klimatisierten Suiten, zwei Speisewagen, einem Fitnessstudio und Spa gemächlich zum Taj Mahal und zu anderen touristisch lohnenden Stationen.

Der edle Zug ist meist jeweils acht Tage auf unterschiedlichen Routen unterwegs, einmal geht’s es zur Tigersafari in Nationalparks, ein anderes Mal werden Unesco-Welterbestätten im ganzen Land angesteuert. Das üppig-britische Frühstück mit pochierten Eiern, Würsteln und perfekter Teebegleitung sollte man sich jeden Tag auf der Zunge zergehen lassen – auch weil sonst gar nicht so viel an Bord gegessen wird. Der Zug legt die großen Strecken aus logistischen Gründen wie ein Kreuzfahrtschifft in der Nacht zurück. Bald in der Früh verlässt man die noble Garnitur fürs Sightseeing und lässt sich abends wieder in den Schlaf rütteln. (Sascha Aumüller, RONDO, 9.8.2022)