Mit starken Zugpferden wie "Stranger Things", auf dem Foto Schauspielerin Sadie Sink, machen es einem die Anbieter zunehmend schwerer, aus dem jeweiligen Ökosystem zu entkommen.

Foto: Jordan Strauss/Invision/AP

Bei meiner Matura hat uns der Herr Direktor die Geschichte vom Frosch im angenehm temperierten Wasser erzählt. Die meisten Leser dieser Zeilen werden diese Geschichte wohl kennen. Der Frosch würde aus einem Topf mit heißem Wasser sofort rausspringen, so die Geschichte. Das wohltemperierte Wasser, das erst langsam heiß wird, lässt den Frosch allerdings nichts Böses ahnen – doch als es schließlich kocht, stirbt er darin.

Schwarzenegger und "Call of Duty"

Wer bis hierhin gelesen hat, interessiert sich entweder sehr für das Wohlergehen von Fröschen oder hat einfach ausreichend Geduld, um abzuwarten, worauf ich mit dieser Metapher eigentlich hinauswill. Die Überschrift hat es vielleicht verraten: Ich rede von Streaming-Services und generell Online-Abos, an die wir uns gewöhnt haben. Nicht weil wir faul oder dumm sind, sondern weil sie superbequem sind. An einem verregneten Sonntag Nachmittag konnte ich mir früher zwar in der Videothek den neuesten Schwarzenegger-Film ausleihen, aber das neue "Call of Duty" oder das neue Nirvana-Album war zu dieser Zeit eher schwierig zu bekommen.

Heute geht alles auf Knopfdruck. Zu allem Überfluss kaufen wir aber nur noch selten einzelne Werke von Künstlern jeglicher Fachrichtung, sondern haben uns von großen beziehungsweise schnell größer werdenden Konzernen einlullen lassen und uns für sieben bis zehn Euro im Monat Kunst-Abos verkaufen lassen. Filme, Serien, Musik, Videospiele – alles kann man heute für kleines Geld frisch aus dem Netz saugen. Das Überangebot können wir natürlich nie ausnutzen, aber die schiere Anzahl an Medien-Happen scheint uns für die nächsten hundert Jahre satt machen zu können.

Um also bei "Stranger Things" mitreden zu können, belastet Netflix mit rund 13 Euro im Monat regelmäßig unser Konto. Disney+ sollte man wegen des neuesten Marvel-Streifens auch irgendwie haben, weil ins Kino geht man ohnehin nur noch unregelmäßig – wieder neun Euro beim Teufel. Dann für den Lieblingspodcast oder die schnelle Hintergrundmusik für die nächste Party auch noch das soeben im Preis gestiegene Spotify – 15 Euro, zack. Amazon Prime hat man wegen der schnellen Pakete, eh klar. Schade, dass auch das gerade teurer geworden ist. 90 Euro im Jahr, zack. Dann vielleicht noch den Gamepass von Microsoft, 13 Euro, zack – und irgendein Abo hat man aus persönlicher Gier sicher auch noch, Sky, Nintendo Online, PS+ oder wie sie alle heißen.

600 Euro und mehr

Tja, so ist man schnell auf rund 600 Euro im Jahr. Der Vergleich hinkt, werden viele sagen, schließlich würde man sich für die freigewordene Zeit irgendwo anders Medien kaufen – vielleicht sogar um mehr Geld. Das mag sein, aber diese Bequemlichkeit – und bequem ist die ständige Verfügbarkeit und das ewige Nachkippen von mehr oder weniger sinnvollen Inhalten – macht uns träge. Preiserhöhungen werden im Netz lautstark kommentiert, aber wirklich abmelden will die Services dann doch keiner.

Ich habe letzte Woche beschlossen, Netflix abzubestellen, die drei Games-Services werden bleiben, schon allein aus beruflichen Gründen. Ein Disney+ allerdings wird wohl eher eine monatliche Sache – etwa wenn "Only Murders in the Building" wieder zu Ende ist.

Wir reden derzeit viel übers Sparen, weil hohe Inflation und generell unsichere Zeiten. Es lohnt also sehr wohl, sich die eigenen Fixkosten einmal anzuschauen und zeitnah abzuwägen, ob dieses Überangebot wirklich sein muss – oder man lieber einmal mit der Familie Karten spielt oder einfach gemeinsam über die guten alten Zeiten spricht. Damals, als man noch im Regen in die Videothek laufen musste, um festzustellen, dass der neue Schwarzenegger-Film leider von jemand anderem ausgeborgt wurde. (Alexander Amon, 6.8.2022)