Die Ausbildung zu künstlerischen Berufen bedeutet: viel Körperarbeit, Einzelunterricht. Dazu kommt der große Einfluss der Lehrenden im Kunstbetrieb. All das befördert Übergriffe und erschwert es, darüber zu sprechen.

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"'Spiele, spiele', sagte er zu mir. Dann nahm er zuerst meine Hände und drückte sie in die Klaviertasten, später griff er mir in den Schritt und fragte: 'Spürst du das?'" Elias Rauchenberger war 21, als er anfing, Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (MDW) zu studieren. Bald war es normal, dass er spätnachts Chatnachrichten von seinem damaligen Klavierlehrer bekam. Es folgten Einladungen zum gemeinsamen Musizieren, Weintrinken und für Übernachtungen. "Mehrmals hat er mich gefragt, ob ich mit ihm auf Urlaub fahre. Ich war schon skeptisch, fand es lästig, aber hatte auch Schuldgefühle, dass ich ihm antworten muss", sagt Rauchenberger heute.

Er übergab den Chatverlauf an eine Vertrauensperson und stellte klar, dass er diese Nachrichten für eine Grenzüberschreitung hielt. Den Griff in den Schritt meldete er nicht. "Aus Scham", wie er sagt. Als die Institutsleitung von dem Sachverhalt erfuhr, teilte sie Rauchenberger einen neuen Lehrer zu. An dessen Unterricht nahm er nicht mehr teil, sondern brach das Studium ab.

Das war 2019, mittlerweile ist der Klavierlehrer – sein Name ist dem STANDARD bekannt – verstorben. Wie die Universität auf den Fall tatsächlich reagiert hat, ist bis heute nicht klar. Der Mann war bereits wegen Nichteinhaltung seiner Unterrichtszeiten aufgefallen, die Chats wurden an die interne Beschwerdestelle der MDW übergeben.

Jedenfalls betonte die MDW im Nachruf, er sei bis zu seinem Tod an der Universität tätig gewesen. "Wir werden ihn als hochgeschätzten Kollegen stets in dankbarer und ehrender Erinnerung behalten", hieß es in der Würdigung.

Studierende erzählen

Wie häufig sind Fälle von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch an der MDW, Österreichs größter künstlerischen Ausbildungsstätte? Als die Regisseurin Katharina Mückstein im Juni durch ein Social-Media-Posting eine #MeToo-Debatte anstieß und einige Fälle in der Filmakademie, die zur MDW gehört, ans Licht kamen, wehrte die Rektorin Ulrike Sych ab: Sie wisse, zumindest was die Filmakademie betrifft, von keinen aktuellen Vorwürfen.

Doch dem STANDARD liegen zahlreiche Berichte von Studierenden aus den Jahren 2018 bis 2022 vor, die ein anderes Bild zeichnen. "Wenn man sich auf den MDW-Campus stellt und fragt, wird man Tonnen solcher Geschichten zu hören bekommen", sagt Ex-Student Elias Rauchenberger. "Ab Stunde eins wussten wir von diesen Vorfällen."

DER STANDARD hat für diese Geschichte mit rund 20 heutigen und ehemaligen Studierenden sowie mit Lehrenden gesprochen. Die Erzählungen betreffen neben der Filmakademie auch andere MDW-Institute wie das Max-Reinhardt-Seminar, das Institut für Gesang und Musiktheater und das Institut für Komposition, Elektroakustik und Ausbildung zur Tonmeisterin oder zum Tonmeister. Die wenigsten Interviewten wollen namentlich genannt werden, aber alle konkreten Vorwürfe wurden in eidesstattlichen Erklärungen festgehalten.

Allein mit den Lehrenden

Die MDW setzt sich aus 25 Instituten zusammen, vor allem in der musikalischen Ausbildung genießt sie Weltruf. Zahlreiche Fächer finden im Einzelunterricht statt; das heißt, die Studentinnen und Studenten sind oft allein mit den Lehrenden.

Und diese haben laut Marie Luise Lehner, Regiestudentin an der Filmakademie, "extreme Wirkungsmacht". Zum einen liegt das daran, dass sie über den Studienerfolg entscheiden, zum anderen handelt es sich oft um Professorinnen und Professoren mit großem Einfluss in der Kulturbranche. "Das schafft starke Hierarchien. Viele trauen sich deshalb nicht, Konflikte auszutragen", sagt Lehner.

Lehrende der MDW müssen eine Klausel unterzeichnen, die vorschreibt, dass Studierende Körperkontakt im Einzelfall ausdrücklich zustimmen müssen.
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In den meisten Disziplinen spielt Körperarbeit eine große Rolle. Um Übergriffe zu vermeiden, müssen alle, die eine Lehrverpflichtung an der MDW annehmen, eine Klausel unterzeichnen, die vorschreibt, dass die Studierenden jeglichem Körperkontakt im Einzelfall ausdrücklich zustimmen müssen. Doch mehr als ein Dutzend Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen sagen, dass die wenigsten Lehrenden vor einer Berührung fragen.

Das zeigt ein Fall am Institut für Gesang und Musiktheater im Jahr 2022. Dort wurde eine Produktion unter der Leitung eines externen Opernregisseurs geprobt. "Mehreren Sängern hat er auf den Arsch geschlagen, einigen Gesangsstudierenden Küsse auf den Körper gegeben", erzählt eine am Institut studierende Person. Wurde Unmut über sein Verhalten geäußert, winkte er ab, er sei eben ein "körperlicher Mensch". Letztendlich meldete die Person die Vorfälle bei einer anderen Professorin, die dem Rektorat davon berichtete. Daraufhin soll der Regisseur Unterrichtsverbot bekommen haben.

Doch nicht alle Studierenden haben Menschen, denen sie sich anvertrauen können. Eine Schauspielstudentin des Reinhardt-Seminars schildert eine Probe im Herbst 2021 folgendermaßen: "Die Rollenlehrerin kam – ohne zu fragen, ob eine Berührung stattfinden kann – auf mich zu. Dann glitt sie mit ihrer Hand von oben an mir hinunter in meinen Schritt und blieb dort für einige Zeit." Sie meldete den Vorfall nicht. "Ich habe damit nicht umgehen können. Ich bin ihr seitdem einfach aus dem Weg gegangen." Nun hat sie den Vorfall dem STANDARD eidesstattlich bestätigt.

Alles für die Authentizität

Die Neigung zu körperlichen Übergriffen hängt auch mit den Lehrmethoden an der MDW zusammen. Den Studierenden wird beigebracht, die eigenen Emotionen als Werkzeug zu verwenden: je authentischer die Gefühle, desto berührter das Publikum. Die Schauspielstudentin, die 2021 einen Übergriff erlebt hat, erzählt, dass die Dozentin "die Intensität einer Liebesszene" verkörpert haben wollte.

Der Lehrer von Kompositionsstudent Rauchenberger hatte ihn angewiesen, das Klavierstück "wütend, mit genügend Groll" zu spielen. Das Überschreiten physischer Grenzen wurde in beiden Fällen damit gerechtfertigt, dass es helfen würde, Emotionen hervorzubringen.

Rauchenberger kritisiert, dass das Lehrpersonal sich dabei nicht selbst emotional distanziert. "Es gibt keinen Abstand", sagt er. Auch Lehrende betrachten dies als Problem. Eine Dozentin am Max-Reinhardt-Seminar erzählt, dass dieses intime Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden schnell zu Abhängigkeiten führen kann.

Beschwerde zurückgezogen

Fühlt man sich diskriminiert oder sexuell belästigt, kann man sich innerhalb der MDW an den Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen wenden. Dort arbeiten Mitglieder der Universität ehrenamtlich; die jetzige Rektorin Ulrike Sych war von 2009 bis 2011 seine Vorsitzende.

Aufgabe der Anlaufstelle ist es, Vorwürfen nachzugehen. Dabei wird nicht nur mit den Betroffenen gesprochen, sondern auch die mutmaßlichen Täterinnen und Täter werden mit ihrem Verhalten konfrontiert. Über dienstrechtliche Konsequenzen entscheidet am Ende das Rektorat. Und dieses greift manchmal hart durch: 2018 hat Sych einen Professor und Wiener Philharmoniker wegen Missbrauchs fristlos entlassen. Die aktuelle Leiterin des Arbeitskreises, Angelika Silberbauer, lobt die Zusammenarbeit mit dem Rektorat.

Aber in der Studentenschaft herrscht ein gewisses Misstrauen gegenüber der Beschwerdestelle: "Ich habe mich während meines Studiums bewusst entschieden, mich dort nicht hinzuwenden", sagt die Regiestudentin Lehner. "Es ist eher so, dass man das Gefühl hat, man gefährdet das eigene Studium."

Auch andere Studierende äußern Kritik. Zwei Studentinnen des Reinhardt-Seminars geben an, ein Studienkollege habe sie belästigt. Eine von ihnen habe er ungewollt berührt, die andere gemobbt und öffentlich vorgeführt. Letztere beschwerte sich im Dezember 2020 bei der Gleichbehandlungsstelle. Zwei Monate später erhielt sie die Rückmeldung, dass noch immer ein Gesprächstermin mit ihm gesucht werde. Schließlich zog sie die Beschwerde im Frühjahr zurück. "Ich hatte irgendwann Angst, weil das alles so lang in der Luft lag." Am Telefon wurde ihr vonseiten der Beschwerdestelle gesagt, dass der Student, gegen den sich die Vorwürfe richteten, bis zum Schluss ein Gespräch verweigert habe.

"Wir sind Elite"

In den Gesprächen mit den Studierenden fällt immer wieder das Wort "Angst" – Angst vor beruflichen Folgen, Angst vor Nestbeschmutzung, Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Eine Absolventin des Reinhardt-Seminars beschreibt die Lage als "kollektive Akzeptanz des Unakzeptierbaren".

Die Regisseurin Katharina Mückstein, die den Stein ins Rollen gebracht hat, berichtet von eigenen Erfahrungen. Bei ihrem Studienbeginn verkündete Peter Mayer, langjähriger Institutsleiter der Filmakademie, in einer Rede: "Wir sind Elite." 2006 wurde sie Opfer eines Übergriffs durch Mayer, was zum Abbruch ihres Studiums beitrug. Sie wollte Anzeige erstatten, aber habe seitens des Instituts oder des Lehrpersonals keine Unterstützung erhalten.

Junge Menschen werden erst einmal "gebrochen", berichten zwei Studentinnen, die vor wenigen Jahren an der Filmakademie ihr Studium gestartet haben. Ihnen wurde am Anfang klargemacht, dass sie "im Laufe ihres Studiums alle Freundinnen verlieren würden und Beziehungen enden würden".

Aus- und Durchhalten

Kurze Zeit später stand eine der beiden Studierenden vor einem Burnout. "Die erste Reaktion der Lehrenden war, dass es unfair den anderen gegenüber wäre, wenn ich jetzt weniger machen würde", sagt sie. Es wird erwartet, dass eigene Grenzen ignoriert werden, um aus- und durchzuhalten.

Es gibt Zeiten, in denen man monatelang sieben Tage die Woche über zehn Stunden pro Tag mit dem Studium verbringt. In diesen Alltag fest integriert ist Sexismus.

Studierende fordern stärkere Präventionsmaßnahmen.
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Vier Studentinnen aus unterschiedlichen Fachrichtungen klagen über frauenfeindliche Sprüche, die im Unterricht an der Filmakademie "ganz normal" seien. Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen einen Professor – DER STANDARD kennt seinen Namen. Die Betroffenen wollen ihn hier nicht nennen. Feminismus sei laut ihm "eine Verschwörungstheorie", und Frauen würden mit erfolgreichen Männern Sex haben, "um an wichtige Positionen zu kommen". "Er ist bekannt dafür. Aber es wird ertragen und oft auch damit gerechtfertigt, dass er ja ein 'toller Lehrer' sei, ein 'geniales Urgestein'", sagt eine der Studentinnen.

DER STANDARD konfrontierte den Professor mit den Vorwürfen. In einer sehr ausführlichen Stellungnahme erläuterte er, dass er das so nicht gesagt habe. Die Aussagen, die die Studierenden wiedergeben, seien aus dem Kontext gerissen oder missverstanden worden.

Mehr Prävention gefordert

Auch der MDW gab DER STANDARD die Gelegenheit, auf alle Vorwürfe zu reagieren. Die Rektorin Ulrike Sych antwortete, dass sie von den meisten Fällen wisse, aber nicht konkret darauf eingehen könne. Aufgrund von "Datenschutz und Verletzung von Persönlichkeitsrechten".

Sych betont, dass sie eine "Null-Toleranz-Politik" bei nachgewiesenen Fällen von Belästigung und Machtmissbrauch lebe. Universitätsangehörige sollen ohne Diskriminierung "lehren, forschen, studieren und arbeiten" können. "Jeder einzelne Fall von Diskriminierung ist einer zu viel", sagt sie. Man habe in der Vergangenheit viele Maßnahmen gesetzt, um Betroffene zu schützen, und auch dienstrechtliche Konsequenzen umgesetzt.

Für mehrere Studierende ist das nicht genug. "Es reicht nicht, Anlaufstellen anzubieten." Es brauche unbedingt stärkere Präventionsmaßnahmen, fordern sie im Gespräch mit dem STANDARD. Im Weiteren müsse die bestehende Beschwerdestelle der MDW geprüft sowie eine externe Beratungsstelle eingerichtet werden, um ihre Unabhängigkeit zu gewährleisten.

Die Studierenden beklagen, dass üblicherweise sie diejenigen seien, die Aufklärungsarbeit leisten müssten. Es koste Kraft, Dozentinnen und Dozenten immer wieder darauf hinzuweisen, sie nicht anzufassen oder gewisse Ausdrücke nicht zu verwenden. Es sei Aufgabe der Lehrenden, "einen diskriminierungsfreien Raum" für alle zu schaffen. "Wenn das nicht möglich ist, ist man kein guter Lehrer", lautet die Kritik. Die meisten sind froh, nach monatelangem Aufnahmeverfahren einfach studieren zu können.

Studieren als Glücksspiel

Es gibt in Österreich nur wenige Universitäten, an denen man Musik oder Theater studieren kann, im Bereich Film ist die Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien sogar die einzige Ausbildungsstätte im Land. Die Auswahl ist limitiert, das Bewerberfeld groß, der Konkurrenzkampf hart. Dazu kommt übergriffiges Verhalten, das von Lehrenden oder Mitstudierenden oft als "künstlerische Freiheit" gerechtfertigt wird.

DER STANDARD hat für diesen Text auch mit Studierenden gesprochen, die selbst nicht Betroffene von Übergriffen oder Belästigung wurden. Eine Studentin sagt, sie habe einfach "Glück" gehabt: "Es ist traurig, dass man das so sagen muss." (Helene Dallinger, Anna Wielander, 5.8.2022)