Übergewichtige Menschen werden oft als faul abgetan. Doch das stimmt in den allermeisten Fällen nicht.

Foto: Getty Images

Bis sie 20 war, hatte Karin Dieguez keine Gewichtsprobleme, sie hatte jahrelang Leistungssport betrieben. "Essen war schon damals ein zentrales Thema für mich, aber ich habe mir die Kalorien halt wieder wegtrainiert", erzählt die heute 53-Jährige. Dann war Schluss mit dem extremen Sportpensum – und es folgte eine 30-jährige Diätgeschichte.

"Ich arbeite sehr viel und habe einen hohen Erwartungsdruck an mich selbst. Das Essen entspannt mich. Ich brauche es regelrecht, um runterzukommen", sagt die Krankenschwester, die beruflich adipöse Patienten auf ihrer Abnehmreise betreut. Sie weiß eigentlich, wie Abnehmen geht – und trotzdem funktioniert es nicht langfristig. "Das ist ein extremer Leidensdruck, weil ich das Gefühl habe, ich kann mich selbst nicht kontrollieren."

Dabei sei sie gar nicht übermäßig dick, wie sie selbst betont, derzeit wiegt sie 86 Kilo, bei einer Größe von 170 cm. Auch ihre Patientinnen sagen ihr, dass doch alles gut sei. "Aber das hilft halt nicht, wenn man sich selbst im Spiegel sieht und denkt, man hat einen fetten Bauch." Und natürlich sei man auch immer wieder dummen Kommentaren ausgesetzt. Dass man etwa im Freibad als fette Kuh bezeichnet werde, komme durchaus vor.

Stigmatisierende Abwertung

Auch die Patientinnen und Patienten von Dieguez leiden unter diesem Stigma. Die automatische Abwertung mehrgewichtiger Menschen ist so weit verbreitet, man merkt sie oft gar nicht mehr. Viele haben sich wohl schon dabei ertappt, beim Blick in einen fremden Einkaufswagen eine unbewusste Verbindung zwischen Inhalt und optischer Erscheinung des Einkäufers oder der Einkäuferin herzustellen – mit Gedanken wie "Na, eh klar" oder "Die hat es gerade nötig". Damit einher geht automatisch die Bewertung der Person als willensschwach – denn wenn man wirklich wolle, könne man doch weniger essen.

Doch so einfach ist es nicht. Die Entstehung von Übergewicht ist ein sehr komplexer Prozess, an dem viele Faktoren beteiligt sind. Und vor allem: Ist das Übergewicht einmal da, setzen sowohl Körper als auch Psyche alles daran, es zu halten – der Kampf dagegen wird zu einer echte Herausforderung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Übergewicht deshalb ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 als chronische Krankheit. Mit langfristigen Folgen: "Adipositas ist für sich schon eine chronische Erkrankung. Aber sie ist auch Türöffner für viele weitere Probleme", sagt Johanna Brix, Internistin und Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft (ÖAG).

Mehr als 50 Folgeerkrankungen werden mit Übergewicht in Verbindung gebracht. Viele internistische wie Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall, ein erhöhter Cholesterinspiegel oder auch zahlreiche Krebsarten. "Das liegt daran, dass die Fettzellen, insbesondere im Bauchbereich, eine Vielzahl an Botenstoffen und Hormonen freisetzen, die eine chronische Entzündung im Körper hervorrufen", erklärt Brix. Aber auch andere Probleme wie Schlafapnoe, Refluxerkrankungen, orthopädische Probleme und auch Depressionen hängen mit Übergewicht zusammen.

Bei der Entstehung spielt die Genetik eine wesentliche Rolle – manche Menschen nehmen von Haus aus leichter zu als andere. Weitere Ursachen sind der Hormonhaushalt, ein typisches Beispiel dafür ist eine Schilddrüsenunterfunktion. Medikamenteneinnahme wirkt sich aus, ebenso wie Schlafmenge, Umwelteinflüsse, individuelles Ernährungsverhalten, körperliche Aktivität und psychische Faktoren wie Lebenssituation und Stress.

Gefährliche Verharmlosung

Demgegenüber steht die Verharmlosung des Problems. Denn Gewichtsmanagement hört sich einfach an: Will man abnehmen, nimmt man weniger Kalorien zu sich, als der Körper verbrennt. So simpel ist es aber nicht. Das lässt sich schon allein daran erkennen, dass durchaus nicht alle, die schlank sind, auch ihre Energiebilanz immer im Auge haben. Umgekehrt essen nicht alle, die übergewichtig sind, immer maßlos. "Iss weniger und beweg dich mehr", ist deshalb nicht die logische Antwort auf Gewichtsprobleme.

Das liegt am sogenannten Setpoint. Die Setpoint-Theorie besagt, dass unser Gehirn festlegt, welche Energiereserven in Form von Fett es benötigt, egal welches Gewicht wir bewusst anstreben. Und der Setpoint wandert nach oben mit steigendem Gewicht. Gesteuert wird er von Hormonen und Botenstoffen, unter anderem dem Leptin, das die Fettzellen produzieren. Versucht man, Gewicht zu verlieren, verändert dieser Vorgang den Hormonhaushalt. Das bemerkt das Gehirn und versucht, das verlorene Gewicht wieder zurückzugewinnen – etwa indem es das Hungergefühl verstärkt. Gleichzeitig wird die Verbrennung der Kalorien gedrosselt. Der Stoffwechsel verhält sich in etwa so, als würde man mit einem fast leeren Tank möglichst gleichmäßig fahren, um Benzin zu sparen.

Die Psyche spielt mit

Zu diesen körperlichen Faktoren kommt die psychische Komponente. "Essen ist prinzipiell etwas, das Freude bereitet, es wirkt sich positiv auf das Belohnungszentrum im Gehirn aus", betont die klinische und Gesundheitspsychologin Barbara Andersen. Deshalb kann Essen eine Belohnung sein, aber auch trösten. Und da setze erlerntes Verhalten ein: "Vielen Kindern wird Essen aus ebendiesen Gründen angeboten". Die Frage sei, welche Dimension dieser Belohnungscharakter annehme, "das kann sogar in Richtung Suchtcharakter gehen". Man greife dann automatisch zu hochkalorischen Lebensmitteln mit viel Fett und Zucker, weiß Andersen, "weil die intensiver wirken und mehr Glücksbotenstoffe ausschütten". Verarbeitete, auf Geschmack designte Lebensmittel und die permanente Verfügbarkeit von Essen tun dann ein Übriges.

Lebensmittel mit Fett und vor allem Zucker lassen das Gehirn Glücksbotenstoffe ausschütten – deshalb will man immer mehr.
Foto: Getty Images

Dabei tut einem das Essen nur gut, solange man es konsumiert. Deshalb isst man lange und viel. Das Problem, sagt Andersen: "Man kann das Suchtmittel nicht weglassen, weil man ja essen muss, um zu überleben. Das bedeutet, man muss sich selbst permanent im Griff haben. Das ist aber enorm herausfordernd." Als Betroffene, die seit Jahren mit einem Magenbypass lebt, weiß sie genau, wovon sie spricht. Sie kennt auch die Scham und die Schuldgefühle, die mit Übergewicht verbunden sind, aus eigener Erfahrung. Und sie betont: "Für viele meiner Klientinnen und Klienten ist es eine enorme Erleichterung, wenn man ihnen sagt, dass sie nicht faul und schwach sind, sondern an einer chronischen Krankheit leiden."

"Adipositas ist nicht einfach heilbar, indem man weniger isst. Es braucht einen multidisziplinären Ansatz, der alle Ursachen mitdenkt." Johanna Brix, Internistin

Das sagt auch Anne P. (Name der Redaktion bekannt). Die 27-Jährige hat schon als Kind zu Übergewicht tendiert, ihr Höchstgewicht lag bei 112 Kilo, jetzt hat sie 95. Und als sie sich vor einigen Monaten ärztliche Hilfe holte, wurde ihr zum ersten Mal überhaupt gesagt, dass sie eine chronische Krankheit habe – und nicht zu wenig Disziplin. "Meine Krankheit sieht man halt auf den ersten Blick", sagt P. Sie nimmt mithilfe eines Diabetesmedikaments ab, das den Blutzucker senkt, die Magenentleerung verlangsamt und so das Hungergefühl dämpft. Bezahlen muss sie es selbst, die Kasse übernimmt es nicht, weil sie keine Diabetikerin ist. "Dabei tue ich etwas für meine Gesundheit, diese Vorsorgemaßnahme erspart auch der Kasse Geld." Das Ziel der jungen Frau: "Ich will weg von der Besessenheit, perfekt zu essen. Normalgewichtige Menschen tun das ja auch nicht. Aber das Thema soll leichter werden für mich. Jetzt fühlt es sich an wie ein riesiger Ball, der auf der Seele liegt."

"Adipositas ist nicht einfach heilbar, indem man weniger isst. Es braucht einen multidisziplinären Ansatz, der alle Ursachen mitdenkt", sagt die Internistin Brix. Den gibt es aber bislang nur bedingt. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) finanziert begleitetes Abnehmen nur punktuell, meist muss man selbst in die Tasche greifen. Auf Nachfrage wird mitgeteilt, dass bis zu einem BMI von 35 konservative Abnehmmethoden im Vordergrund stehen, also diätische Maßnahmen, Bewegung und Lifestylemodifikationen.

Multidisziplinärer Ansatz fehlt

Das Problem dabei: Es gibt kein etabliertes, breit aufgestelltes und langfristig begleitendes Programm, das bei diesen Lifestylemodifikationen unterstützt. Wohl gibt es punktuelle Bewegungsangebote und auch geführte Abnehmprogramme für Erwachsene, aber das sind Initiativen einzelner Institutionen. Auch werden Medikamente, die das Abnehmen unterstützen können, nicht von der ÖGK übernommen. Diese seien aber zumindest ein Hilfsmittel, sagt Brix. In der Zeit der Medikamenteneinnahme könne man lernen, wie ein gesundes Ernährungsverhalten funktioniere – und dieses durch schrittweise Verhaltensänderung etablieren.

Ab einem BMI von 40 besteht, nach Ausschöpfung aller konservativen Maßnahmen sowie nach psychologischer Abklärung, die Möglichkeit eines bariatrischen Eingriffs, bei dem Magen, Darm oder beides verkleinert werden. Diese Situation kritisieren Ärztinnen und Ärzte, die betonen, sie hätten bei schwer adipösen Menschen eigentlich keine Möglichkeit zu helfen, außer dem lapidaren Rat: "Nehmen Sie noch ein paar Kilo zu, dann zahlt die Kasse die Operation." Diese hat aber lebenslange gesundheitliche Folgen, weil etwa die Nährstoffaufnahme gestört ist.

Das ist auch der Grund, warum sich René Bauer dagegen entschieden und einen weiteren Abnehmversuch gestartet hat. Übergewicht begleitet ihn seit seiner Jugend, derzeit wiegt er 130 Kilo. Sein Höchststand, im Jahr 2006, war 164. Damals schaffte es der 50-Jährige, mithilfe eines Medikaments 50 Kilo abzunehmen. "Da merkt man erst, wie viel man eigentlich mit sich herumschleppt." Seither schwankte sein Gewicht, zuletzt ging es wieder nach oben. "Ich hab mich beraten lassen wegen einer Operation, aber da wurde mir klar, was für ein Eingriff das ist!" Auch Bauer nimmt nun unterstützend ein Medikament ein, viel wichtiger ist aber der regelmäßige Sport, den er mit einem Personal Trainer macht. Sein Ziel ist dabei moderat und realistisch: "Ich will so viel abnehmen, dass ich fit und gesund bin, meine Lebensqualität passt und ich mit meiner Frau aktiv sein kann."

Eine einfache Leistung ist Abnehmen definitiv nicht, im Gegenteil, es braucht dafür viel Willenskraft. Doch mit umfassender Unterstützung und realistischen Vorstellungen, abseits von spektakulären Vorher-nachher-Erwartungen, kann es definitiv gelingen. Das würde den Betroffenen viel Leid und dem System Kosten ersparen, weil es zu weniger Folgeerkrankungen kommt – ein Vorsorgeansatz, der sich noch besser durchsetzen muss. (Pia Kruckenhauser, 14.8.2022)