So etwas wird in einem Café im Norden Deutschlands nicht mehr vorkommen. Seit kurzem gibt es dort ein Verbot für Kinder unter zehn Jahren.
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Seit kurzem sind die Türen der Kaffeeperle im ostfriesischen Esens für kleinere Kinder verschlossen. Ein Kind hatte sich zuvor danebenbenommen – die Eltern hatten es nicht im Griff, wie die Besitzerin und der Besitzer auf Facebook verkündeten. Deshalb ihr Entschluss: Kinder unter zehn sollen künftig draußen bleiben, auch wenn das "superschade" sei. Mehrere Medien berichteten, auch DER STANDARD – und im Forum wurde heftig über die Entscheidung diskutiert. Auch unsere Redaktion ist sich uneins: Sollen manche Orte lieber kinderfrei bleiben?

Pro: Gebt den Erwachsenen ein wenig Raum zurück!

Vorweg: Ich habe nichts gegen Kinder. Meine Toleranzgrenze ist da wahnsinnig hoch. Laufen sie schreiend durch die U-Bahn, zuckt meine Freundin zum Beispiel komplett aus, wünscht den Kindern einen Maulkorb und den Eltern eine öffentliche Kreuzigung, weil sie die Kinder ihrer Meinung nach nicht im Griff haben. Und das war noch die druckbare Version. Mir ist so etwas ja ziemlich wurscht.

Aber natürlich verstehe ich jene Personen, und ich zähle mich da auch dazu, die gerne ihre Ruhe haben, wenn sie im Urlaub sind, in der Therme entspannen oder Essen gehen. Man gönnt sich ja sonst so wenig, da will man das Bisserl in Frieden und vor allem ohne schreiende und spielende Kinder erleben.

So ist es nur fair, Räume für Erwachsene zu schaffen, die exklusiv für sie vorgesehen sind. Wenn es extra Angebote für Familien zum Beispiel im Zoo, in der Therme oder sonst wo gibt, dann soll es auch welche für alleinstehende Erwachsene geben. Kinder zahlen nur den halben Freibadeintritt? Ich bin seit fünf Jahren Single, ich will auch einen Rabatt!

Adults-only-Hotels sind da ein Anfang, Lokale und Restaurants, die Kindern eines gewissen Alters den Zutritt verwehren, eine krasse Weiterentwicklung dieser Idee. Dass die "Kaffeeperle", ein Café in Deutschland, das wirklich durchzieht: Chuzpe! Aber so etwas passiert nicht ohne Grund: Wenn spielende, laufende, tobende Kinder Kellner und Kellnerinnen stören, die mit heißen Getränken und Speisen hantieren, bringen sie nicht nur die, sondern auch sich selbst in Gefahr. Und wie die Besitzer der Kaffeeperle schon sagten: Das Verbot geht nicht gegen Kinder, sondern gegen Eltern. Denn manchen Müttern und Vätern fehlt oft das Gespür, wie ungut sich ihre Kinder in der Öffentlichkeit benehmen.

Wohin soll das führen, mögen sich die einen denken. Kinderfeindliche Gesellschaft, rufen die anderen. Ein Kinderverbot in der Gastro ist vermutlich nicht der richtige Weg, aber wie wäre es damit, erwachsenenfreundliche Zeiten einzurichten? Zum Beispiel sind tagsüber Kinder im Lokal herzlich willkommen, abends räumt man dann den Erwachsenen mehr Raum ein.

Ähnlich hätte ich es gerne auch im Museum. Ich war einmal sehr, sehr verkatert im Naturhistorischen Museum in Wien, ich wollte mit meinem Freund eine Dino-Ausstellung anschauen, bevor sie endet. Was mich neben der Lautstärke an Kinderhorden – ohne Übertreibung, alle Kinder der Welt waren an diesem Sonntagnachmittag im Museum – noch mehr genervt hat, ist die Selbstverständlichkeit von Eltern, ihren Kindern gehöre alles und sie dürfen auch alles machen. Mit Kinderwägen wird einem in den Rücken gefahren, keine Entschuldigung, eher noch wird man grantig angeschnauzt, weil man im Weg steht. It's not a man's world. It's a parent's world quasi. Bei den interaktiven Stationen drängen sich Kinder wie selbstverständlich vor, als kinderloser Erwachsener hat man gefälligst zu warten. Aber das will ich nicht. Ich will niemanden vorlassen, wenn ich an der Reihe bin, mein Gesicht in einen Neandertaler auf einem Screen zu verformen. Umso lauter die Kinder wurden, desto lauter wurde mein Ruf nach einem kinderlosen Tag im Museum. Und wenn es so was auch in der Gastro gibt, unterstütze ich das. Wir Erwachsenen haben genauso das Recht, in Ruhe etwas anzuschauen, zu genießen und zu erleben. Gebt uns ein wenig Raum zurück! (Kevin Recher, 24.8.2022)

Kontra: Wollen wir so eine Gesellschaft sein?

Vorweg: Kinder nerven manchmal. Vor allem an Orten, an denen es nicht so viel für sie zu tun und zu sehen gibt. Dort könnten sie sich langweilen, sinnlos herumschreien und Blödsinn machen – wie sich die volle Ladung Zucker in den Mund zu schütten oder alle Zahnstocher auszupacken und damit Mikado zu spielen. Oder auf den Treppen auf und ab zu springen, wie es offenbar in einem Café im Norden Deutschlands geschehen ist, das kurzerhand Kindern unter zehn Jahren den Zutritt verweigerte. Ich kann gut nachvollziehen, dass das für die Gastronomen stressig war. Und dass sie Besseres zu tun haben, als den Papa darauf hinzuweisen, doch bitte auf sein Kind zu schauen. Allen Eltern sollte klar sein, dass sie mit der Bestellung eines Kaffees und eines Karottenkuchens keinen kostenlosen Babysitter dazubestellen.

Ein Kinderverbot macht mir als Mutter aber auch irgendwie ein komisches Gefühl. Ich frage mich: Wollen wir wirklich so eine Gesellschaft sein, in der Kinder an einigen Orten unerwünscht sind? Wie sollen sie lernen, sich in "Erwachsenenräumen" zu verhalten, wenn diese für sie verschlossen bleiben? Müssten wir Mütter und Väter jetzt ein Dasein in der kompletten Elternisolation fristen? Während die Kinderlosen an den für sie exklusiven Orten ihre Cappuccinos schlürfen? Sie merken, ich überspitze, aber Sie wissen, worauf ich hinauswill.

Es sind gar nicht wenige Betriebe, die keine Kinder erlauben. Seitdem mein Sohn da ist, gab es beispielsweise keinen Aufenthalt mehr in meiner Lieblingstherme an einem kalten, ungemütlichen Wintertag. Auch bei der Urlaubsplanung haben mein Mann und ich festgestellt: Manches, was uns zusagt, bleibt uns verwehrt – oder besser gesagt: unserem kleinen Sohn. "Keine Kinder" ist ein dumpfer Schlag in den Magen einer Mutter, die ihr Dasein nicht in Kinderhotels fristen möchte.

Wer Kinder hat, der gewöhnt sich an rollende Augen, wenn sie mal so sind, wie Kinder eben manchmal so sind. Aber angenehm sind rollende Augen deshalb nicht. Bei einem Urlaub in Italien haben wir gemerkt, wie es auch sein kann. Dort begegneten uns lauter freundliche Gesichter, die sich über den Kinderwagen beugten und entzückt "Belissimo!" riefen. In Schweden fanden wir quasi überall Hochstühle und Spielecken für Kinder vor, im Café, im Hotel, am Flughafen. So kann es auch sein. Und so ist es viel schöner. Denn Kinder sind nicht nur der nervige Rand unserer Gesellschaft, sondern ein ganz wichtiger Teil. Sie sind irgendwann die Gesellschaft.

"Tobende Kinder mit ignoranten Eltern, das kommt vor, aber sie sind sicher kein Massenproblem in der Gastronomie", sagte der Chef des Hotel- und Gaststättenverbands Niedersachsen zu dem Entschluss des ostfriesischen Cafés, zur kinderfreien Zone zu werden. Eben. Tobende Kinder mit ignoranten Eltern "kommen vor". Sie kommen vor wie Menschen, die lautstark von ihrer Freitagnacht erzählen oder solche, die viel zu laut lachen, telefonieren oder Musik hören. Aber würde deshalb jemand auf die Idee kommen, den unangenehm laut Lachenden oder Anekdotenerzählenden pauschal den Zutritt zu verwehren? Oder Menschen, die ein Handy dabeihaben? Man stelle sich vor, welchen Aufstand es dann gäbe. (Lisa Breit, 24.8.2022)