Elena langweilt sich. Tag für Tag sitzt die 36-Jährige im Büro ihre Zeit ab, schaut auf dem Computer ihre Lieblingsfilme. Zu tun gibt es nur wenig. In Samara, einer Industriestadt im Südosten des europäischen Teils Russlands, arbeitet sie für eine kleine Firma, die Zäune, Fenster und Tore für Haus und Garten verkauft. Aber wer will schon in diesen Zeiten Geld in ein neues Fenster oder in einen Zaun investieren?

Was die Zukunft betrifft, fühlen sich viele Menschen gerade in der Provinz verunsichert, nicht nur in Samara, überall in Russland. "Natürlich versuchen die Leute zu sparen", sagt Elena. "Die Leute kaufen zuerst das Nötigste und Luxusartikel dann bei Gelegenheit." Ob die Unsicherheit auf die allgemeine Wirtschaftsflaute zurückzuführen ist, eine Nachwirkung der Pandemie-Zeit ist oder eine Reaktion auf die Sanktionen des Westens in Sachen Ukraine? Elena weiß es nicht. "Natürlich gibt es einige Veränderungen im Zusammenhang mit der Krise, aber ich kann nicht sagen, dass sie das Leben selbst ernsthaft beeinflusst haben. Die Produkte in den Geschäften sind reichlich vorhanden. Der Service ist nicht schlechter oder besser geworden. Es könnte aber schwieriger werden, Geld zu verdienen.

Die Schaufenster werden auf Hochglanz gebracht und locken mit neuer Ware. Leisten können sich viele die schicken Edelteile aus den Boutiquen derzeit nicht.
Foto: AFP / Yury Kadobniv

Tatsache ist, der russischen Wirtschaft geht es nicht gut – aber deutlich besser als viele im Westen erwartet hatten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im Zeitraum April bis Juni im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresquartal um 4,0 Prozent. Für den Rest des Jahres korrigierte das Wirtschaftsministerium die Zahlen nach oben. Beim BIP rechnet man nun mit einem Minus von 4,2 Prozent. Die Inflation wird bei 13,4 Prozent liegen und der Einkommensrückgang der Bevölkerung bei 2,8 Prozent. So die russischen Prognosen. Die deutsche Bundesregierung hingegen erwartet für Russland eine Rezession zwischen sechs und 15 Prozent.

Zumindest indirekt leidet auch die Firma, für die Elena arbeitet, unter den Sanktionen. Die Fenster und Zäune, die sie verkauft, werden von russischen Herstellern produziert. Maschinen und Ersatzteile aus dem Westen sind teurer geworden. "Die Preise für technische Produkte steigen ständig", weiß Elena. "Das bedeutet, dass wir gezwungen sind, den Angebotspreis zu erhöhen. Und die Kunden, die bereit sind, die höheren Preise zu zahlen, werden weniger."

Wichtiger Wirtschaftsstandort

Samara, die Stadt an der Wolga, ist heute wie damals zu Sowjetzeiten einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte in Russland. Maschinenbau, Metallverarbeitung gibt es hier. Aber auch Hightech wie die Firma ZSKB Progress, die die Sojus-Raketen herstellt, mit denen amerikanische und russische Kosmonauten gemeinsam zur Internationalen Raumstation fliegen. Eine dieser Raketen haben sie als Ausstellungsstück aufgestellt. Und ein Denkmal ein paar Straßen weiter zeigt ein Kampfflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg, damals hier produziert.

Samara ist eine moderne Stadt, aber auch stolz auf ihre Vergangenheit. Samara ist auch eine lebenswerte Stadt. Im Sommer tummeln sich Tausende am Wolga-Strand, der an die Strände des Mittelmeers erinnert. In Samara gibt es Edelboutiquen – und gleich daneben Märkte, wo gefälschte Markenkleidung zum Billigpreis verkauft wird. Den Unterschied von Samara, der Provinzstadt, zu Metropolen wie Moskau oder Sankt Petersburg sieht man erst auf den zweiten Blick. Der Zustand der Straßen beispielsweise ist hier deutlich schlechter. Baufällige Gehsteige werden zur Stolperfalle.

Ein Logistik-Hub in Moskau: Der russischen Wirtschaft geht es nicht gut – aber deutlich besser, als viele im Westen erwartet hatten.
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Und es gibt in Samara viel Armut, wie fast überall in der Provinz. Rund zwölf Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze von etwas mehr als 200 Euro pro Monat. Insgesamt müssen in Russland fast 21 Millionen Menschen mit so wenig Geld auskommen. Erstaunlicherweise ist dagegen die Arbeitslosenquote relativ niedrig. Russlandweit lag sie im Juni bei 3,9 Prozent. Doch die niedrige Arbeitslosenquote spiegelt nicht die Realität wider. Viele, die ihren Job verlieren, melden sich nicht arbeitslos – Arbeitslosengeld wie in Österreich gibt es nicht, nur minimale Unterstützung vom Staat. Ein weiterer Grund für die niedrige Quote ist die Gestaltung vieler russischer Arbeitsverhältnisse.

Keine Arbeit

Elena zum Beispiel ist nicht arbeitslos, sie hat nur keine Arbeit. Von ihrer Firma bekommt die junge Frau ein Grundgehalt von umgerechnet 200 Euro pro Monat. Gut verdienen würde sie an einer Umsatzbeteiligung und an Provisionen. Doch diese Zahlungen bleiben aus – keine Aufträge.

Trotzdem – Angst vor der Zunft, wie viele Menschen in Russland, hat Elena nicht. Sie ist in den 1990er-Jahren aufgewachsen, in denen Russlands Wirtschaft am Boden lag. Das Geld war nichts wert, die Menschen lebten vom Gemüseanbau auf der Datscha.

"Als wir Kinder waren, waren wir arm", sagt Elena. "Dann, als wir studierten, waren die Bedingungen besser. Aber wir haben nicht weiter darüber nachgedacht, was als Nächstes passieren wird. Wir haben uns einfach Ziele gesetzt. Wahrscheinlich wird es so weitergehen."

Und ein Freund, der gerade zu Besuch ist, ergänzt: "Die Menschen in der Provinz sind einfallsreich und zufrieden mit dem, was sie haben. Welche Herausforderungen und Umwälzungen die Wirtschaft in Russland auch erlebt, wir einfachen Menschen finden Lösungen." (Jo Angerer aus Samara, 23.8.2022)