Im Osten der Ukraine, vor allem rund um die von prorussischen Separatisten gehaltene Großstadt Donezk im Donbass, gingen die Kämpfe zuletzt in unverminderter Härte weiter.

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Höchst selten äußern sich die Regierungen in Moskau und Kiew zur Zahl der jeweils in dem nun fast ein halbes Jahr dauernden Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine getöteten Soldatinnen und Soldaten. Der ukrainische Armeechef Walerij Saluschny machte am Montag eine Ausnahme: Fast 9.000 "Helden", erklärte er, seien mittlerweile gefallen. Im April, als Präsident Wolodymyr Selenskyj zuletzt eine Zwischenbilanz zog, waren es noch "bis zu 3.000" gewesen. Die Dunkelziffer könnte freilich weit höher liegen. Nach 100 Tagen Krieg hatte Verteidigungsminister Oleksij Resnikow im Juni bei den schweren Kämpfen im Osten des Landes eingeräumt, dass jeden Tag bis zu hundert ukrainische Soldaten getötet und bis zu 500 verletzt würden.

Aus Moskau gibt es seit Monaten keine Angaben mehr über getötete Soldaten. William Burns, Chef des US-Geheimdiensts CIA, hatte deren Zahl Ende Juli auf 15.000 geschätzt, der ukrainische Generalstab meldete am Montag gar 45.400 russische Tote.

Angst vor Angriffen

In einer Videoansprache am Sonntagabend warnte Selenskyj Russland davor, gefangen genommene Verteidiger des im Frühling eingekesselten Mariupol anlässlich des ukrainischen Unabhängigkeitstages am Mittwoch vor Gericht zu stellen. "Das wird die Grenze sein, ab der keine Verhandlungen mehr möglich sind", sagte er und zitierte Berichte über entsprechende Vorbereitungen Russlands.

Zuvor hatte er bereits vor verstärkten russischen Angriffen rund um den Feiertag gewarnt. "Russland könnte in der kommenden Woche etwas besonders Widerwärtiges und Gewalttätiges unternehmen", sagte Selenskyj am Samstagabend. In der Hauptstadt sind von Montag bis Donnerstag vorsorglich alle öffentlichen Versammlungen untersagt. In der zweitgrößten Stadt Charkiw wurde eine Ausgangssperre verhängt.

Seit dem russischen Einmarsch am 24. Februar sind nach Uno-Angaben fast ein Drittel der 44 Millionen Einwohner der Ukraine vertrieben worden. "Es ist die größte Fluchtbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs", hieß es am Montag.

Metropolit traf Gefangene

Am Montag wurde unterdessen bekannt, dass das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche der Ukraine, Metropolit Onufrij, vergangene Woche russische Kriegsgefangene getroffen und die politisch und militärisch Verantwortlichen zu einem Gefangenenaustausch aufgerufen hat. Der Krieg sei eine Schande und ein Werk des Teufels, so der Metropolit. "Gott segnet den Frieden", so Onufrij – ein Fingerzeig in Richtung des Moskauer Patriarchen Kyrill, der den russischen Angriff auf die Ukraine öffentlich unterstützt. (Florian Niederndorfer, 23.8.2022)