Sofia Polcanova war bei der Europameisterschaft 2022 die überragende Athletin.

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Werner Schlager wurde 2003 Weltmeister.

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Liu Jia wurde 2005 Europameisterin.

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Stefan Fegerl wurde 2015 Doppel-Europameister.

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Stefan Fegerl kennt das Glücksgefühl. Der Niederösterreicher wurde 2015 in Jekaterinburg Tischtennis-Europameister im Doppel und mit der Mannschaft. Seit April ist der 33-Jährige neben der Funktion als Vizepräsident auch Sportdirektor im Tischtennisverband (ÖTTV): "Ein EM-Titel bringt Prestige und öffnet Türen. Sonja schwebt im siebenten Himmel. Sie hat das Turnier ihres Lebens gespielt, sie wird Zeit brauchen, um den Erfolg zu verarbeiten."

Sonja, so der Spitzname, heißt eigentlich Sofia, Sofia Polcanova. Die Österreicherin ist seit Sonntag zweifache Europameisterin. Ihre Gegnerin Nina Mittelham musste im Einzelfinale von München verletzt aufgeben. Zuvor hatte Polcanova mit der Rumänin Bernadette Szocs bereits Gold im Doppel und mit Landsmann Robert Gardos Bronze im Mixed geholt. Gardos wiederum gewann mit Daniel Habesohn Silber im Doppel.

"Mit vier Medaillen hat wirklich niemand gerechnet", sagt Fegerl zum STANDARD, "wir wären mit einer Medaille zufrieden gewesen." Die Bilanz könnte stolzer nicht sein. Österreich hat die Europameisterschaft als erfolgreichste Nation, als Nummer eins im Medaillenspiegel beendet – vor den großen und favorisierten Tischtennisnationen Deutschland und Schweden.

Neue Strukturen

Aber wie ist diese Erfolgsstory zu erklären? Warum trumpft Österreich an der Tischtennisplatte derart auf? "Unser Sport hat hierzulande Tradition, Tischtennis ist beliebt", sagt Fegerl. In der Tat poppen die Erfolge nicht einfach so auf. Seit Anfang der Neunzigerjahre läuft es am Schnürchen. Die Namen Ding Yi, Werner Schlager und Liu Jia sind selbst den größten Sportbanausen ein Begriff.

Penholder Ding Yi hat den Weg geebnet, Werner Schlager krönte sich 2003 zum bis dato letzten nicht-chinesischen Weltmeister, Liu Jia wurde 2005 Europameisterin. Weltmeisterin Trude Pritzi (1937 und 1938) und Weltmeister Richard Bergmann (1937, 1939, 1948 und 1950), beide aus Wien, darf man nicht unerwähnt lassen. Der Tischtennisball wird in Österreich seit jeher mit Liebe und Feingefühl behandelt.

Nur mit Tradition sind aber keine Pokale zu gewinnen. "Wir haben die Trainerstruktur verändert, wir sind jetzt professioneller aufgestellt", sagt Fegerl. Seit Februar coacht Zsolt Harczi das Nationalteam der Damen. Der 55-jährige Ungar arbeitet auch auf Vereinsebene bei Linz AG Froschberg mit Polcanova zusammen, man kennt sich in- und auswendig. "Er lebt den Sport 24 Stunden pro Tag, sucht ständig Verbesserungen. Wir haben einen Bundestrainer benötigt, der ideal mit Linz kooperiert. Harczi ist ein Glücksgriff."

Bei den Herren wurde Ex-Profi Chen Weixing im Jänner zum Teamchef ernannt. Der ehemalige Top-Abwehrspieler nahm für Österreich an drei Olympischen Spielen teil. Der 50-jährige Doppel-Europameister von 2003 soll die Routiniers mit den Youngsters zusammenführen. "Er ist der richtige Mann für diesen Job", sagt Fegerl, "es war uns wichtig, eine gute Grundstimmung, einen Zusammenhalt zu schaffen. Das ist uns gelungen, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen. Dass es dann so aufgeht, kann aber niemand planen oder vorhersagen. In den entscheidenden Momenten braucht es etwas Glück."

Frischer Wind

Vor München wurde dem Glück nachgeholfen. Polcanova absolvierte drei Vorbereitungscamps in Spanien, Rumänien und Schweden. Im Einzel hat Polcanova verstärkt gegen Männer gespielt, in Rumänien wurde das Doppel forciert, in Schweden stand das Mixed im Fokus. "Das ist alles kein Zufall, die Arbeit hat Früchte getragen." Aber was bedeuten Triumphe auf kontinentaler Ebene im weltweiten Vergleich? Polcanova liegt in der Weltrangliste auf Rang 15, in den Top Ten stehen acht Asiatinnen.

"Es wird nicht einfach, bei der Weltmeisterschaft oder bei Olympia eine Medaille zu holen. Die Konkurrenz ist ungleich größer. Aber Sonja wird alles probieren, den nächsten Schritt zu machen. Sie hat das Zeug dazu. Die Spiele in Paris 2024 sind und bleiben das große Ziel."

Zwei Monate nach diesen Sommerspielen wird die nächste Europameisterschaft ausgetragen. Der ÖTTV hat am Sonntag den Zuschlag für die Ausrichtung erhalten, das Turnier soll von 15. bis 20. Oktober 2024 stattfinden. "Wir wollten ein Großevent nach Österreich bringen, um wieder auf internationaler Bühne vertreten zu sein", sagt Fegerl.

"Unsere Wunschdestination ist Innsbruck. In München war die Halle voll. Wir hoffen, dass viele deutsche Fans nach Tirol kommen. Wir werden nun unsere Hausaufgaben machen und mit Bund, Land und Stadt verhandeln, um eine perfekte Ausrichtung der EM garantieren zu können." Zuletzt wurden 2013 in Schwechat Europameisterschaften in Österreich ausgetragen. Schon damals gab es eine Silbermedaille im Herrendoppel durch Gardos und Habesohn.

Große Hoffnungen

Die Gegenwart ist kaum zu toppen, aber was bringt die Zukunft? Wie ist es um den Nachwuchs bestellt? Nicht so schlecht, möchte man meinen. Benjamin Girlinger, der in der zweiten Bundesliga für die SPG muki Ebensee antritt, gewann im Juni in Montenegro Europameisterschaftsgold in der Altersklasse U13. Julian Rzihauschek, der bislang jüngste Sieger einer Champions-League-Partie, gewann zuletzt bei der U15-EM in Belgrad zwei Bronzemedaillen. Fegerl: "Wir haben uns Gedanken gemacht und setzen nun vermehrt Akzente im Nachwuchs. Einige Zeit wurde dieser Bereich vernachlässigt. Das darf nicht sein. Die Erfolge im österreichischen Tischtennissport sollen eine Fortsetzung finden. Die Tradition verpflichtet uns." (Philip Bauer, 23.8.2022)