Eine zerrüttete Nachbarschaft beschäftigt am Landesgericht für Strafsachen Wien eine Richterin.

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Wien – Im Frühjahr 2000 zog Herr M. in die von seinen Großeltern geerbte 36-Quadratmeter-Eigentumswohnung ein. Und damit begann sein Unglück. Behauptet der 50-Jährige zumindest vor Richterin Nicole Rumpl, die seinen Prozess wegen gefährlicher Drohung gegen eine 80 Jahre alte Nachbarin leitet. Die ihm von Anfang an das Leben schwer machte, wie er sagt.

Das Vorleben des Arbeitslosen mag dabei eine Rolle spielen: Er hat drei Vorstrafen, zwei davon wegen versuchter Vergewaltigung, was dazu führte, dass er von 2003 bis 2015 als zurechnungsfähiger, aber gefährlicher Straftäter in einer Anstalt untergebracht war. Das Entlassungsdatum ist wichtig, denn noch bevor er sich schuldig oder unschuldig bekennt, übergibt er der Richterin aufgebracht Dokumente.

Unterlassungsbegehren und Anzeigen

Eines davon ist ein von einem Anwalt im Auftrag einer weiteren, 39-jährigen Nachbarin verfasstes Unterlassungsbegehren aus dem Jahr 2021. In dem M. vorgeworfen wird, "seit sieben Jahren durch ungebührliches Verhalten" die Lebensqualität der Nachbarin zu beeinträchtigen, wie Rumpl vorliest. "Seit sieben Jahren! Das wäre 2014! Da war ich noch eingesperrt!", beschwert sich der Angeklagte.

Der Österreicher hat auch die Verständigung über die Einstellung zweier Strafverfahren dabei, die die 39-Jährige gegen ihn angestrengt hat. "Ich finde, die Frau ist nicht sehr glaubwürdig", macht der ohne Verteidigerin erschienene M. deutlich, dass ihre Zeugenaussage aus seiner Sicht wenig Wert haben wird.

Zur Sache selbst bekennt er sich mit Nachdruck nicht schuldig. Er habe am 24. Mai sicher nicht "Ich bring dich um!" zur 80-jährigen Nachbarin gesagt. Ja, er habe die Pensionistin und die jüngere Nachbarin vor der Haustür angesprochen. "Aber ich habe ihr nur gesagt: 'Bitte lassen Sie mich in Ruhe, sonst muss ich mich an meinen Ex-Bewährungshelfer wenden und das von einem Gericht klären lassen.'"

Waschrecht seit 22 Jahren verweigert

Die Wurzel des Übels liegt seiner Darstellung nach bereits über 22 Jahre zurück. "Im Mai 2000, kurz nachdem ich eingezogen bin, hat sie gesagt, ich habe als Eigentumswohnungsbesitzer kein Waschrecht", sagt er über die 80-Jährige, die den Schlüssel zur Waschküche verwaltet. "Das macht sie immer. Im vierten Stock wohnt ein, ich weiß jetzt nicht, wie ich sagen soll, ein Afrikaner, ein Schwarzer, den lässt sie auch nicht waschen."

Der Hausfrieden sei jedenfalls von Beginn an grob gestört gewesen. Andere Zwischenfälle werden nur angeschnitten: Als er im Vorjahr mit seiner damaligen Freundin im Innenhof eine Wasserschlacht mit dem Gartenschlauch machte, habe er einen Kunststoffkübel der 80-Jährigen angespritzt, erzählt der Angeklagte. Die Konsequenz: eine ebenso eingestellte Anzeige wegen Sachbeschädigung. En passant erfährt man, dass die Hausverwaltung ein Verbot für Blumenstöcke auf den Gangfensterbrettern erließ, nachdem offenbar Pflanzen in den Hof geschleudert worden waren.

"Die husst ma nur die Leit auf!"

Aus Sicht der Nachbarinnen ist M. offenbar für alle Übel im Haus und der Nachbarschaft verantwortlich: Kellereinbrüche, Fahrraddiebstähle, eine Brandstiftung. "Die husst ma nur die Leit auf!", sagt der Angeklagte über die 80-Jährige. "Die will mich loswerden." – "Aber warum soll sie Sie falsch belasten?", will die Richterin wissen. "Vielleicht ist sie eifersüchtig, dass ich Eigentümer bin und sie nur Mieterin?", mutmaßt der Angeklagte.

Die elegant gekleidete 80-Jährige bleibt als Zeugin bei ihrer Aussage. "Er ist hergestürmt und hat zu mir gesagt: 'Dich bring ich auch um!'", beteuert sie. "Warum sagt er sowas?", wundert sich Rumpl. "Ich habe mit ihm nichts zu tun", sagt die Zeugin zunächst, um nach einer minimalen Pause anzufügen: "Außer, dass es immer Probleme gibt mit ihm!"

Anzeige erst einen Tag später

Sie sei mit ihrem Lebensgefährten und der 39-jährigen Nachbarin gleich danach zur Polizei gegangen. Dort erstattete allerdings nur die jüngere Frau wegen eines anderen Streits die mittlerweile eingestellten Anzeigen, wie der Richterin auffällt. "Warum haben Sie da nicht gleich gesagt, dass Sie bedroht worden sind?", interessiert die Richterin. "Habe ich eh gemacht", beharrt die Pensionistin. Rumpl blättert im Akt. "Nein, die Polizisten haben Sie am nächsten Tag, als Sie die Drohung angezeigt haben, sogar gefragt, warum Sie es nicht gleich erwähnt haben, da haben Sie gesagt, Sie hätten es wegen der Aufregung vergessen", hält die Richterin der Zeugin vor.

Die 39-jährige Zeugin malt ein düsteres Bild des Zusammenlebens. "Seit M. aus dem Gefängnis heraus ist, sind wir nicht mehr sicher in dem Haus!", sagt sie. "Wir werden laufend bedroht und müssen uns 'Drecksau' und einmal sogar 'Hure' anhören!", beschwert sie sich. Sie raunt auch davon, dass der Angeklagte für mehrere Straftaten verantwortlich sei, für die sie leider keine Beweise habe.

Zeugin ändert Geschichte

Interessanterweise sagt sie im Gegensatz zur Pensionistin, dass es für die Drohung auf der Straße mehrere Zeugen gebe. Als die Richterin deren Namen wissen will, muss die 39-Jährige passen – erstens kenne sie die nicht, außerdem würden die sicher nicht aussagen wollen, ist sie überzeugt. Auch sie behauptet aber, dass die Angelegenheit bereits am 24. Mai angezeigt worden sei. Erst als ihr Rumpl das Gegenteil beweist, ändert die Zeugin ihre Geschichte: "Ah ja, die Polizisten haben uns erst am nächsten Tag einen Termin dafür gegeben." Nach ihrem Abgang macht der Angeklagte darauf aufmerksam, dass sich die Exekutivbeamten dann eines Amtsmissbrauchs schuldig gemacht hätten, wenn diese Geschichte stimmen würde.

Die Richterin sieht das offensichtlich auch so und spricht M. frei. Sie könne nicht mit der für eine Verurteilung notwendigen Sicherheit sagen, ob die Drohung gefallen sei, begründet sie. Zum Unmut des Lebensgefährten der 80-Jährigen, der den Prozess im Zuschauerraum verfolgt hat: "Eine Frechheit!", beschwert er sich mehrmals hörbar über die rechtskräftige Entscheidung. (Michael Möseneder, 24.8.2022)