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FÜR: Arbeitnehmer dürfen nicht die Krisenverlierer sein
Von Jakob Sturn
Kriegsfolgen, Klima- und Energiekrise und Preisexplosionen stellen uns vor Verteilungsfragen: Wer trägt die Lasten, wer streift exzessive Gewinne ein – und wer sorgt für einen sozialen Ausgleich? Die Hilfspakete der Regierung reichen nicht aus, um die Krisenfolgen abzufangen. Nun sind die Sozialpartner gefordert: Will man den Kaufkraftverlust nachhaltig bremsen, müsste die Herbstlohnrunde kräftige Lohnerhöhungen bringen.
Die Teuerung bedeutet für vier Millionen unselbstständig Beschäftigte in Österreich einen empfindlichen Reallohnverlust. Mit über neun Prozent erreicht die Inflationsrate im Juli den höchsten Wert seit fast 50 Jahren, der tägliche Einkauf ist um knapp ein Fünftel teurer als im Vorjahr. Bei den Lohnverhandlungen bildet traditionell der Jahresdurchschnitt der Teuerung seit dem vorangegangenen Herbst die Verhandlungsbasis. Die liegt heuer zwischen sechs und sieben Prozent. Die Löhne folgen in Österreich also den Preisen, nicht umgekehrt.
Dennoch warnt die Arbeitgeberseite seit Monaten vor einer drohenden Lohn-Preise-Spirale: Hohe Lohnabschlüsse würden die Teuerung noch weiter antreiben. Für diese Behauptung gibt es so gut wie keine wissenschaftliche Evidenz. Insbesondere wenn – wie in Österreich der Fall – die Inflationsrate des vergangenen Jahres als Verhandlungsgrundlage dient und nicht eine geschätzte zukünftige. Für Entspannung sorgt auch der Blick zurück: Als die Inflationsrate 1975 das letzte Mal so hoch war, stiegen die Löhne der Beschäftigten im Schnitt um 13 Prozent, die Pensionen um rund zehn Prozent. Die prophezeite Pleitewelle blieb aus, ebenso eine Lohn-Preis-Spirale.
Jedes Jahr produktiver
Die jährliche Lohnerhöhung gleicht übrigens nicht nur die Teuerung aus. Jedes Jahr werden die Betriebe – auch dank ihrer Beschäftigten – produktiver: Sie schaffen mehr in weniger Zeit. An diesem Fortschritt gehören die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ebenfalls beteiligt, historisch gelang das bisher auch über eine kürzere Arbeitszeit. Seit der letzten Arbeitsverkürzung vor über 40 Jahren hat sich unsere Produktivität übrigens vervierfacht, hier mit kürzeren Arbeitstagen nachzuziehen ist also überfällig.
Den Gewerkschaften muss klar sein: Auch unter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sind die Krisenkosten ungleich verteilt. Die Teuerung trifft ärmere Haushalte am stärksten. Das ärmste Zehntel der österreichischen Haushalte kostet die Teuerung heuer im Durchschnitt mehr als ein Monatseinkommen. Das reichste Zehntel muss nur ein halbes Monatseinkommen zusätzlich aufwenden. Die alleinerziehende Mutter, die eine kaputte Waschmaschine vom Privatkonkurs entfernt ist, trifft das hart – sie kann auf keine Reserven zurückgreifen. Betroffene wie sie brauchen überproportionale Einkommenssteigerungen. Das gilt genauso für Pensionen: Wer mit seiner Pension an oder sogar unter der Armutsgrenze leben muss, braucht heuer ein kräftiges Pensionsplus. (Jakob Sturn, 25.8.2022)
WIDER: Schlägt der Populismus die Vernunft?
Von Christian C. Pochtler
Ende Sommer beginnen die Pensionistenvertreter ihr jährliches Lamento anzustimmen: Die gesetzlich vorgesehene Abgeltung der Inflation sei zu wenig, weil … Heuer gelte dies ganz besonders. Das Gesetz sieht die Abgeltung der Inflation vor, keine Verhandlungen mit Pensionistenverbänden. Aber in der Realverfassung Österreichs geht die Macht zu oft von den Interessenvertretungen der vermutlich größten Wählergruppe aus. Ein bewährtes Ritual, das neben der Inflation vor allem die Produktivitätszuwächse abbilden soll, ist das Verhandeln zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften über die KV-Anpassungen. Derzeit werden aber auch hier Forderungen laut, die langfristig negative Folgen haben könnten.
Richtig ist: Die Menschen brauchen mehr Geld in der Tasche! Als Unternehmer zahle ich gerne gute Löhne und Gehälter. Wenn ich aber sehe, wie viel Geld nicht zu meinen Mitarbeitern, sondern in die Staatskasse wandert, wird mir übel.
Strukturelle Reformen
Nun wurden heuer Beschlüsse gefasst, die strukturelle Reformen bringen – etwa die Abschaffung der kalten Progression, die Valorisierung der Sozialleistungen, die Senkung der Lohnnebenkosten. Sonderzahlungen für Menschen mit geringen Einkommen, erhöhter Klimabonus plus Teuerungsbonus, bis zu 3.000 Euro Zusatzlohn, steuerfrei und sozialversicherungsfrei, mehr Familienbeihilfe und -bonus …
Das dürfen wir im Herbst nicht vergessen! Der Reflex von Gewerkschaften und Pensionistenverbänden, immer noch mehr zu fordern, ist nachvollziehbar, aber nicht zielführend. Der Inflation immer mehr Geld nachzuwerfen ist keine gute Idee. Zudem müssen wir alles, was hier breitflächig verteilt wird, erst einmal verdienen.
Daher sollten wir die Antiteuerungsmaßnahmen entsprechend einpreisen. Denn Pensionserhöhungen sorgen für eine nachhaltige Verteuerung des Pensionssystems – und dessen Kosten für den Steuerzahler steigen schon so mindestens von 9,5 Milliarden auf knapp 20 Milliarden Euro bis 2030. Ähnlich bei den Kollektivvertragsverhandlungen, wobei man hier zwischen Mindest-KVs und Ist-Löhnen stärker unterscheiden sollte. Eine Inflationsanpassung bei den Mindest-KVs ist das eine – aber massive Erhöhungen, selbst bei denen, die (gerade in der Industrie) ohnehin besser verdienen? Ist es sinnvoll, allen kurzfristig viel Geld zu geben, langfristig aber Jobs zu gefährden, weil Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig sind? Eine Zweiteilung zwischen Lohnerhöhungen und Einmalzahlungen wäre sinnvoll!
Zusammenfassend: Klar, die Situation ist alles andere als rosig. Aber bitte, agieren wir in diesem Herbst mit kühlem Kopf. Allen Krisen zum Trotz ist jetzt entscheidend, dass wir Schritt für Schritt und immer mit Blick auf das Gesamtbild weiter vorangehen. Ansonsten könnte sich die geforderte Großzügigkeit bei Pensions- und Lohnerhöhungen schnell als Schuss ins eigene Knie erweisen! (Christian C. Pochtler, 25.8.2022)