Die lesende Seele ist mitunter sehr zart. So zart, dass sie beschützt werden will oder muss. Von links: vor Shakespeare zum Beispiel oder dem Autor Colson Whiteread, dessen Underground Railroad von englischen Unileselisten gestrichen wurde. Von rechts unter anderem in McMinn County, Tennessee: vor der preisgekrönten Graphic Novel Maus, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzt.

Die lesende Seele ist mitunter so zart, dass sie vor Shakespeare beschützt werden muss.
Illustration: Eva Schuster

Die vieldiskutierte Verbannung hat aber noch viel Ausbaupotenzial! Wenn man sein Adlerauge nur scharf genug kreisen lässt, wird man schnell fündig. Die Gefahr lauert schließlich überall. Was diese zwei brüderlichen Verbrecher namens Grimm unverschämt vor aller Welt ausbreiten, ist in beinahe jedem einzelnen Beitrag skandalös. Wir sprechen immerhin von Kindesmisshandlung (Hänsel), Kinderarbeit (Gretel), Frauenfeindlichkeit (Hexe), Tierquälerei (Wolf und Esel)! Wenn man ganz ehrlich ist, sind diese Märchen überhaupt ein Querschnitt krimineller Machenschaften.

Sogar Nötigung, Kinderhandel, Mord und Totschlag sind dabei. Da werden ehrgeizige Aufstiegspläne junger Frauen (Schwestern von Aschenputtel) mit Amputationen gestraft, und ein kleiner Betrüger darf Insekten siebene auf einen Streich morden, als gäbe es kein Morgen! Es ist, kurz zusammengefasst, eine einzige Beleidigung der Sinne. Hinfort damit. Am besten verbrennen, Verzeihung, verbannen. (Julya Rabinowich, 28.8.2022)