Scham und Schuld erzeugten ein Klima der Betroffenheit: Hundert Jahre nach dem Plädoyer für die "kalte persona" stehen Zorneswallungen wieder hoch im Kurs.

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Der Ire Jonathan Swift (1667–1745), Autor des Gulliver, darf als einer der größten Moralisten der Weltliteratur gelten. Als er sich am Anblick bettelnder Kinder am Straßenrand stieß, unterbreitete dieser schwärzeste aller Satiriker der Allgemeinheit folgenden, angeblich nutzbringenden Vorschlag: Man müsse die Kleinen hübsch mästen, um aus ihrem Fleisch "ein höchst schmackhaftes Nahrungsmittel" zu gewinnen. Er nannte die entsprechende Abhandlung aus seiner Feder einen "bescheidenen Vorschlag im Sinne der Nationalökonomen".

Man vermag sich unschwer vorzustellen, wie dieses Filetstück moralistischer Übertreibungskunst heute – mit frischer Verve abgefasst, gewissermaßen neu abgeschmeckt – aufgenommen würde. Swift würde, ungeachtet seiner aufklärerischen Absicht, mit sofortiger Wirkung aus dem Kreis der zivilisierten Menschheit verbannt.

Jeder Hinweis auf die Heilsamkeit der Verfremdungsabsicht wäre nutzlos. Übrig bliebe einzig und allein die Sorge um das Seelenheil der betroffenen Leserinnen. Diese wären der verstörenden Wirkung der eigenen Einbildungskraft preisgegeben: Sie müssten sich knusprig gebratenes Säuglingsfleisch vorstellen. Tatsächlich scheint das dazugehörige Bild geeignet, auch Hartgesottene aufzuwühlen.

Schauplatz Individuum

So ist die Schutzwürdigkeit der empfindsamen Seele, nicht nur auf britischen Universitäten und in der oberschwäbischen Verlagslandschaft, zum alleinigen Richtmaß geworden: für die Rezeptionsbereitschaft von uns Zeitgenossen. Wie in der Epoche bürgerlicher Empfindsamkeit wird das Innere des Individuums zum Schauplatz. Auf ihm ringen widerstreitende Gefühle um moralische Oberhoheit.

Unter dem Getöse lauter Moralfanfaren, unter Hinweis auf die Möglichkeit "emotionaler Belastung", feiern Ekel und Scham Einzug in den Gefühlshaushalt einzelner: gewissermaßen durch die Vordertüre. Das Comeback der Zimperlichkeit ist auch ein Produkt der identitätspolitischen Neuausrichtung möglichst aller Gedanken, Worte und Werke.

Die zahlreichen Härten, die der neoliberale Spätkapitalismus seinen Teilhabern zumutet, werden dadurch zur Privatsache erklärt. Nicht, dass die Ungerechtigkeit der gesellschaftlich wirksam werdenden Zwänge an Unzählige weitergereicht wird, bereitet der schönen Mittelstandsseele Sorge. Schwerer wiegt für sie die Befürchtung, durch die Überbringung schlechter Nachrichten schockiert zu werden.

Rückstandsfrei vergessen scheinen Zwischenrufe, die recht genau vor hundert Jahren aus der Ecke der damals fortschrittlichsten Anthropologen und Künstler schollen. Um das Gefühl lähmender Schuld abzuwehren (etwa am Zustandekommen des Ersten Weltkriegs), empfahlen damals fortschrittliche Köpfe, Schluss zu machen mit lähmender Gewissenserforschung.

Anstatt einer von Scham diktierten Zerknirschung wurde – vor allem auch in der Weimarer Republik der 1920er-Jahre – das Ideal neuer Sachlichkeit gepredigt. Gefordert schien die Ausbildung eines neuartigen Typus. Der Mensch, angelangt auf der Höhe von Verkehr und Technik, sollte seine inneren Wallungen anderen vorenthalten, schon um Kollisionen zu vermeiden. Solche Verhaltenslehren der Kälte (so auch der Titel eines soeben wiederaufgelegten Buches von Helmut Lethen) gediehen vor dem Horizont einer pessimistischen Geschichtsauffassung.

Herz und Mördergrube

Im Kampf jeder gegen jeden gewinnt derjenige Handlungsmacht, der es schafft, aus dem Herzen eine Mördergrube zu machen. Jemand wie Brecht bekannte, im Dickicht der Städte keine persönliche Anschrift mehr zu haben. Andere, wie der Anthropologe Helmut Plessner, propagierten ein Ausharren der Menschen am Kältepol der Gesellschaft. Wer sich mit intimen Herzensergießungen öffentlich exponiere, laufe Gefahr, sich unsterblich lächerlich zu machen.

Sie alle forderten die Ausbildung der "kalten persona": eine rigorose Eindämmung von "nackter Ehrlichkeit" und "eruptiver Echtheit". Der Mensch, so ihr Credo, sei von allem Anbeginn an exponiert. Er stehe von Geburt an auf abschüssigem Terrain und müsse, im gedeihlichen Zusammenwirken mit anderen, Halt suchen. So riet man ihm aus Selbstschutzgründen das Anlegen eines Gefühlsharnisches an.

Heute werden Anliegen allgemeiner Natur kleiner gemacht: damit man sie besser durch den Persönlichkeitsfilter pressen kann. Wie einst bei Martin Luther ist es die verletzliche Einzelseele, die um ihr Heil bangt. Das Gedeihen aller möge, in freier Ableitung, erst danach zustande kommen. Und so nähren manche Anliegen der "Cancel-Culture" einen sozialpsychologischen Verdacht: dass es vielen ihrer Verfechter vornehmlich um die Pflege des eigenen Narzissmus gehe. Und sie, in Stellvertretung für andere, das Kreuz der Welt tragen. (Ronald Pohl, 30.8.2022)