Ganz still ist es am 4. September 1972 im Münchner Olympiastadion. Gebannt blicken 80.000 Menschen auf Ulrike Meyfarth. Die Schülerin aus Köln mit der Startnummer 168 läuft an, springt sehr hoch und kommt über die Latte, die 1,92 Meter hoch liegt.

Neuer Weltrekord und olympisches Gold für die 16-jährige Deutsche im Hochsprung. Noch ehe sie auf der weichen grünen Matte aufschlägt, brechen im Stadion frenetischer Jubel und Beifall aus.

Bund und heiter präsentierten sich die Spiele in München in den ersten Tagen. Dann kam der palästinensische Terror.
Fotos: Imago (3), APA/dpa; Collage: Lukas Friesenbichler

Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass dieser sportliche Höhepunkt zugleich eines der letzten freudigen Ereignisse der Olympischen Spiele ist. Nicht nur München, ganz Deutschland ist zu diesem Zeitpunkt vor 50 Jahren geradezu verzaubert.

Bei den Spielen, die am 26. August 1972 begonnen hatten, läuft es wie geplant. Es sind die heiteren, die leichten und schönen Sommerspiele, die man sich so gewünscht hat.

"Deutschland wollte sich nach den Olympischen Spielen 1936 in Berlin als neue, moderne Demokratie präsentieren", sagt der Journalist Roman Deininger, Co-Autor des zum Jubiläum erschienenen Buches Die Spiele des Jahrhunderts – Olympia 1972, der Terror und das neue Deutschland (dtv-Verlag).

Und das Konzept geht zunächst auf: München bietet ein echtes Sportfest. Der US-Amerikaner Mark Spitz schwimmt jeweils mit Weltrekord zu sieben Titeln, die bayerische Landeshauptstadt zeigt sich freundlich und weltoffen, sogar das Team der DDR wird von den Westdeutschen bejubelt. Architektonisch begeistert viele das scheinbar schwebende Dach des Stadions im Olympiapark.

Doch das bunte Bild von Olympia, das erstmals live in alle Welt übertragen wird, hat seinen Preis. Zurückhaltung – so lautet die Devise bei den Sicherheitsmaßnahmen. Auf keinen Fall soll München an die NS-Propaganda der Berliner Spiele von 1936 erinnern. "Keine Zäune, kein Stacheldraht, keine Waffen: Das war alles dem Idol der friedlichen Spiele geopfert." So beschreibt der damalige Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber später die Lage.

Warnungen vor einem möglichen Terrorangriff gibt es, sogar innerhalb der Münchner Polizei, aber sie werden ganz oben ignoriert. "Es fehlte damals die Imagination, dass Terroristen einen so heiligen Ort wie die Olympischen Spiele missbrauchen könnten", erklärt Deininger. Vielmehr habe sich Polizeichef Schreiber Sorgen gemacht, "dass berauschte Nackerte aus dem Englischen Garten in den Olympiapark kommen könnten".

Überfall in den Morgenstunden

Doch in den frühen Morgenstunden des 5. September dringen acht Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe "Schwarzer September" in das Quartier der israelischen Olympiamannschaft in der Conollystraße ein. Sie nehmen die Sportler als Geiseln und fordern die Freilassung von 232 palästinensischen Gefangenen in Israel, der beiden deutschen RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof sowie des japanischen Linksterroristen Kozo Okamoto.

"Die heiteren Spiele sind zu Ende", stellt der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) erschüttert fest. Er hofft zu diesem Zeitpunkt aber noch, dass die Geiseln befreit werden können und die Aktion unblutig endet.

Es wird so nicht kommen: Einen Tag später sind elf israelische Sportler, fünf der acht Terroristen sowie ein Polizist tot. Das Versagen der deutschen Behörden und die vollkommen misslungene "Befreiungsaktion" der Polizei ist noch Jahrzehnte nach dem Anschlag in Diskussion.

1972 spielen sich die schrecklichen Szenen zunächst im olympischen Dorf ab. Die Geiselnehmer stellen mehrere Ultimaten, der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) verhandelt selbst mit den Terroristen, während sich unzureichend ausgestattete Polizisten in bunten Trainingsanzügen als Scharfschützen postieren – was die Palästinenser gut im TV beobachten können. Ihnen wird der Strom nicht abgestellt.

Spezialeinsatzkräfte zur Befreiung von Geiseln gibt es in den USA und in Israel, nicht aber in der Bundesrepublik. Das weiß man in Israel und bietet Hilfe an. Doch die Deutschen lehnen ab und erklären, es fehle die Rechtsgrundlage für einen solchen Einsatz.

Israel wiederum will nicht auf die Forderungen der Terroristen eingehen. "Wenn wir nachgeben, wird sich kein Israeli irgendwo auf der Welt noch seines Lebens sicher fühlen", sagt Premierministerin Golda Meir.

Im olympischen Dorf kommt man zunächst zu keiner Lösung, dann aber auf eine Idee: Den Geiselnehmern wird zum Schein angeboten, sie mitsamt den israelischen Sportlern vom bayerischen Militärflughafen Fürstenfeldbruck nach Kairo auszufliegen.

In Hubschraubern werden alle nach Fürstenfeldbruck gebracht, wo Scharfschützen warten. Doch es sind nur fünf – und somit viel zu wenige. Zudem haben sie untereinander keinen Funkkontakt, gepanzerte Polizeifahrzeuge treffen auch zu spät ein.

Das Feuergefecht überleben elf Israelis, fünf Terroristen und ein Polizist nicht. Sie sterben entweder im Kugelhagel oder in einem der Hubschrauber durch eine Handgranate der Terroristen.

Erinnerung an die NS-Zeit

Weil auch die Kommunikation zwischen den verschiedenen Einsatz- und Informationsstäben nicht klappt, verkündet der damalige Sprecher der deutschen Bundesregierung, Conny Ahlers, zunächst noch fälschlicherweise, alle Geiseln seien befreit worden.

Erst am Morgen des 7. September wird klar, dass dies nicht so ist. "Eigentlich hatte Deutschland in München zeigen wollen, dass die Nazi-Spiele von 1936 und damit auch die NS-Zeit überwunden sind. Doch dann starben 1972 wieder Juden gewaltsam auf deutschem Boden. Die Assoziation an die Zeit vor 1945 war sofort da", fasst Deininger den Schrecken zusammen.

Polizei und Behörden sahen danach keine Fehler bei sich, man betonte, dass man ein solches Ereignis nicht habe voraussehen können. Der damalige Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad, Zvi Zamir, hingegen warf den Deutschen unprofessionelles und chaotisches Handeln vor. Ihnen sei es nur darum gegangen, "die Sache zu beenden, um mit den Spielen weiterzumachen".

"The games must go on"

"The games must go on", befand auch Avery Brundage, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und ließ die Spiele nach einem Tag Unterbrechung wiederaufnehmen.

Auch mit der Aufarbeitung der Katastrophe hielt man sich in Deutschland nicht lange auf. Deininger: "Es gab nie einen Untersuchungsausschuss oder eine Kommission. Keine politische Kraft wollte aufklären."

Die drei überlebenden Geiselnehmer wurden nur wenige Wochen später gegen von Palästinensern entführte Deutsche ausgetauscht, es fand auch hier keine juristische Aufarbeitung statt.

Beschämend lange hingegen, 50 Jahre lang nämlich, dauerte es, bis sich die deutsche Regierung und die Hinterbliebenen der Opfer auf eine angemessene Entschädigung einigen konnten. Erst seit wenigen Tagen ist es fix: Der Bund, Bayern und die Stadt München zahlen 28 Millionen Euro.

"Die Einigung kann nicht alle Wunden heilen. Aber sie öffnet eine Tür aufeinander zu", heißt es in einer gemeinsamen israelisch-deutschen Erklärung. Außerdem wurde den Familien Aufarbeitung zugesagt. Damit ist auch geklärt: Am Montag, bei der offiziellen Gedenkfeier am Flugplatz in Fürstenfeldbruck, werden nicht nur die Deutschen anwesend sein. Die Familien der 1972 ermordeten israelischen Sportler wollen nun ebenfalls an dem Staatsakt teilnehmen. (Birgit Baumann, 4.9.2022)