Sechs Bildschirme stehen auf dem Tisch vor dem Stromhändler aufgereiht: Charts zeigen einen Zickzackkurs, in Excel-ähnlichen Tabellen bewegen sich Zahlen, die Preisentwicklungen und Käufe abbilden. Immer wieder rufen Stimmen aus dem Off im englischen Finanzjargon Zahlen zu. Für den Fall, dass ihm all das einmal zu viel wird, steht ein kleiner roter Boxsack in den Büroräumen eines österreichischen Energieunternehmens. Den können die Stromhändler dann gegen die Wand schmettern.

Zumindest nahe dran waren sie wohl vergangenen Freitag, als der Strompreis die 1000-Euro-Marke knackte. Ein Schock, der einiges in Bewegung setzte: in Österreich die Causa um die Wien Energie, in Brüssel die Ansage der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, den Strommarkt strukturell zu reformieren. Wenigstens auf diese Ankündigung reagierte der Markt prompt. Binnen weniger Tage sank der Preis wieder auf knapp 500 Euro.

Mit Strom zu handeln birgt wenig Wallstreet-Feeling: Die nervenaufreibendsten Deals passieren leise, im Büro.
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"Das war vergleichbar mit dem ,Whatever it takes‘-Sager des ehemaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi, als er erklärte, er würde alles Nötige tun, um den Euro zu retten", erklärt einer der Stromhändler und tut dabei, was zu seinen Hauptaufgaben zählt: sämtliche Ereignisse analysieren, die auf den Energiemarkt einwirken – wirtschaftliche Kennzahlen, politische Entscheidungen, das Wetter.

Ruhiger als früher

Um immer am Ball zu bleiben, haben er und seine Kolleginnen und Kollegen auf einem ihrer vielen Bildschirme immer auch Nachrichtenticker laufen – Reuters oder Bloomberg, je nach Geschmack. Jede Sekunde zähle.

Für zusätzliche Informationen melden sich die Stimmen aus dem Off über die Lautsprecherfunktion der Standtelefone. "Die internationalen Broker", sagt einer der Händler. Allerdings sei es im Büro sehr viel ruhiger als früher: Früher mussten sie sich ihre Käufe und Verkäufe noch zurufen – heute funktioniert das alles per Klick online.

So bewegt sich das Team auf einem Markt, den vor allem eines prägt: Strom ist nur sehr begrenzt speicherbar – eine Eigenart, mit der er sich von anderen Waren unterscheidet. Es wird vor allem mit Energie gehandelt, die noch gar nicht produziert worden ist. Außerdem schwanken sowohl Nachfrage als auch Energieerzeugung stark, selbst im Laufe eines Tages – trotzdem müssen die Unternehmen für eine gleichmäßige Zufuhr sorgen.

Nie zu wenig, nie zu viel

Die Stromhändler kümmern sich im Schichtbetrieb einmal um diese kurzfristigen Deals, einmal um langfristigere Abmachungen.

Für kurzfristige Geschäfte muss rund um die Uhr jemand die nachgefragte Menge im Blick behalten – für den Fall, dass etwa ein Kraftwerk unvorhergesehen doch mehr produziert als gedacht. Oder wenn die Nachfrage unvermutet nach oben ausschlägt – dann muss der Trader zusätzlichen Strom besorgen. Es darf niemals zu wenig, aber auch nie zu viel Strom im Netz sein. Beides wäre schlecht.

Energiebörse in Leipzig: Hier werden Termingeschäfte getätigt.
Foto: Reuters / Annegret Hilse

Das größere Handelsvolumen als kurzfristige Deals nehmen langfristige Verträge ein. Jene, die sich darum kümmern, sind zwischen neun bis fünf Uhr nachmittags im Büro.

Konkret sieht der Markt so aus: Den bisher größten Anteil machen sogenannte Over-the-Counter-(OTC-)Geschäfte aus, bei denen ein Erzeuger und ein Käufer abseits der Börse handeln und selbst die Regeln dafür festlegen. Bis vor wenigen Monaten fanden rund 50 Prozent der Geschäfte so statt, doch immer weniger Marktteilnehmer haben genügend Ressourcen, um ihren Vertragspartnern genügend Sicherheit zu bieten. In den vergangenen Monaten verlagerten sich immer mehr Geschäfte an die Börse: etwa an den Terminmarkt in Leipzig – ein graues Hochhaus, das über die Innenstadt ragt. Hier werden künftige Geschäfte (Futures) abgeschlossen, für die sogenannte Margins (Sicherheiten) zu leisten sind, wie sie die Wien Energie in die Bredouille brachten.

Diese Margins werden je nach Strompreis stets nachjustiert. Steigt er, ziehen auch die Margins mit. Nachdem ein Geschäft abgewickelt ist, erhalten die Vertragspartner diese Sicherheiten wieder zurück. Der Mechanismus soll absichern, dass Verträge wie vereinbart erfüllt werden. Eigentlich ein gutes System, sagt ein Stromhändler.

Zuerst die Erneuerbaren

Im selben Gebäude, in dem dieser Händler arbeitet, liegt, gut abgeriegelt hinter einigen Sicherheitstüren, das Herzstück des Energieunternehmens: jener Raum, von dem aus das Unternehmen Zugriff auf sämtliche Kraftwerke hat, von denen es seinen Strom bezieht. An einer großen, leicht abgerundeten Wand sind dutzende Monitore angebracht: Sie zeigen den Pegelstand der Wasserkraftwerke, den Durchfluss, das Wetterradar, die Menge an Kohlestrom, die gerade im Netz ist. Die sogenannte Merit-Order bestimmt, welche Kraftwerke wann zugeschaltet werden: das günstigste zuerst. Dadurch werden zunächst die vorhandene Solarenergie, Wind- und Wasserkraft ausgeschöpft, dann kommt die Kohle, dann das Gas. Den Preis setzt dann der Strom des teuersten Kraftwerks.

Daran arbeitet der "Dispatcher", ein Mitarbeiter, der sich um die Kapazitäten kümmert und im engen Austausch mit den Händlern Strom ins Netz speist oder reduziert. All das ist eng verwoben mit der Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen, die den Strom kaufen und verkaufen. Sie alle bereiten sich auf eine nervenaufreibende Zeit vor – und hoffen auf umsichtige Reformen. "So kann es jedenfalls nicht weitergehen", sagt ein Händler. (Alicia Prager, 3.9.2022)