Frauen sind bei der Gründung einer Familie längst nicht mehr auf einen Partner angewiesen. Der medizinische Fortschritt macht es möglich.
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Wenn sie spricht, wirkt sie aufgeregt und müde zugleich. Sie habe sich immer schon Kinder gewünscht, sagt Sophie. Die gehörten für sie "ganz selbstverständlich" zum Leben dazu. Aber wie holprig und kompliziert der Weg zu ihrem Wunschkind verlaufen würde, das hätte sie sich wohl nicht erwartet.

An einem Donnerstagnachmittag sitzt die 42-Jährige, die uns gebeten hat, für diese Geschichte einen anderen Vornamen zu verwenden, zurückgelehnt in ihrem Sessel und erzählt. "Lange Zeit hatte ich das Gefühl, ich habe keinen Stress." Nach der Matura arbeitet sie erst ein paar Jahre, mit Mitte 20 fängt sie an zu studieren. Als sie ihren Abschluss macht, da ist Sophie 30, scheint der Zeitpunkt ideal: Seit längerem hat sie einen Partner, die beiden sind glücklich. Alles scheint zu passen. Bloß: Er will keine Kinder.

Das Paar trennt sich, Sophies Kinderwunsch aber bleibt. Sie geht auf Dates, hat Spaß und kurze Beziehungen, aber ein Mann, mit dem sie sich ein Kind vorstellen kann, ist nicht dabei. Dazu kommt: "Viele Männer in ihren 30ern und 40ern haben entweder schon Kinder, oder sie wollen keine." Sophie wird zunehmend unruhig. Sie hat das Gefühl, dass es mit dem Kind nichts mehr wird, wenn sie nicht bald jemanden kennenlernt. "Mit jedem Geburtstag erhöhte sich der Druck." Vergangenen Herbst entscheidet sie: Sie wird es alleine probieren. Mit einer Samenspende.

"Single Mothers by Choice"

Für Frauen wie Sophie, die ohne Mann ein Kind bekommen und großziehen wollen, gibt es einen Begriff: "Single Mothers by Choice". Geprägt wurde er in den 1980ern von der US-Amerikanerin Jane Mattes. Mattes hat selbst einen Sohn alleine großgezogen und ermutigt andere, es ihr gleichzutun. Man kann darin etwas Emanzipatorisches sehen: Frauen sind bei der Familiengründung nicht mehr auf einen Partner angewiesen, der medizinische Fortschritt macht es möglich.

Zahlen, wie viele Frauen sich für diesen Weg entscheiden, gibt es nicht. Laut Berichten von Ärztinnen und Ärzten werden es jedoch mehr, sagt die Soziologin Christine Mundlos, die ein Buch über Solomamas geschrieben hat. Es heißt Dann mache ich es halt allein.

Sophie startet ihren ersten Versuch einer künstlichen Befruchtung im Herbst des Vorjahrs. Den Samen kauft sie im Internet. Auf den Websites der Samenbanken kann sie die Spender filtern wie Kleidungsstücke: nach Größe oder Haarfarbe. Zu jedem Spender gibt es eine kurze Beschreibung, oft auch Kinderfotos, Stimmproben oder die Namen von Prominenten, denen der Mann angeblich ähnlich sieht. Das soll dabei helfen, sich ein Bild zu machen, zu spüren, ob es passt.

Sophie entscheidet sich für einen Spender, der Ähnlichkeit mit dem britischen Schauspieler Tom Ellis haben soll: dunkle Augen, dunkler Bart, markante Nase. "Ich wollte jemanden, der mir im echten Leben auch gut gefallen würde." Als es beim ersten Versuch nicht klappt, wechselt sie das Sperma – und wählt diesmal einen blonden Mann aus. Das sei durchaus Usus. "Viele Frauen wechseln zwischen den Behandlungen. Sie glauben, dass es vielleicht einfach nicht gepasst hat. So ist es ja auch oft im echten Leben: Mit dem einen Partner funktioniert es nicht, aber mit dem nächsten wird man sofort schwanger."

Zug nach München

Um die Behandlungen durchführen zu lassen, muss Sophie in den Zug nach München steigen. In Österreich ist es Singlefrauen nämlich nicht erlaubt, sich künstlich befruchten zu lassen. Deshalb fahren sie ins europäische Ausland, in die Niederlande, nach Belgien, Dänemark oder auch nach Deutschland, wo es in manchen Bundesländern legal ist. Die Behandlung ist auch teuer. Sophie hat in ihren Kinderwunsch bisher einen Kleinwagen investiert. Pro Versuch gab sie zwischen 4.500 und 5.000 Euro aus. Eine Freundin habe rund 20.000 Euro ausgegeben, bis es endlich mit der Schwangerschaft geklappt hat.

Auf Whatsapp und Facebook tauschen sich "Single Mothers by Choice" darüber aus, welche Klinik gut ist, welche Samenbank zu empfehlen ist oder wo Hormone preiswert zu haben sind. "Für uns ist Geld natürlich noch stärker ein Thema, weil wir alle Kosten alleine tragen." Eine finanzielle Unterstützung wie für Paare gibt es für Singlefrauen nicht.
Aber nicht nur solche Dinge werden diskutiert, die Frauen unterstützen einander auch emotional. Für den Großteil sei es nicht Plan A gewesen, alleine ein Kind zu bekommen, sagt Sophie. Die meisten hätten einfach nicht den richtigen Partner gefunden. Oder sie seien zu lange mit jemandem zusammengeblieben, der keine Kinder will.

Inwieweit man also von Single Mothers "by Choice" sprechen kann, sei deshalb fraglich, meint eine Bloggerin und psychologische Beraterin, die selbst diesen Weg gegangen ist. "Bis eine Frau eine Solomutter wird, durchlaufen die meisten einen äußert schmerzhaften Prozess, der eben nicht freiwillig ist", schreibt Jennifer Sutholt. Solomama werden zu wollen bedeute auch: Zweifel, Tränen und schlaflose Nächte. Dass sie es nicht nur leicht hat, merkt man auch Sophie an. Da sind die Hormone, die auf den Körper wirken, der Stress, dem er ausgesetzt ist. Und da ist die Enttäuschung, wenn der Schwangerschaftstest wieder negativ ist. Zwei Versuche hat sie bisher hinter sich. Zwei Versuche ohne Erfolg. "Nach jedem bin ich in ein riesiges Loch gefallen."

Das Glück der anderen

Auch zu sehen, wie sich bei anderen der Kinderwunsch scheinbar unkompliziert erfüllt, macht ihr zu schaffen. Eine ihrer jüngeren Schwestern hat gerade ein Kind bekommen. Die andere ist schwanger. "Als sie mir das gesagt hat, hat mich das wie eine Wucht getroffen." In einer Therapie lernt sie, mit dem Schmerz zurechtzukommen.

Seit ein paar Wochen weiß Sophie nun auch, dass sie wegen ihres Alters wohl nicht nur eine Samenspende, sondern auch eine Eizellenspende benötigt. Die Eizellen einer anderen Frau würden dann mit Spermien künstlich befruchtet und ihr eingesetzt werden. Dann wäre das Kind genetisch nicht mehr ihres. Will sie das wirklich?

Sophie weiß es nicht. Sie will erst einmal neue Kraft tanken, Freunde treffen, Sport treiben, "mein Leben leben" und dann im Herbst eine Entscheidung treffen. "Manchmal überlege ich, ob es nicht besser wäre, wenn es das jetzt war." Andere Frauen machen weiter, teilweise viele Jahre lang. Ohne die Garantie, dass es jemals funktioniert mit dem Wunschkind. (Lisa Breit, 9.9.2022)