Im Gegensatz zu diesem Arbeiter sind die Zinsen wohl noch nicht auf der obersten Sprosse angekommen. Wer den Hausbau mit einem variablen Kredit finanziert, muss mit weiter steigenden Zinsen rechnen.

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Die Europäische Zentralbank (EZB) setzt den größten Zinsschritt seit 22 Jahren – manche werden diese Nachricht zähneknirschend zur Kenntnis genommen haben. Wer einen variabel verzinsten Kredit laufen hat oder einen Neukredit benötigt, muss wohl mit einer deutlich höheren Belastung rechnen. Denn die EZB hat den Leitzins gleich um einen Dreiviertelprozentpunkt auf nunmehr 1,25 Prozent gehievt, um gegen die Rekordinflation von 9,1 Prozent im Euroraum vorzugehen.

Zudem machte Notenbankchefin Christine Lagarde klar, dass noch weitere Anhebungen folgen werden – der Trend bei den Zinsen ist also klar aufwärtsgerichtet. Wie weit es geht, hängt von der weiteren Entwicklung der Inflation ab und wie schnell es gelingt, diese wieder nahe an den Zielwert von zwei Prozent zu drücken. Selbst den Preis einer Rezession dürfte Lagarde dabei in Kauf nehmen, zumal eine schrumpfende Wirtschaft dem Preisauftrieb zusätzlich Wind aus den Segeln nehmen sollte.

Höhere Referenzzinsen

Schon zuletzt ging es mit den Euribor-Referenzzinssätzen – das sind jene Konditionen, zu denen sich Banken untereinander Geld leihen – deutlich aufwärts. Diese werden auch als Maßstab für den variablen Teil der Kreditzinsen und deren regelmäßige Anpassungen herangezogen, etwa der Sechs-Monats-Euribor: Dieser liegt derzeit bei 1,35 Prozent, verglichen mit minus 0,54 Prozent zu Jahresbeginn – Kreditnehmende müssen mit entsprechenden Zinsanpassungen nach oben rechnen.

Ob es sich noch auszahlt, auf einen Fixzinskredit umzustellen, ist ungewiss, da auch diese bereits teurer geworden sind und die Verzinsung zunächst höher als bei Variablen ist. Raiffeisen Research rechnet damit, dass im laufenden Erhöhungszyklus der Leitzins insgesamt um zumindest 2,5 Prozentpunkte angehoben wird – dies muss also keineswegs das Ende der Fahnenstange darstellen. Wobei die Anhebungen um die ersten 1,25 Prozent bereits erfolgt sind. Zum Vergleich: Der bisher höchste Leitzinssatz der EZB lag knapp nach der Jahrtausendwende bei 4,75 Prozent, der tiefste bis Juli bei null.

Tiefe Realzinsen

Was bedeutet dies derzeit etwa für Verbraucherkredite: Laut dem Bankenrechner der Arbeiterkammer werden für fünfjährige, variabel verzinste Konsumkredite über 10.000 Euro bei ausreichender Bonität derzeit zwischen 2,99 und 7,99 Prozent als Sollzinssatz fällig. Bewahrheitet sich die Raiffeisen-Prognose, würden die Kreditraten um zumindest ungefähr 1,25 Prozent weiter ansteigen. Wegen diverser anderer Kosten liegt der effektive Jahreszinssatz für Kreditnehmende übrigens stets höher.

Stellt man diesen Sätzen jedoch die mehr als neunprozentige Inflation gegenüber, fallen die realen Kreditzinsen nach Abzug der Teuerung immer noch sehr gering aus – was für die generell günstigeren, meist besser besicherten Wohnkredite umso mehr gilt.

Warten auf Sparzinsen

Während die Banken die Zinserhöhungen der EZB stets recht zeitnah in ihren Kreditangeboten abbilden, geht dies bei den Sparzinsen vergleichsweise schleppend. Da die Notenbank am Donnerstag auch ihren Zinssatz für Bankeinlagen von null auf 0,75 Prozent erhöht hat, sollten sich auch die Zinsen für täglich fällige Spareinlagen in Richtung dieser Marke bewegen. Zwar herrscht hierzulande noch ein Überschuss an Spareinlagen, den die Banken nicht über die Kreditvergabe reinvestieren können – aber nun haben die Institute die Möglichkeit, das Geld zu 0,75 Prozent Zinsen risikolos an die Notenbank weiterzureichen. Derzeit spiegeln dies die Zinsangebote aber nicht wider, sie liegen weiterhin nahe bei null.

Für Sparbuchfans erscheint derzeit folgende Strategie aussichtsreich: vorerst noch auf eher kürzere Bindungsfristen setzen und damit die nächsten EZB-Zinserhöhungen abzuwarten. Vielleicht gehen sich dann bei längerer Bindung sogar wieder positive Realzinsen aus, wenn die Inflation 2024 wirklich wie von Raiffeisen Research erwartet Richtung drei Prozent sinkt. (Alexander Hahn, 10.9.2022)