Die hochalpinen Gletscher verlieren an Substanz – im Bild der Tsanfleurongletscher in den Berner Alpen, im Hintergrund das Oldenhorn.

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Die Bergwelt verändert sich dramatisch, der Trend geht in unseren Breiten eindeutig in Richtung Abnahme der Schnee- und Eismengen. Wie ein Leben in Gebirgsregionen wie den Alpen in einem "Low-" oder "No-snow-Szenario" gestaltet werden kann, diskutiert man bei einem großen Treffen von Gebirgsforschern aus aller Welt. Die International Mountain Conference (IMC) in Innsbruck läuft bis Donnerstag (15.9.).

Das zweite Symposium dieser Art ist laut den Veranstaltern von der Universität Innsbruck das größte seiner Art auf der Welt, erwartet wurden im Vorfeld des heute, Montag, stattfindenden ersten Programmtags rund 800 Wissenschafter. Inhaltlich spannt man einen weiten Bogen. Wenig verwunderlich ist aber, dass die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Bergregionen auf der ganzen Erde im Zentrum vieler Beiträge stehen.

Prekäre Wassersituation

Über Land waren die Temperaturzunahmen zuletzt höher als über dem Wasser, in höheren Lagen mit ihrer auf die besonderen Verhältnisse stark angepassten Flora und Fauna ändert sich entsprechend viel. Das betrifft u. a. die Wassersituation, von der letztlich in unseren Breiten nicht nur der Wintertourismus, sondern auch die Landwirtschaft, der Großteil der Energieerzeugung und die Trinkwasserversorgung abhängen.

Eine ganz zentrale Position in dem Gefüge nehmen die Gletscher ein. Wie weit man auf dem Weg ins "Low-snow-Szenario" schon ist, kann der Glaziologe Fabien Maussion vom Innsbrucker Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften nicht global einschätzen, dass man sich auf dem Pfad "mit immer weniger Schnee und Eis in Gebirgsregionen befindet", ist aber unumstritten. Heuer war es für die hurtig schrumpfenden Alpengletscher "besonders schlimm". Das lasse sich auch rund um die Tiroler Hauptstadt gut erkennen: So verlor der Ötztaler Gletscher Hintereisferner alleine 2022 fünf Prozent seiner Masse.

Künftig weitere Rekordjahre

"So eine Schmelze haben wir noch nie festgestellt." Zum Vergleich: Detailliert vermessen wird der Gletscher im hinteren Ötztal immerhin schon seit 1952. Würden sich Jahre wie heuer in der Reihe fortsetzen, wäre in zehn Jahren die Hälfte des Eises verschwunden. Natürlich seien auch wieder kühlere Jahre und mehr Niederschlag zu erwarten, aber mit weiteren Rekordjahren im negativen Sinne sei verstärkt zu rechnen. Dementsprechend werde sich der Hintereisferner voraussichtlich im Zeitraum von zehn bis 20 Jahren halbieren.

Eine deutlich andere Prognose hat keiner der Alpengletscher, aber auch in den Anden oder in Asien ist mit einer weiter zunehmenden Schmelze zu rechnen. "Auch der Schnee ist im Allgemeinen im Rückzug", so Maussion. Das hat die Wintersportindustrie längst erkannt, man passt sich mittels Beschneiungsanlagen schon seit Jahrzehnten an oder versucht, Gletschereis neuerdings etwa mit Decken zu schützen, "was auch nicht ohne Konsequenzen in puncto Verschmutzung ist".

Auf der IMC werde man sich auch mit politischen Anpassungsstrategien an diese Zukunft beschäftigen, erklärte Maussion. In unseren Breiten gehe es eher darum, wie man zum Beispiel Wasserressourcen in bestimmten alpinen Regionen halten kann. Im Himalaya wiederum ist vordringlicher, Menschen vor den potenziell verheerenden Auswirkungen starker Gletscherschmelzen zu bewahren. Auch an den aktuellen Fluten in Pakistan hat diese Entwicklung nämlich einen gewissen Anteil. Hier brauche es vor allem bessere Frühwarnsysteme oder Dämme.

Unaufhaltsamer Schwund?

Die im Durchschnitt schwindende Schneedecke brachte in den Alpen "eine Periode mit hohen Zuflüssen von Gletschern", so der Glaziologe. In Zukunft gehe dieser Anteil aber zurück. Das könnte eher punktuell zum Problem werden, weil man in den Alpen großflächig immer noch auch mit regenreicheren Sommern rechne. In anderen Regionen wie den Anden in Peru sei das ein weit größeres Problem.

Insgesamt gehe es den Experten auch um das Abschätzen der nicht trivialen Verbindung zwischen steigenden Temperaturen insgesamt und lokalen Schneefällen, die wiederum für die Massenbilanz von Gletschern zentral sind. Auch stellen sich Fragen, wie sehr das Minus an Schnee und Eis durch die Reduktion von Treibhausgasemissionen noch abgemildert werden könnte, erklärte Maussion. (APA, red, 12.9.2022)