Der voluminöse, aber weiche Klang des Tenorhorns ist Norbert Gälles (58) Spezialität. Seine Polka "Böhmischer Traum" schafft Stimmung, ohne laut sein zu müssen.

Foto: Norbert Gälle

Spätestens im "Trio" reißt es die Leute dann von den Bierbänken. Das ist der Teil im Stück, in dem die Tenorhörner ihren großen Soloauftritt haben. Man sieht 17-Jährige auf Tischen stehen, Greisinnen von royaler Reife paschen in die Hände, Geschunkel, Mitgelalle. Es ist eine Melodie, die einmal gehört sofort gefällt und mehrfach gehört nie mehr vergeht. Das Stück, von dem die Rede ist, heißt Böhmischer Traum. Und egal, ob es sich um ein Fest der Freiwilligen Feuerwehr rund um den Bodensee oder um die nächste Woche startende Wiener Wiesn handelt: Von West bis Ost und hinauf bis zum bayrischen Weißwurstäquator ist diese Blasmusikpolka ein garantierter Hit, oder "Reißer", landläufig gesprochen.

Anders als viele annehmen, ist Böhmischer Traum, wie der Name vielleicht nahelegen würde, keine historische Polka aus dem 19. Jahrhundert. Sie stammt auch nicht aus der Feder bekannter Volksmusikkomponisten. Geschrieben hat das knapp viereinhalbminütige Stück der im württembergischen Städtchen Weingarten geborene Heizungs- und Lüftungsbauer Norbert Gälle. Und zwar im Winter vor genau 25 Jahren – ein Vierteljahrhundert, in dem "der Traum" vom Geheimtipp zum Must-have einer jeder Blasmusikcombo avancierte. Zuletzt hat ihn sogar die nach dem Papst zweitbekannteste singende weiße Haube, DJ Ötzi, in einer Schlagerversion mit dem Titel Der hellste Stern gecovert.

Komponieren ohne Klavier

Was sagt Norbert Gälle heute dazu? Man erreicht ihn am Telefon seiner Frau, gut gelaunt, aber doch in Eile: Mit seiner Band Scherzachtaler Blasmusik gilt es aktuell viele Auftritte zu absolvieren – Hochsaison, eh klar. Als er das Stück vor 25 Jahren schrieb, hätte er nie gedacht, "dass das ein Hit werden könnte", sagt er. Er sei ohne jede Absicht an die Sache herangegangen, akademische Ausbildung hat Gälle weder als Musiker noch als Komponist genossen, er habe nur alles das angewendet, was ihm andere Amateure beigebracht hätten.

Geschrieben hat er "den Traum" handschriftlich, also noch nicht am Computer. Da er nicht Klavier spielen kann, hat er die Polka mit der eigenen Gesangsstimme und mithilfe des Tenorhorns, seines Leib- und Lebensinstruments, komponiert. Es war sein erst drittes Stück überhaupt, "und als ich es auf die Musikprobe mitgebracht habe, hat keiner gesagt: ‚Hey, das ist super.‘ Erst als wir im Studio Aufnahmen gemacht haben, hat ein Tonmeister gefragt: ‚Wer hat das g’schrieben?‘ ‚Ich war’s.‘ ‚Ich glaub, das wird was‘, hat er gesagt."

Schlesierherz

Gälle war damals Anfang dreißig, heute ist er 58. Zur Blasmusik musste man ihn anfangs zwingen: "Eigentlich wollten mein Bruder und ich lieber zum Fußballspiel. Aber der Vater hat gesagt: ‚Ne, ne, ihr gehts zur Musik.‘" "Infiziert", wie Gälle sagt, wurde er erst, als der Vater einmal eine Kassette im Auto gehört hat, die ihm gefiel: ",Was ist das?‘, hab ich gefragt." Es war Ernst Mosch, Sudetendeutscher, in den Siebzigerjahren prägender Vertreter der böhmisch-mährischen Blasmusik. "Ich wurde damals ausgelacht, als ich mich als Mosch-Fan geoutet habe. Das war mir aber wurscht. Denn: Wenn du einen Partner hast, den du liebst, und jeder sagt dir, der ist hässlich, dann liebst du ihn nur umso mehr, oder?"

Mit dem Mauerfall seien dann "die Tschechen zu uns herübergekommen. Das war jung und frisch, schnell und hoch. Bis dahin war unsere Blasmusik eingestaubt, erstarrt, daher war der Einfluss wichtig. Mich hat aber gestört, dass niemand honoriert, wie schwer das zu spielen ist. Und dann hat einer gesagt: ‚Schreib doch selber was!‘"

Wie denkt Gälle darüber, dass für österreichische Ohren ein Titel wie Böhmischer Traum und generell die Blasmusikliteratur oft nach Monarchieverklärung, nach "guter alter Zeit" klingen? "Ich glaube, die Musik ist da unschuldig. Sie bringt weltweit Leute zusammen. Wenn ich Rossini höre, ist das für mich Seelenbalsam. Musik hilft der Welt."

Er selbst habe sich beim Schreiben des Titels jedenfalls nichts gedacht, auch keine großen Inspirationen gehabt. "Es ist nur so, wenn ich aufstehe, habe ich schon Musik im Kopf – gerade dann, wenn ich mit dem Motorrad fahre. Unterm Helm bin ich allein, da redet mir niemand drein."

ICH FIND SCHLAGER TOLL

Verlegt wird der Böhmische Traum vom Musikverlag Rundel, aber klar gab es immer viele Raubkopien. Früher habe er sich da manchmal geärgert, aber heute, da auf Youtube tausende Videos zu finden sind, habe er sowieso keinen Überblick mehr. "Viele Coverversionen gefallen mir, sogar die Technosachen", und auch die DJ-Ötzi-Version sei wunderbar. Überhaupt freut sich Gälle, dass der Schlager hier einmal etwas aus der Blasmusik aufgreift, denn meistens laufe es umgekehrt.

Es muss weich klingen

Kann Gälle von seinem Hit leben? "Wenn man sehr sparsam ist, ja." Aber er habe trotzdem nie aufgehört, als Heizungsbauer zu arbeiten, seit 2007 ist er selbstständig. Seine Polka zeichne vielleicht aus, dass von Anfang bis zum Schluss in allen Teilen "etwas Unverkennbares drin ist". Im eingangs genannten Trio sei es "das leicht Wehmütige, das aber trotzdem dazu animiert, mitzumachen".

Wichtig sei, sagt Gälle, dass böhmische Blasmusik "weich klingt", das Tenorhorn sei mit seinem sanften, aber voluminösen Klang das perfekte Instrument dafür. Wollte er sich also nur ein Lied für sich selbst schreiben? "Vielleicht. Ich habe schon geschaut, dass ich selbst darin genug zu tun bekomme."

Und hat er je versucht, seinen Erfolg zu wiederholen? "Ich hab’s versucht, ja, mich unter Druck gesetzt. Aber wenn du das machst als Komponist, dann geht’s in die Hose, dann geht gar nichts mehr." Ein paar Jahre habe er das gemacht, heute aber sei er "nur noch frei", schreibe neue Sachen ohne Druck. "Der richtige Hit muss in der richtigen Zeit passieren", sagt Gälle noch. "Die Beatles? Elvis? Würde heute vielleicht niemand hören wollen." Dann muss er auch schon los, zur nächsten Spielerei, zum nächsten Traum. (Stefan Weiss, 13.9.2022)