Teil der Ausstellung von Jennifer Tee sind getanzte Performances.

Teil der Ausstellung von Jennifer Tee sind getanzte Performances.

Foto: Ernst van Deursen

Wien – Blütenblätter, Bodenobjekte, Performances: Im Hauptraum der Wiener Secession ist derzeit die Ausstellung Still Shifting, Mother Fields der niederländischen Künstlerin Jennifer Tee zu sehen. In ihren Arbeiten, von denen sie einige extra für die Präsentation in Wien angefertigt hat, untersucht Tee Fragen nach Verortung, Spiritualität und Transzendenz. Zusätzlich zu den Werkstücken werden diese Themen auch in Performances, die jeden Sonntag während der Ausstellungszeit stattfinden, verhandelt.

Ausgangspunkt und rahmendes Element der Schau ist die Werkserie Tampan Tulips. Seit 2016 entwickelt die Künstlerin die Collagen aus gepressten Tulpenblütenblättern und präsentiert sie nun zum ersten Mal in einer umfangreichen Zusammenstellung. Die Motive dieser Collagen basieren auf sogenannten Tampan-Webereien: Die zeremoniellen Textilien waren jahrhundertelang Teil von Tauschriten, die auf einer der wichtigsten Handelsrouten im Süden der indonesischen Insel Sumatra stattgefunden haben. Jennifer Tee schafft hier eine Verbindung zu ihren Wurzeln: Ihre chinesisch-indonesischen Vorfahren migrierten in den 1950er-Jahren in die Niederlande, ihr Großvater mütterlicherseits arbeitete als Exporteur von Blumenzwiebeln.

Seele in der Schwebe

Elemente der Webung finden sich auch in den Shrouds wieder. Netze aus Ananasresten und recyceltem Büffelleder breiten sich auf niedrigen Podesten aus und zeichnen wie Leichentücher schemenhafte Umrisse des menschlichen Körpers. Es ist die "Seele in der Schwebe", der Übergang in eine andere Welt, den Jennifer Tee in ihrer Ausstellung immer wieder aufgreift. Diese Bodenobjekte werden jeden Sonntag um elf Uhr Teil von Performances. Zusammen mit der Choreografin Miri Lee (Collectief Imprography) hat Tee ein Konzept entwickelt, das mit fünf Tänzerinnen und Tänzern die Textilskulpturen zum Leben erweckt. Verhandelt wird in diesen Performances der entschwindende Zustand des Einschlafens.

Beispielhaft für den spirituellen Aspekt, der sich durch Tees gesamte Ausstellung zieht, ist die Installation Tao Magic. Kuppeln aus Keramik evozieren die Form eines Sternbildes, die Glasuren in matten Erdtönen deuten wiederum auf Monde hin. In der Installation bezieht Tee sich auf den Taoismus, eine chinesische Philosophie, in deren Lehre sich das Universum ständig neu erschafft. Die Abstraktion, derer sich die Künstlerin hier bedient, kann wiederum als Verweis auf Tendenzen des westlichen Kunstverständnisses gelesen werden. Immerhin versuchte man hier immer wieder, Spiritualität durch abstrahierende Elemente zu erfassen.

Neues Konzept

Jennifer Tee denkt mit der Präsentation ihrer Werke das Konzept des Ausstellungsraums neu. Ihre Arbeiten scheinen zart und fragil, sie sind leicht und beweglich. Einige textile Bodenarbeiten erwecken gar den Eindruck, als wären sie gerade erst so hingeworfen worden. Die Tänzerinnen und Tänzer wirken unter den Netzen leblos, wie Schaufensterpuppen, bevor sie mit ihrer Performance zum Leben erwachen. Der Künstlerin gelingt eine lebendige und dynamische Schau, wie sie sonst selten in großen Ausstellungen zu sehen ist. (Caroline Schluge, 17.9.2022)