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PRO: Fairer Anteil am Wohlstand

von Gerald John

Manches, was die Gewerkschaft derzeit verbreitet, ist überzogen. Mit der "Preise runter!"-Kampagne tut der ÖGB so, als ob die Regierung nicht bereits zig Milliarden zur Linderung der Teuerung lockergemacht hätte. Doch in ihrem Kerngeschäft liegen die Arbeitnehmervertreter goldrichtig: Nach den anstehenden Lohnverhandlungen muss es, wie es so schön heißt, in den Brieftaschen rascheln.

Dabei geht es nicht nur darum, den Lebensstandard der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einer Inflationsabgeltung notdürftig zu sichern. Die Gerechtigkeit gebietet auch, dass am Ende ein kräftiges Reallohnplus herausschaut. Die Industrie blickt auf profitable Zeiten zurück. Die sprudelnden Gewinne dürfen nicht allein bei den Aktionären landen. Ein großes Stück steht der breiten Masse der Werktätigen zu.

Aber die wirtschaftlichen Aussichten seien doch so düster, hält die Arbeitgeberseite entgegen – ein Argument, das sich nach Belieben drehen und wenden lässt: Je nachdem, wie es gerade passt, wird die Vergangenheit oder die Zukunft als Maßstab herangezogen. Die Gewerkschafter tun gut daran, dass sie sich auf dieses Spiel nicht einlassen – sonst würden sie sich regelmäßig um den Lohn der guten Jahre bringen lassen.

Und selbst wenn Österreich, was leider zu befürchten ist, in eine Rezession schlittern sollte: Die Kaufkraft der Masse zu stärken ist die beste Vorsorge gegen eine Wirtschaftsflaute.

Nicht einreden lassen sollten sich die Arbeitnehmer, dass sie mit übermäßigen Forderungen selbst schuld an einer weiter steigenden Inflation sein könnten. Gerade im Fall der für die Kollektivvertragsverhandlungen wegweisenden Metallindustrie entbehrt der Verweis auf die "Lohn-Preis-Spirale" der Logik: Diese Sparte produziert fast nur für den Export – und ist im Übrigen so gut aufgestellt, dass ein angemessenes Lohnplus nicht gleich die Wettbewerbsfähigkeit erodieren ließe.

Für alle Branchen gilt: Der Lohn ist nur ein Teil der Kosten eines Produkts. Gestiegen sind die Preise wegen Lieferkettenproblemen, hohen Energiepreisen und gezielter Treiberei mancher Unternehmer. Wer die Inflation bekämpfen will, muss bei diesen Faktoren ansetzen – nicht bei den Löhnen.

Aber sind bei den Lohnrunden nicht auch die Staatshilfen einzupreisen? Ja, die Einmalzahlungen dämpfen viel Leid. Aber das gilt für das laufende Jahr, bei den Löhnen geht es um die Zukunft. Außerdem müsste dieses Prinzip dann auch bei den Arbeitgebern greifen – was im Fall der überbordenden Corona-Hilfen für Unternehmen natürlich nicht passiert ist. (Gerald John, 19.9.2022)

KONTRA: Im Sinne der Arbeitnehmer

von Eric Frey

Es ist verständlich, dass die Metallergewerkschaft die Teuerung des letzten Jahres in der nächsten Lohnerhöhung vollständig abgegolten haben will. Es ist auch nachvollziehbar, dass sie an den guten Gewinnen und den Produktivitätssteigerungen mitschneiden will. Die Verbindung der beiden Ansprüche, die nun in einer Lohnforderung von 10,6 Prozent mündet, ist allerdings problematisch.

Wenn Österreicherinnen und Österreicher wegen der explodierenden Energiepreise mehr an Wladimir Putin und Co zahlen müssen, dann führt das zu Wohlstandsverlusten, die die heimische Industrie nicht ausgleichen kann, ohne sich selbst und der Wirtschaft zu schaden. Das heißt, auch bei einer guten Produktivitätsentwicklung dürfte das Lohnplus nicht deutlich über der Inflationsabgeltung liegen.

Da die Metallindustrie zumeist für den Export produziert, würde ein sehr hoher Abschluss zwar nicht die Inflation durch eine Lohn-Preis-Spirale anheizen, aber durch höhere Produktionskosten sehr wohl die internationale Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Die deutsche Metallgewerkschaft fordert schließlich nur rund acht Prozent.

Das Prinzip der rollierenden Inflation bedeutet, dass die zuletzt stark gestiegene Teuerung in dieser Lohnrunde womöglich nicht ganz abgegolten wird, im kommenden Jahr aber eine Überkompensation stattfinden würde. Auch die zahlreichen staatlichen Förderungen dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Sie dämpfen zwar zumeist nicht die Inflation, sehr wohl aber den Kaufkraftverlust der Werktätigen.

Die Metallerrunde wirkt in Österreich als Signal für andere Branchen, die höhere Kosten in Form höherer Preise an inländische Verbraucher weiterzugeben. Ein Metallerabschluss in Richtung zehn Prozent wäre daher indirekt ein Inflationstreiber. Wo Preiserhöhungen nicht möglich sind, werden Unternehmen gefährdet, die ohnehin unter den Gas- und Strompreisen leiden, und damit auch Arbeitsplätze. Ob eine höhere Kaufkraft reichen würde, diesen Effekt auszugleichen, ist ungewiss. Das Schreckgespenst Stagflation – die Kombination von hoher Inflation und Rezession – könnte Realität werden.

Ein Blick auf die 1970er-Jahre – die letzte Phase hoher Inflation in Westeuropa – zeigt, dass massive Streikdrohungen in Staaten wie Italien die Löhne damals kräftig hinauftrieben. In Deutschland und Österreich setzten die Gewerkschaften hingegen auf eine gemäßigte Lohnpolitik. Dieser Kurs hat sich für die Wirtschaft ausgezahlt – auch für die Arbeitnehmer. (Eric Frey, 19.9.2022)