So genau kann man gar nicht sagen, wann die Sache mit den Stammbäumen der Pferde begonnen hat. Von archäologischen Funden und steinzeitlichen Höhlenzeichnungen wissen wir: Schon unsere altvordersten Urahnen lebten mit Pferden. Nach derzeitigem Wissensstand geschah das bereits zwischen 6.000 und 3.000 vor Christus. Der Mensch hat das wildlebende Pferd, eigentlich Sinnbild von Freiheit, derer beraubt und hat es sich untertan gemacht – für vielfältige Zwecke: schnellere Fortbewegung, das Ziehen schwerer Lasten, aber auch Kriege. Für all das mussten die Tiere besondere Eigenschaften aufweisen – sei es Kraft, Energie oder Ausdauer, Schnelligkeit, aber auch imposanten Körperbau, Trittfestigkeit, Mut und die eigentlich widernatürliche Fähigkeit, vor Gefahren nicht davon-, sondern auf sie zuzulaufen.

Pferde, Glück dieser Erde – und viel wert.
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Im modernen Reitsport kommen noch weitere Eigenschaften hinzu, die sorgsam gezüchtet werden – Leichtfüßigkeit etwa, schnelle Auffassungsgabe, ein starker Schritt und Eleganz in der Bewegung. Vor allem im Profibereich, wo Spitzenpferde schon mal für ein paar Milliönchen den Besitzer wechseln, zählt der Stammbaum, das Pedigree, zu den wichtigen Kriterien, die diese tierischen Hochleistungssportler ausmachen.

Nicht nur die Preisgelder für gewonnene Turniere sind hoch, es geht auch um Werbewert, Verkaufspreis und – nicht zu vergessen – das Ejakulat berühmter Hengste.

Deren Samen werden, tiefgefroren in Stickstoff, quer über den Globus verschifft, um mittels künstlicher Befruchtung die "Linie" weiterzutragen. So können sich etwa in Reitställen rund um die Welt gut betuchte Pferdebesitzer rühmen, Nachkommen des berühmten, lackschwarzen "Wunderhengstes" Totilas zu besitzen. Das einst teuerste Pferd der Welt, das der deutsche Spitzenpferdezüchter Paul Schockemöhle um zehn Millionen Euro von einem niederländischen Züchter kaufte, starb vor rund zwei Jahren. Dennoch sind noch rund 240 Samenhalme im Besitz des Niederländers – mit einem geschätzten Gesamtwert von 18 Millionen Euro. Tausende Stuten könnten damit gedeckt werden. Schockemöhle und der Niederländer streiten vor Gericht so erbittert um diese Hinterlassenschaft Totilas’, dass dies jüngst sogar dem Spiegel eine große Geschichte wert war.

Die halbe Miete

Aber auch das Backen kleinerer Brötchen kann sich lohnen. So hat der Besitzer eines sehr jungen deutschen Hengstes, dessen Vater ein Olympiasieger, die Mutter eine Weltmeisterin in der Dressur, im Vorjahr Samenspenden im Wert von 800 Euro pro Stück verkauft, damit wurden nicht weniger als 400 Stuten gedeckt. Eines der Fohlen wurde kürzlich burgenländischer Landeschampion, seines schönen Schritts und seines eleganten Aussehens wegen. Das Fohlen kann noch nicht viel, aber es wirkt vielversprechend – das steigert auch den Wert des Vaterhengstes.

Trotzdem: Erfolg ist nicht garantiert. Manchmal kommt ein Ackergaul daher und rennt die vierbeinigen Zelebritäten in Grund und Boden.

Ein guter Stammbaum ist nur die halbe Miete. Wenn der Gaul nicht will und der Reiter nicht kann – Pech gehabt. Den tollen Stammbaum kann man sich dann höchstens an die Stalltür nageln. Man muss sich mit den edlen Tieren schon befassen, sie verstehen, sie selbst trainieren oder gut trainieren lassen, wenn man ein tolles Reiterlebnis oder sportliche Erfolge in Turnieren erzielen will.

Für manche ist das sekundär. Da zählt die Optik (das "Exterieur") vor dem Interieur, dem Wesen und den Verhaltensweisen des Tiers. Da gibt’s dann zwar edle Satteldecken, schickes Zaumzeug und teure Sättel – aber oft nicht genügend Zeit, Willen und Geduld, sich auf das Tier einzulassen. Ein optimales Spielfeld für Pedigree-Prahlerei. Wie es den Pferden dabei wohl geht? Das ist eine andere Geschichte. (RONDO, Petra Stuiber, 20.9.2022)