"Die Frage ist nicht, ob, sondern wann der Blackout kommt", sagte Verteidigungsministerin Tanner unlängst im STANDARD-Interview.

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Saftige Wiesen, ein üppig begrünter Baum und die Abendsonne, die wohlwollend ihre Strahlen auf die fruchtbare Natur wirft. Dem gegenüber ein Endzeitszenario: eine ergraute Stadt, menschenleer, ohne Strom und vielleicht kurz vor der nuklearen Katastrophe. Auf der Website von innova-sicherheitstechnik.com, einem von vielen Vertreibern von Produkten für die Selbst- und Krisenvorsorge in Österreich, scrollt man über eine dystopische Szenerie.

Nicht nur das Aufmacherbild, auch ein auffällig platziertes Zitat lässt schnell erkennen, wohin die Reise geht: "Es gibt nur einen Schock, der härter ist als der völlig unerwartete – der erwartete, für den ich mich weigerte, Vorbereitungen zu treffen." In einem Informationsvideo direkt darunter wird die Geschichte von Tim und Tom erzählt. Der eine sorgt vor, der andere nicht. Wer von den beiden im Ernstfall den Kürzeren gezogen hat, erklärt sich wohl von selbst. Die Botschaft: Erkennt die Zeichen der Zeit, bereitet euch vor. Wir haben die passenden Produkte.

Bereit für den Untergang

Lange galten Menschen, die sich auf Krisenszenarien vorbereiten, automatisch als Prepper. Als solche wurden sie als verblendete Aluhutträger am rechten Rand belächelt. Menschen, die sich in Foren und Telegram-Gruppen zusammenrotten und rechtsextreme Ideologien und Verschwörungstheorien verbreiten. Doch seit geraumer Zeit hat man den Eindruck, die Verunsicherung unserer Zeit hat breite Gesellschaftsschichten durchdrungen. Die Nachbarin, die Konserven lagert, die eigene Mutter, die Bargeld im Kleiderschrank versteckt, oder der Schwager, der im Keller Krisennahrung hortet: Immer mehr Menschen bereiten sich vor.

Und auch der Staat scheint bemüht, ein gesellschaftliches Bewusstsein für Krisenvorsorge zu schaffen: "Die Frage ist nicht, ob, sondern wann der Blackout kommt", sagte Verteidigungsministerin Claudia Tanner (ÖVP) kürzlich in einem Interview. Bis 2025 soll das Bundesheer 100 seiner Kasernen autark machen, Bürgerinnen und Bürger will man verstärkt auf ein mögliches Blackout vorbereiten. Das Beratungsangebot auf der Website des Bundesheers ist groß, die empfohlenen Produktlisten für den Ernstfall lang. Prepping scheint nicht mehr absurd.

Prepping ist gerade dabei, eine Art Trend zu werden. Das hat auch die Prepping-Industrie erkannt.
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Geschäftszweig Prepping

Auch die Prepping-Industrie hat ein gesteigertes Interesse der Bevölkerung an Krisenvorbereitung erkannt und schon vor geraumer Zeit darin einen Markt entdeckt. Das Angebot an Survival-Trainings und Prepping-Produkten im Internet ist enorm – rund eine halbe Million Treffer erzielt man bei entsprechender Suche. Zu den größeren Websites im deutschsprachigen Raum zählen innova-sicherheitstechnik.com, krisenvorsorge.at, survival-shops.at sowie der deutsche Kopp-Verlag. Mehrere hundert Produkte werden auf ihren Websites angeboten: Krisennahrung, Trinkwasseraufbereitungssysteme, Gaskocher, Gemüsesaatgut, Atem- und Zivilschutzfilter oder Stromgeneratoren. Einige Websites haben auch Waffen wie Messer oder Armbrüste im Sortiment. Genaue Branchenzahlen darüber, wie viele Websites in Österreich Prepping-Produkte vertreiben, liegen der Wirtschaftskammer nicht vor.

Die deutsche Publizistin und Journalistin Gabriela Keller hat 2021 das Buch "Bereit für den Untergang: Prepper" geschrieben. Auch sie nimmt Prepping zunehmend als eine Art Trend wahr: "Die Pandemie und der Ukraine-Krieg haben das Bewusstsein der Menschen für Prepping und Krisenvorbereitung sicher verstärkt. Es ist gewissermaßen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nun bereiten sich auch Leute vor, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben." Dass damit gleichzeitig die Nachfrage nach Prepping-Produkten gestiegen ist, kann sie bestätigen: "Während meiner Recherchen zu meinem Buch haben alle gesagt, dass sich die Nachfrage vervielfacht hat."

Krisengewinner Prepping-Industrie

In der Tat schein das Geschäft gut zu laufen. Versucht man mit krisenvorsorge.at telefonisch Kontakt aufzunehmen, läuft ein Tonband: "Aufgrund der deutlich höheren Nachfrage der letzten Wochen kommt es leider bei mehreren unserer Lieferanten zu deutlichen Lieferverzögerungen." Betrieben wird die Website von der oberösterreichischen Jungwirth & Winzer GmbH. Zwischen 2018 und 2020 hat diese ihre Bilanzsumme im Firmenbuch fast vervierfacht. Mehr als verdreifacht hat sich auch die Bilanzsumme der Innova Sicherheitstechnik GmbH mit Sitz in Tirol im Zeitraum 2019 bis 2021.

Zu einem Gespräch mit DER STANDARD darüber, wie das Geschäft seit Pandemie und Krieg läuft, waren allerdings weder Innova noch Jungwirth & Winzer bereit. Geschäftsführer Alexander Jungwirth antwortete auf eine entsprechende Interviewanfrage von DER STANDARD mit einer E-Mail: Der Grund für die mangelnde Gesprächsbereitschaft sei, dass man seiner Firma von verschiedenen Seiten vorwerfe, ein Geschäft mit der Angst der Bevölkerung zu machen. Dadurch komme es immer wieder zu sehr unfreundlichen Zusendungen. Sein Ziel sei aber nicht, die breite Bevölkerung anzusprechen und von der Sinnhaftigkeit persönlicher Bevorratung zu überzeugen. Man wolle nur Personen bedienen, die diese bereits erkannt hätten.

Ein Klick zwischen Krise und Lösung

Doch was ist dran an dem Vorwurf, Geld mit der Angst der Leute zu verdienen? Ein Akteur, der auf seiner Website gleichzeitig Krise verkündet und Lösung dafür anbietet, ist der deutsche Kopp-Verlag. Er vertreibt als Medienverlag und Versandhandel Bücher, nach eigenen Angaben aus den Bereichen Medizin, Politik und Lebenskunst. Darunter finden sich auch rechtsesoterische, pseudowissenschaftliche, verschwörungstheoretische sowie rechtspopulistische Werke. Der Verkauf von Büchern ist jedoch nicht mehr sein einziges wirtschaftliches Standbein: Der Kopp-Verlag ist einer der größten Player im Vertrieb von Survival-Produkten im deutschsprachigen Raum.

Angeboten werden auf der Website neben Lebensratgebern und "Enthüllungsbüchern" hunderte Produkte zur Selbstversorgung, etwa Wasseraufbereitungsanlagen, Krisennahrung und Stromgeneratoren. Dass Krise und Lösung nur einen Klick voneinander entfernt liegen, könnten die einen für praktisch halten. Die anderen vielleicht für problematisch. Auf eine Interviewanfrage von DER STANDARD hat der Kopp-Verlag nicht reagiert. Zahlen darüber, wie gut das Geschäft tatsächlich läuft, liegen uns nicht vor. Dass der Kopp-Verlag aber gerade dabei ist, seinen Verlagsstandort in Rottenburg am Neckar baulich zu erweitern, spricht vielleicht für sich.

Überleben in der Natur? Ein Endzeitszenario, in dem man plötzlich in den Wald fliehen müsse, sei unrealistisch, sagt Überlebenstrainer Reini Rossmann. Der mitteleuropäische Wald sei eine nahrungsmäßig tote Zone, eine Krise könne man dort langfristig nicht aussitzen.
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Geschäftszweig Survival-Trainings

Dem Vertrieb von Prepping-Produkten haben sich seit geraumer Zeit auch andere Akteure verschrieben. Viele Survival-Trainer betreiben mittlerweile Shops, in denen sie etwa Produkte verkaufen, die sie zuvor in ihren Youtube-Channels vorgestellt haben. Einer von ihnen ist Reini Rossmann. Er ist Betreiber der Website ueberlebenskunst.at, gibt selbst seit zehn Jahren Survival-Kurse und ist Youtuber. Auf seinen Channels "Reini Rossmann" und "Survival Shop Überlebenskunst.at" erreicht er rund 135.000 Abonnentinnen und Abonnenten.

Rossmann vertreibt auf seiner Website neben Krisennahrung oder Outdoor-Kleidung auch von ihm selbst designte Armbrüste und sein sogenanntes "Youtube-Messer". Vom Begriff "Prepper" grenzt sich Rossmann klar ab: "Ich bin kein Prepper, ich betreibe Krisenvorbereitung für mich und meine Familie im Sinne des Zivilschutzverbands." Rund um den Begriff gebe es viel verbrannte Erde, er habe einen politischen Touch. "Ich möchte mich davon und auch vom Kopp-Verlag, der Angst macht und sich dadurch einen eigenen Markt aufbaut, deutlich abgrenzen."

Rossmann gehe es vielmehr darum, das Thema Krisenvorsorge wieder mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken. Man habe es in der Vergangenheit auf die leichte Schulter genommen. "Bei vielen Leuten besteht jetzt eine gewisse Angst und Panik. Das ist nie ein guter Ratgeber."

Die Nachfrage sei seit der Pandemie deutlich gestiegen – sowohl im Shop als auch bei den angebotenen Überlebenstrainings. Survival-Days oder gar ein ganzes Wochenende in der Natur kann man auf seiner Website buchen. Für sich selbst oder als Geschenk für Freunde. Der nächste Termin im Oktober ist bereits ausgebucht. "Leider hat es ein Ereignis wie die Pandemie und den Krieg gebraucht, damit Krisenvorsorge wieder ein Thema ist, ohne dass man uns für Spinner hält. Prepping muss ja nicht der einzige Lebensinhalt sein. Aber mit ein bisschen Hausverstand kann man Krisenvorbereitung einfach mitdenken."

Kein Feind des eigenen Geschäfts

Mit Wasser, Leuchtmitteln, Schlafsäcken und Nahrungsmitteln für drei bis vier Wochen sei er zu Hause bevorratet. Ja, auch Fertig- oder Krisennahrung aus Prepping-Shops finde sich darunter. Billiger und einfacher sei es aber, sich einen Vorrat an Nudeln, Reis und Konserven aus dem Supermarkt zuzulegen, sagt Rossmann. Vieles, das man im Internet kaufen kann, sei nicht notwendiger Luxus. Ein Nahrungspackage für zwölf Monate kostet auf vielen Prepping-Websites mehrere tausend Euro. Das könne man sich sparen. Fragt man Rossmann nach dem Verkaufsschlager in seinem Onlineshop, gibt er aber zu: "Tatsächlich ist Krisennahrung das meistverkaufte Produkt. Der Feind meines eigenen Geschäftes bin ich nun auch nicht. Aber ich sage in meinen Youtube-Videos immer dazu, dass es Nudeln oder Reis auch tun."

Zivilschutz als Aufgabe

"Rudi Rogge" oder "Conny Körndl", diese klingend österreichischen Namen haben lang haltbare Brote auf der Website des Oberösterreichischen Zivilschutzverbands. Unter zivilschutz-shop.at kann man Krisennahrung, Notstromaggregate, Wasserfilter oder Fertignahrung kaufen. Das bestverkaufte Produkte sei ein Notfallradio, also ein Kurbelradio mit LED-Leuchte, sagt Josef Lindner, Landesgeschäftsführer des Oberösterreichischen Zivilschutzverbands. Das sei auch ein beliebtes Geschenk: "Wir haben erst kürzlich eine Firma beliefert, die das den Mitarbeitern heuer zu Weihnachten schenkt."

Der Österreichische Zivilschutzverband ist der Dachverband der Zivilschutzverbände in den Bundesländern und ist als Verein organisiert. Er erteilt Empfehlungen zum Verhalten im Katastrophenfall, veröffentlicht Informationsbroschüren und bietet persönliche Beratungen an. Er übernimmt die Wahrnehmung der in der Verfassung verankerten Aufgabe der zivilen Landesverteidigung. Finanziert wird dieser damit teils vom Land, teils vom Bund.

500-mal mehr Bestellungen

Seit 2018 betreibt der oberösterreichische Zivilschutzverband einen Shop. "Menschen, die in unsere Beratungen kommen, haben uns immer öfter gefragt, wo sie die Produkte, von denen wir sprechen, bekommen. Jedes Mal einen Amazon-Link zu verschicken war uns irgendwann zu peinlich", sagt Lindner. Man habe schlicht auf den Bedarf reagiert. Seit der Pandemie seien die Verkaufszahlen im Shop deutlich gestiegen. "Nach fast jedem Lockdown oder jeder Pressekonferenz steigt der Absatz. Auch Ereignisse wie der Ukraine-Krieg beeinflussen das stark. Wir haben nach Kriegsausbruch täglich 500-mal mehr Bestellungen gehabt." Betrieben wird der Shop als GmbH und als eine 100-Prozentige Tochter des Zivilschutzverbands Oberösterreich.

Lindner betont aber schnell: Der Gewinn fließe in Zivilschutzmaßnahmen für ganz Österreich. Um Gewinn gehe es gar nicht, von Geschäftemacherei mit der Angst der Leute könne man nicht sprechen: "Uns unterscheidet von vielen Shops, dass wir nur Dinge verkaufen, die sinnvoll und sehr preiswert sind. Das Sortiment beschränkt sich auf rund 50 Produkte. Gewisse Produkte, wie etwa einen Jahresvorrat an Krisennahrung, bieten wir bewusst nicht an" – ein Szenario, in dem man Lebensmittelbevorratung für die Dauer eines Jahres brauche, sei nämlich komplett unrealistisch. "Damit lässt sich natürlich gutes Geld machen: zuerst Angst schüren und dann einen hohen Preis verlangen. Das machen wir nicht. Bei uns kann man sich mit 200 Euro bevorraten."

Ein Zwölfmonatspaket auf der Website von Innova Sicherheitstechnik kostet 3.999 Euro. Es beinhaltet Dosengerichte, Wasserfilter und sogenannte "NRG-5"-Notverpflegungsriegel mit einem hohen Energie- und Nährstoffgehalt (Symbolbild).
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Auf der richtigen Website abbiegen

Außerdem, so Lindner – und das ist wohl das schlagendste Argument in der Debatte –, versuche man einen seriösen Markt zu schaffen, um Menschen eine Alternative zu "rechten Schwurbler-Websites" zu bieten. Ziel des Zivilschutzverbands sei professionelle Aufklärung ohne Angstmache. Denn auf vielen Websites hinterlässt man einen digitalen Fußabdruck, häufig ist man nach der Bestellung als Kunde registriert und erhält unter Umständen Prospekte von einschlägiger Literatur oder Einladungen zu Veranstaltungen. Ein Klick kann Eintrittskarte in ein Paralleluniversum sein.

Und darin liege auch das Risiko dieser neuen gesellschaftlichen Akzeptanz von Prepping, sagt Gabriela Keller: Für gewisse rechtsextreme und verschwörungstheoretische Gruppen sei das ein Anknüpfungspunkt, sie würden das als Recruitingmöglichkeit sehen. "Vorsorgen hat auch immer was mit einem Infragestellen der Funktionsfähigkeit des Staates zu tun, es unterstellt unseren politischen Systemen eine Fehlerhaftigkeit. Das verunsichert. Und Menschen, die unsicher sind, sind leicht köderbar." Dass es verantwortungsvoll und vernünftig sein kann, Vorräte anzulegen, möchte Keller aber trotzdem betonen. Dies sei auch Teil einer zivilgesellschaftlichen Gesamtverantwortung. "Manchmal führt das aber direkt in den Kaninchenbau hinein. Und der ist tief."

Down the rabbit hole

Dass sich Leute dort hinein verirren, möchte der Zivilschutzverband verhindern. "Unser Ziel ist eine professionelle Aufklärung ohne Angstmache." Die Bevölkerung müsse ihre Eigenverantwortung wieder stärker ernst nehmen, alles, was ins Extreme gehe, sei mit großer Vorsicht zu genießen, sagt Lindner. Man wolle der Bevölkerung zeigen, wie man im Krisenfall klar und besonnen handle. Das Bewusstsein für Gefahren sei zwar gestiegen, an der Information, wie man richtig vorsorgt, scheitere es aber noch. "Gar nicht vorbereiten ist schlecht. Falsch vorbereiten und dabei Angst schüren ist aber ganz schlecht." (Viktoria Kirner, 28.9.2022)