Alexandra Wilson-Jones ist entrüstet. Ihre über hundert Topfpflanzen hinter dem Haus müssen weg. Also fast alle, bis auf vier oder fünf. Die Hinterhöfe, sagt ihr Hausverwalter, seien in erster Linie für Fußgänger und Fahrzeuge gedacht. Nicht für Grün. "Aber Pflanzen sind doch sein Ding", sagte Mrs Wilson-Jones der BBC. "Er würde das nie wollen!"

Sieht alt aus, ist aber neu: die Straßen der Stadt Poundbury in der Grafschaft Dorset.
Foto: Maik Novotny

Er, das ist jene Person, die über der Hausverwaltung steht und seit kurzem auch über allen anderen Mitbürgern von Frau Wilson-Jones. Charles Windsor, vormals Duke of Cornwall und Prince of Wales, seit einer Woche King Charles III. Als solcher ist er – obwohl das Gärtnern in der Tat sein "Ding" ist – nicht mehr für Pflanzen in Hinterhöfen zuständig. Dies ist nun die Aufgabe des neuen Prince of Wales, Sohn William.

Der fragliche Hinterhof befindet sich in Englands Süden, im Städtchen Poundbury bei Dorchester. Eine Stadt, die es ohne Charles nicht gegeben hätte. Zum einen, weil das gesamte Land der Duchy of Cornwall also bis soeben ihm gehört. Zum anderen, weil er hier seine Idealstadt realisierte, deren Idee er 1989 in sein Buch A Vision of Britain hineinschrieb. Zu viele Architekten, klagte er, würden die Wünsche der normalen Menschen ignorieren. Und diese wünschten sich traditionelle Bauten und Städte anstatt hässlicher Wohnblocks aus Beton.

Dass ein astronomisch reicher Monarch sich als Fürsprecher normaler Menschen gerierte, entbehrte nicht einer gewissen Ironie, und die Architekturwelt reagierte mit genervtem Augenrollen auf die royale Kritik. Doch Charles verfolgte sein Hobby beharrlich weiter. Praktischerweise verfügt die Duchy of Cornwall im Vereinigten Königreich über 550 Quadratkilometer Grund und Boden, kein Problem also, eineinhalb davon für die Realisierung eines Thronfolgertraumes auszuwählen.

An der Stadt wird seit 1993 gebaut.
Foto: Maik Novotny

Strenge Regeln

Den idealen Partner fand Charles im Luxemburger Architekten Leon Krier. Dieser hatte eine eher ernste Spielart der Postmoderne verfolgt und sich mit Respektsbekundungen für Nazi-Baumeister Albert Speer an den ideologischen Rand manövriert. Für Charles plante er eine Art Dorf-Stadt direkt neben der Kleinstadt Dorchester in der Grafschaft Dorset. Ein Aquarell von Krier zeigte das Ideal: behaglich alt aussehende Häuser, Fußgänger und Fahrradfahrer in Tweed und Röcken, ein Auto im Hintergrund als einziger Hinweis auf die Gegenwart. Ein alternatives England, in dem Weltkrieg, Industrialisierung und Beatlemania nicht stattfanden und das Empire noch heil war. Eine Welt, so weiß wie die Royal Family vor Meghan Markle.

Heute ist Poundbury nahezu fertig und sieht, abgesehen von der Mode, exakt so aus wie das Aquarell von Leon Krier. Ein Stilmix aus Mittelalter und 18. Jahrhundert, garniert mit antiken Säulen. Eine saubere Welt ohne Werbetafeln, Straßenschilder und privates Alltagszubehör. Alles folgt konsequent dem Masterplan, mit strengen Gestaltungsregeln. Für die Haustüren sind nur ausgewählte "heritage colours" gestattet.

Der Coffeeshop am Buttermarket, dem Mittelpunkt des South West Quadrant, residiert in einem achteckigen Türmchen, das Interieur eine präzise kuratierte Welt des Retro-Hipstertums. Diese kleinen Einsprengsel von Gegenwart lassen die omnipräsente Vergangenheit noch surrealer wirken. Das alles ist so nice, dass es beunruhigt, so sicher, dass man sich unsicher fühlt. So perfekt, dass man Erleichterung über ein von einem unachtsamen Autofahrer zerbeultes Absperrgitter empfindet. Ist das eine Stadt oder eine Stadt-Simulation? Eine königliche Truman-Show?

Besuch beim Boss

Ein Besuch im Büro der Duchy of Cornwall, mitten in Poundbury, noch zu Lebzeiten der Queen. Leon Kriers Aquarell hängt gerahmt an der Wand, gegenüber ein Porträt von Charles, lächelnd. Seine Mitarbeiter hier, erfährt man, nennen ihn einfach "The Boss". Estates Director Ben Murphy erklärt die handfeste Realität der seltsamen Traumstadt. Vor allem junge Familien zögen hierher, aber auch Ältere schätzten die geringen Gehdistanzen. 35 Prozent der Wohnungen sind "affordable". Viele Jungunternehmer haben hier blühende Betriebe aufgebaut. Man ist fußgängerfreundlich und autofreundlich zugleich. Geschwindigkeitsbegrenzungen gebe es keine, doch alle hielten sich trotzdem daran. Geheizt wird mit erneuerbarer Energie aus Biomethan. Es gibt ein reges Vereinsleben.

Von der Architekturszene wurde die Stadt belächelt.
Foto: Maik Novotny

Wenn man von der Retro-Ästhetik absieht, klingt das alles zeitgemäß und vernünftig – und die Bauweise ist, mit wenigen Ausnahmen wie den bizarren Palastversatzstücken, bei denen sich die Architekten Quinlan Terry und Ben Pentreath austoben durften, von handwerklicher Sorgfalt, die man in England sonst selten findet. Vielleicht hatte Dietmar Steiner, langjähriger Direktor des AzW, doch recht, als er in seinem Vermächtnis Steiner’s Diary Lobeshymnen auf Poundbury sang und damit für konsternierte Reaktionen bei den architektonischen Zeitgenossen sorgte?

Architektur ist sein Hobby

Oder haben die Kritiker recht wie der britische Architekturpublizist Douglas Murphy, der Charles’ immer wieder neu formulierte architektonische Manifeste als reaktionären Unfug bezeichnete? "Wenn Charles die moderne Architektur verdammt, dann verdammt er die historischen Prozesse, die mit der industriellen Revolution begannen, und beklagt den Verlust der königlichen Macht in dieser Welt. Seine Träume von traditionellen Städten sind die Träume einer Welt, in der den Menschen ihr unverrückbarer Platz in der Gesellschaft zugewiesen wird."

Man solle doch, sagen die Befürworter der royalen Retro-Ästhetik, den Leuten geben, was sie wollen, und sie nicht erziehen wollen. Doch die Gestaltungsregeln in Poundbury sind weit strikter als in den geschmähten Betonwohnblocks der Moderne, die das bessere Leben für alle zumindest anstrebten. Möchte man wirklich im Traum eines Fürsten leben, der sich Architektur als Hobby leistete, um eine Aufgabe im Leben zu haben?

Ein nächtlicher Spaziergang durch Poundbury. Die Straßen sind menschenleer wie nach der Zombie-Apokalypse. Auf dem Queen Mother Square ragt die überlebensgroße Statue von Charles’ Großmutter als düstere Silhouette in den Himmel. An der Bushaltestelle ist das elektronische Display defekt und sagt: "No real time info available." Poundbury existiert in seiner eigenen Zeitzone. Für manche ein Traum, für andere ein Albtraum. (Maik Novotny, 24.9.2022)